Ralf Dahrendorf wurde in den vergangenen Wochen wieder häufig zitiert, maßgeblich mit seinem Ausspruch aus den 90ern, in denen er vor der Einführung des Euro warnte, weil er davon überzeugt war, dass dieser Europa spalten würde. Nun kann man trefflich darüber streiten, ob wir gerade erleben, wie sich diese Voraussage bewahrheitet, oder ob es schlichtweg noch zu früh ist, das zu bewerten. Das soll an dieser Stelle allerdings nicht im Fokus stehen. Vielmehr soll das Augenmerk auf einen anderen Teil, in diesem Falle den allerletzten von Dahrendorfs üppigem Lebenswerk gelenkt werden.
In Erinnerung an den ehrlichen Kaufmann
Im Juli 2009, kurz nach seinem Tod, veröffentlichte der „Tagesspiegel“ Lord Dahrendorfs letztes Essay mit dem griffigen Titel „Die verlorene Ehre des Kaufmanns“. Dass dieser viel zu eng gegriffen ist, merkt man schon nach den ersten Zeilen. Denn dort wird nicht etwa das Kaufmannswesen skizziert und kritisiert. Vielmehr gibt der Autor einen knappen und präzisen Abriss dessen, was aus seiner Sicht zu der damals gerade akuten Finanzkrise geführt hatte – und was uns darüber hinaus noch bevorstehen dürfte, wenn wir uns nicht darauf besinnen, dass Kapital nur in einem Rahmen aus Freiheit einerseits und Verantwortung andererseits den Zweck der Wohlstandsmehrung erfüllen kann.
Dabei lässt sich Dahrendorf wie so oft nicht dazu hinreißen, in stürmischen Zeiten alles über Bord zu werfen und die Seiten von jetzt auf gleich zu wechseln (hat da jemand Merkel gerufen?). Vielmehr verknüpft er seine Kritik am „Turbokapitalismus“ mit einer deutlichen Verteidigung des marktwirtschaftlichen Gedankens. Das Problem sei daher nicht etwa gewesen, dass mit Geld Geld verdient wurde, wie man dieser Tage oftmals zu glauben scheint, wohl aber, dass mit geborgtem Geld Geld verdient wurde – was der ehrbare Kaufmann, wie man ihn gerade in den alten Hansestädten als Leitbild über Jahrhunderte hatte, niemals getan hätte. Auch bei der Frage nach der Schuld macht er es sich nicht so leicht, wie es sich manch anderer Bürger und Politiker macht. Obwohl er den Akteuren der Finanzwirtschaft durchaus eine „besondere Verantwortung“ zuschreibt, erinnert er auch an die Gier der Kunden (die wir mehr oder weniger alle sind), die sich eben auch nicht mehr mit den guten alten Sparbuchzinsen zufriedengeben wollten – und denen es dabei ziemlich egal war, woher das Geld kam, das ihre üppigen Zins- und Dividendenerwartungen befriedigen sollte. Darüber hinaus warnt er vor einer zu großen und blinden Staatsgläubigkeit.
Keine Freiheit ohne Verantwortung
Dahrendorf stand sein Leben lang für eine Freiheit, die ohne Verantwortung nicht gehen konnte. Und er stand auch dafür, dass Verantwortung eben nicht alleine an staatliche Institutionen abgetreten werden konnte, im Sinne eines modernen, steuerfinanzierten Ablasshandels. Dahrendorf nahm immer den Einzelnen als Teil der Gesellschaft in die Pflicht, verantwortlich zu handeln. Und zwar auch mit Blick über den Tag hinaus. Dabei stand er immer uneingeschränkt zur sozialen Marktwirtschaft oder auch einem „verantwortungsvollen Kapitalismus“, wie er es formulierte. Er steht damit denen entgegen, die aus einer linken Weltsicht heraus die Zeit gekommen sehen, der Marktwirtschaft den Todesstoß zu versetzen, wie es etwa die nimmermüde Sahra Wagenknecht sogar unter Zitierung von Erhard, Eucken und Müller-Armack derzeit versucht. Und er schreibt all denjenigen, die wie er aus guten Gründen „eine gehörige Portion Staatsskepsis“ in sich tragen und das System der sozialen Marktwirtschaft nicht wegen einigen zu kritisierenden Auswüchsen aufgeben wollen: „Die wichtigsten Veränderungen, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten nottun, betreffen Mentalitäten. Dass Unternehmer verantwortlich handeln, Entscheidungsträger Stakeholder berücksichtigen, Aktionäre sich nicht von süßen Reden und Geschenken der Vorstände betören lassen und überhaupt der Pumpkapitalismus wieder einem Sparkapitalismus Raum gibt, ist nur sehr indirekt durch staatliches Handeln zu bewerkstelligen. So wie das vorherrschende soziale Klima sich vor zwanzig Jahren verändert hat, muss es sich erneut ändern. Hier liegt die Aufgabe für alle tonangebenden Gruppen.“
Mit diesen Worten hinterlässt er uns eine echte Aufgabe. Dahrendorfs letzter Streich war, auch wenn es sich nur um ein relativ kurzes Essay handelte, seiner Zeit einmal mehr voraus – und ist neben all seinen Grundsatzwerken aus früheren Zeiten ein Vermächtnis, an dem wir vermutlich noch eine Weile zu kauen haben werden. Es lohnt sich aber allemal anzufangen.


















