Tiefe Trauer

von Christoph Giesa7.01.2015Außenpolitik

Die Anschläge von Paris sind Anschläge gegen die offene Gesellschaft. Damit nutzen sie Islamisten wie Islamhassern gleichermaßen. Es ist zum Heulen.

Facebook-Profilbilder werden durch schwarze Banner ersetzt, #JeSuisCharlie wird bei Twitter zum Trending Topic. All das ist nett, es ist besser als nichts, aber in unserem Innersten wissen wir: Das, was drei kranke Irre vermutlich im Namen des Islam in Paris angerichtet haben, ist viel stärker, als alles, was wir dem gerade entgegensetzen können.

Wir können weiter Online-Petitionen unterzeichnen, “gegen Pegida”:http://www.theeuropean.de/christoph-giesa/9394-pegida-dem-hass-keine-chance und deren “Pauschalisierungen”:http://www.theeuropean.de/christoph-giesa/8795-die-aufklaerung-in-gefahr demonstrieren, dem radikalen Islamismus seine Legitimation absprechen, jeden verachten, der unsere offene Gesellschaft mit Füßen tritt und bei Twitter #NichtinmeinemNamen posten, es wird alles nichts bringen.

Scharfmacher werden es noch leichter haben

In Frankreich – aber nicht nur dort – werden rechtsradikale Parteien Zulauf haben, die Angst vor dem Islamismus wird sich weiter in die Gesellschaft fressen und dort als Abneigung gegen alle Moslems, alle, die es sein könnten – und gegen die liberale Gesellschaftsordnung an sich – wie ein Krebsgeschwür wuchern.

Scharfmacher werden es noch leichter haben, ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Damit wird 01/07 das nächste 09/11. Auch damals hieß es, man lasse sich seine Werte nicht nehmen – um dann aber genau das zu tun. Auf blinden Hass reagierte man in Teilen mit der Aufgabe demokratischer und humanistischer Prinzipien (Guantanamo und Abu Ghraib) und half den Angreifern damit dabei, ihrem eigentlichen Ziel ein Stück näher zu kommen: der Zerstörung der offenen, liberalen Gesellschaft, in der Chancen mehr zählen als Risiken und man eine Begründung braucht, um die Freiheit einzuschränken – und nicht anders herum.

Tiefe Trauer

Das Zynische an diesem Anschlag ist, dass er dabei all denjenigen, die die offene Gesellschaft ablehnen gleichermaßen nutzt: Den Islamisten (und nur denen, nicht aber den Muslimen an sich), weil er neue Märtyrer schafft und man sich gemeinsam am Lagerfeuer des Hasses auf die Welt wärmen kann. Der extremen Rechten, weil sie die Anschläge für ihre gruppenbezogenen menschenfeindlichen Forderungen ausschlachten wird. Aber auch den Putins dieser Welt, deren Menschenrechtsverletzungen gegenüber Muslimen etwa in Tschetschenien sich so viel besser relativieren lassen. Und nein, auch dieser Text wird an all dem vorerst nichts ändern können.

Heißt das, dass wir aufhören sollten, um den Erhalt der offenen Gesellschaft zu kämpfen? Heißt das, dass wir aufhören sollten, jede Übergriffigkeit auf unsere Freiheit aufs Schärfste zurückzuweisen? Heißt das, dass wir unsere demokratischen, rechtsstaatlichen Prinzipien auf dem Altar des Kampfes gegen die Feinde der offenen Gesellschaft opfern sollten? Auf gar keinen Fall. Aber ich für meinen Teil nehme mir zumindest heute die Zeit, einfach traurig zu sein und mit den Angehörigen der Opfer zu leiden. Mehr habe ich derzeit einfach nicht zu sagen.

P.S.: Verteidiger der offenen Gesellschaft, dringend gesucht. “Find us on Facebook …”:https://www.facebook.com/dieoffenegesellschaft

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Statt Zuwanderungsromantik lieber richtige Politik

Für viele Beschäftigte sind Kontrollverlust durch Kontrollverzicht und Staatsversagen in der Ausländerpolitik tägliche Lebensrealität. Deshalb sind viele Kolleginnen und Kollegen stinksauer über diese Art von Politik. Und wählen gar nicht mehr oder eben anders. Beides ist ihr gutes Recht.

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu