Geist ist die Voraussetzung der Langeweile. Max Frisch

Tschüss, Pegida. Und nun?

Pegida wird bald wieder verschwunden sein. Der ausbleibende Erfolg und die Vorwürfe gegen Lutz Bachmann beerdigen die Bewegung. Aber was, wenn sie unter anderem Namen zurückkommt?

„Wir sind keine Nazis!“ ist vermutlich neben „Lügenpresse“ der meist zitierte Ausspruch der Pegida-Demonstranten. Wenn die Demonstranten das wirklich ernst meinen, müssen sie spätestens am kommenden Montag der Veranstaltung in Dresden und ihren Ablegern anderswo fernbleiben.

Die Vorwürfe gegen den Initiator Lutz Bachmann, die dieser bisher noch nicht einmal zu entkräften versucht hat, wiegen einfach zu schwer: Als „Viehzeug“, „Gelumpe“ und „Dreckspack“ soll er Flüchtlinge bezeichnet haben. Wer nun meint, immer noch an der Seite des mehrfach vorbestraften, gesellschaftlich als gescheitert zu bezeichnenden Pegida-„Führers“ mitmarschieren zu müssen, darf sich über Vergleiche mit den 1930ern wirklich nicht mehr wundern.

Auch ansonsten ist das Mobilisierungspotenzial der Bewegung an ihre Grenzen gekommen. Selbst im Vergleich zu den Landtagswahlen in Sachsen konnte sie nur eine überschaubare Zahl von Menschen mobilisieren, der Sprung in andere Städte hat überhaupt nicht funktioniert, sondern im Gegenteil deutlich größere Gegendemonstrationen provoziert. Pegida wird also aus der öffentlichen Debatte verschwinden. Das Gedankengut dahinter wird allerdings weiter existieren – und die Frage stellt sich: Was machen wir eigentlich, wenn es zurückkommt? Und zwar besser organisiert, nicht mit einem unkontrollierten Versager an der Spitze, sondern mit jemandem, der mit der Öffentlichkeit umgehen kann und sich keine Ausrutscher erlaubt?

Rassisten und andere Rechtsradikale

Bisher leben wir als Mehrheitsgesellschaft, als Verteidiger der offenen Gesellschaft, als Moderate und Demokraten davon, dass sich die Feinde unseres Lebensmodells immer wieder selbst ins Aus schießen. Die AfD versinkt zunehmend im Chaos und bekommt Islamhasser, Antisemiten, Rassisten und andere Rechtsradikale nicht in den Griff. Pegida scheitert an Bachmann und daran, dass manche Wirrköpfe es doch nicht schaffen, an einem Mikrofon ohne Kommentar vorbeizugehen. Und die Montagsmahnwachen waren so von Antisemiten und Wahnwichteln unterwandert, dass sich selbst Menschen, die mit radikalem Gedankengut durchaus sympathisieren, abgewandt haben. Man sollte die reale Gefahr aber trotzdem nicht unterschätzen. Deshalb sollten wir die Zeit relativer Ruhe nutzen, um Argumentation und Diskussion im Namen von Demokratie und Freiheit neu einzuüben. Vor allem aber brauchen wir Bekennermut.

Auf dem Autorenblog „Achse des Guten“ wird man derzeit von großflächigen Anzeigen begrüßt: „Wenn Sie diese Stimme weiter hören wollen, müssen Sie jetzt etwas tun“, heißt es dort, und man wird aufgefordert, eine Patenschaft zu übernehmen. Die Ironie des Schicksals will es, dass mich ausgerechnet Michael Miersch, einer der Gründer des Blogs, anlächelt. Gerade dessen Stimme wird man aber in Zukunft auf der „Achse des Guten“ nicht mehr vernehmen. Dafür hat er überzeugende Gründe formuliert – und zwar ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

„Auf der Achse hat sich eine Stimmung breit gemacht, die kaum noch etwas gemein hat mit der ursprünglich liberalen, weltoffenen und aufgeklärten Haltung dieses Autorenblogs“, schreibt er seinen Mitstreitern, darunter auch Henryk M. Broder und Gideon Böss, ins Stammbuch. Er kritisiert die „kulturpessimistische, anti-westliche, national-konservative“ Weltsicht, die namentlich auch von der AfD vertreten wird. Und er schreibt: „Ich möchte mich nicht mehr täglich ärgern, wenn Menschen verbal ausgegrenzt und herabgesetzt werden, weil sie als Moslems geboren wurden. Menschen nach Herkunft zu beurteilen, finde ich boshaft. Sippenhaft ist absolut inakzeptabel.“ Word!

Der nächste Angriff kommt

Dabei könnte Miersch es belassen und sich ansonsten still und leise zurückziehen. Man muss ihm allerdings dankbar sein, dass er genau das nicht getan hat. Vielmehr startet er den Rundumschlag, und zeigt damit, dass alles mit allem zusammenhängt: Hass gegen Muslime mit Antisemitismus, Hass gegen den Euro mit Hass gegen Homosexuelle. Besser als er könnte ich es kaum sagen, daher soll seinen Worten hier der entsprechende Raum gegeben werden: „Ich finde es auch nicht lustig, wenn auf der Achse behauptet wird, die EU ähnele immer mehr der UdSSR und der Euro sei die schlimmste Destruktion seit dem Zweiten Weltkrieg. Mir missfällt das reflexhafte Eindreschen auf alles, was unter dem Verdacht steht, ,links‘ zu sein. Ich finde nicht, dass das heutige Deutschland dekadent ist. Und ich finde auch nicht, dass sexuelle oder andere Abweichungen von der Norm Verfallserscheinungen sind. Mir geht die verlogene Idealisierung der christlichen Familie als Keimzelle der Nation gegen den Strich, genauso wie Häme und die Gehässigkeit gegenüber Minderheiten. Es ist etwas völlig Anderes, ob man sich über eine political correctness lustig macht, die jede noch so schräge Minderheit in Watte packen will, oder über Menschen, die solchen Minderheiten angehören“, schreibt Miersch, und zeigt, dass er weiter für die offene Gesellschaft steht, während viele seiner ehemaligen Mitstreiter zu deren Feinden gewechselt sind.

Man kann Miersch vielleicht vorwerfen, dass er zu spät den Mund aufgemacht hat. Man kann ihm vielleicht auch vorwerfen, dass er geht, anstatt zu kämpfen. Man muss ihm aber zugutehalten, dass er ganz bewusst einen Teil seiner treuen Leser vor den Kopf stößt, mit manchem verkauften Buch weniger rechnen muss, um deutlich zu machen, wo für ihn persönlich die rote Linie überschritten ist. Diesen Mut – gerade auch von explizit nicht als „links“ zu bezeichnenden Autoren – brauchen wir häufiger. Der nächste Angriff kommt bestimmt!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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