Man sollte jungen Mädchen alle Optionen zeigen – auch halbnackt auf einer Abrissbirne zu schwingen. Amanda Palmer

Tiefe Trauer

Die Anschläge von Paris sind Anschläge gegen die offene Gesellschaft. Damit nutzen sie Islamisten wie Islamhassern gleichermaßen. Es ist zum Heulen.

Facebook-Profilbilder werden durch schwarze Banner ersetzt, #JeSuisCharlie wird bei Twitter zum Trending Topic. All das ist nett, es ist besser als nichts, aber in unserem Innersten wissen wir: Das, was drei kranke Irre vermutlich im Namen des Islam in Paris angerichtet haben, ist viel stärker, als alles, was wir dem gerade entgegensetzen können.

Wir können weiter Online-Petitionen unterzeichnen, gegen Pegida und deren Pauschalisierungen demonstrieren, dem radikalen Islamismus seine Legitimation absprechen, jeden verachten, der unsere offene Gesellschaft mit Füßen tritt und bei Twitter #NichtinmeinemNamen posten, es wird alles nichts bringen.

Scharfmacher werden es noch leichter haben

In Frankreich – aber nicht nur dort – werden rechtsradikale Parteien Zulauf haben, die Angst vor dem Islamismus wird sich weiter in die Gesellschaft fressen und dort als Abneigung gegen alle Moslems, alle, die es sein könnten – und gegen die liberale Gesellschaftsordnung an sich – wie ein Krebsgeschwür wuchern.

Scharfmacher werden es noch leichter haben, ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Damit wird 01/07 das nächste 09/11. Auch damals hieß es, man lasse sich seine Werte nicht nehmen – um dann aber genau das zu tun. Auf blinden Hass reagierte man in Teilen mit der Aufgabe demokratischer und humanistischer Prinzipien (Guantanamo und Abu Ghraib) und half den Angreifern damit dabei, ihrem eigentlichen Ziel ein Stück näher zu kommen: der Zerstörung der offenen, liberalen Gesellschaft, in der Chancen mehr zählen als Risiken und man eine Begründung braucht, um die Freiheit einzuschränken – und nicht anders herum.

Tiefe Trauer

Das Zynische an diesem Anschlag ist, dass er dabei all denjenigen, die die offene Gesellschaft ablehnen gleichermaßen nutzt: Den Islamisten (und nur denen, nicht aber den Muslimen an sich), weil er neue Märtyrer schafft und man sich gemeinsam am Lagerfeuer des Hasses auf die Welt wärmen kann. Der extremen Rechten, weil sie die Anschläge für ihre gruppenbezogenen menschenfeindlichen Forderungen ausschlachten wird. Aber auch den Putins dieser Welt, deren Menschenrechtsverletzungen gegenüber Muslimen etwa in Tschetschenien sich so viel besser relativieren lassen. Und nein, auch dieser Text wird an all dem vorerst nichts ändern können.

Heißt das, dass wir aufhören sollten, um den Erhalt der offenen Gesellschaft zu kämpfen? Heißt das, dass wir aufhören sollten, jede Übergriffigkeit auf unsere Freiheit aufs Schärfste zurückzuweisen? Heißt das, dass wir unsere demokratischen, rechtsstaatlichen Prinzipien auf dem Altar des Kampfes gegen die Feinde der offenen Gesellschaft opfern sollten? Auf gar keinen Fall. Aber ich für meinen Teil nehme mir zumindest heute die Zeit, einfach traurig zu sein und mit den Angehörigen der Opfer zu leiden. Mehr habe ich derzeit einfach nicht zu sagen.

P.S.: Verteidiger der offenen Gesellschaft, dringend gesucht. Find us on Facebook …

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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