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Schäfflers kleines Tagebuch

Unser Kolumnist hatte sich vorgenommen, Frank Schäfflers Buch eine faire Chance zu geben, doch dann beging er den Fehler es zu lesen.

fdp liberalismus AfD

Nachdem das „Handelsblatt“ Frank Schäfflers Buch „Nicht mit unserem Geld!“ schon vor seinem Erscheinen zum Bestseller erklärt hatte – und das dann widerrufen musste – war klar: Ich muss mir das Werk etwas genauer anschauen. Dass Frank Schäffler und ich selten einer Meinung sind, dürfte vielen Lesern bekannt sein. Nichtsdestotrotz habe ich mich seinem Buch mit Interesse und dem klaren Vorsatz einer fairen Betrachtung genähert.

Mir ist bewusst, dass sich die folgenden Zeilen allerdings kaum so lesen werden. Nur nehme ich für mich in Anspruch, dass das in diesem Fall nicht mein Fehler ist. Ich dachte, dass ich mich vor allem an den Inhalten reiben würde; aber das war dann überraschenderweise gar nicht der kritischste Punkt. Das größte Problem von „Nicht mit unserem Geld!“ ist ein ganz anderes: Es ist gähnend langweilig, schlecht geschrieben und eine unerträgliche Ansammlung von Drucksachen aus der Vergangenheit. Hätte Frank Schäffler den Verlagsvertrag nicht – wie in einem Interview zu lesen war – schon 2011 unterschrieben und offensichtlich gut verhandelt, er hätte für das Buch in dieser Form sicher keinen Abnehmer gefunden. Um das zu sagen, kenne ich den Literaturbetrieb inzwischen wohl gut genug.

Um die Kritik greifbar zu machen: Alleine 52 der insgesamt 262 Seiten sind reine Abdrucke von Bundestagsprotokollen, E-Mails, Briefen oder Papieren des „Liberalen Aufbruchs“, die Frank Schäffler jeweils komplett und ohne jede Auslassung zitiert, um immer wieder dasselbe zu sagen: Die Euro-Rettung in dieser Form ist falsch, schuld an dem ganzen Schlamassel ist das Geldsystem. Selbst für diejenigen, die das ähnlich wie er selbst sehen, dürfte die dauernde Wiederholung, ohne dass neue Argumente in die Debatte geworfen werden, schwer erträglich sein. Zumal die umfangreiche wörtliche Wiedergabe von Positionierungen anderer Politiker oder Ökonomen, die Schäffler für wichtig hält, in den oben genannten Zahlen noch nicht miteingerechnet sind. Etwa die Hälfte des Buches besteht aus der reinen Dokumentation der Euro-Rettung aus Schäfflers Sicht – mit einem ganz klaren Schwerpunkt auf seinem eigenen Handeln. Diese frappante Ich-Bezogenheit, das kann man, ohne unfair zu werden, bei diesem Buch wirklich sagen, nervt ab einem gewissen Punkt nur noch.

Er wird danebenliegen

Und was hat das Buch inhaltlich zu bieten? Es kommt ein wenig darauf an, von welchem Standpunkt aus man sich diesem Werk annähert. Wer bisher überhaupt keine Ahnung von der Geschichte des Geldes hat, sollte sich vielleicht zunächst mit Standardwerken auseinandersetzen, bevor er Schäfflers Ausführungen dazu deuten kann. Der Autor folgt den Überzeugungen der „Österreichischen Schule“, ohne kenntlich zu machen, dass diese in der Fachwelt eher als Minderheitenmeinungen angesehen werden. Andere Positionen werden kaum reflektiert, was den in Teilen wissenschaftlichen Duktus Schäfflers ad absurdum führt, weil dieser Ansatz das Buch handwerklich auf dem Niveau eines mittelmäßigen Volkshochschulkurses erscheinen lässt. Wer allerdings nur einen sehr groben Überblick über die Ideen der Österreichischen Schule bekommen möchte, dürfte zufrieden sein, muss dazu aber nicht unbedingt ein ganzes Buch kaufen und lesen. Schäfflers zahlreiche Kolumnen und Gastbeiträge reichen dafür auch – und sind in der Regel deutlich griffiger geschrieben.

Eines der größten Probleme des Buches ist, dass man nie so genau weiß, was es eigentlich sein will: Wirtschaftssachbuch oder politische Streitschrift? Warnung oder Rückblick? Vision oder Dokumentation? Schäffler hat versucht, alles miteinander zu verknüpfen – und dürfte damit fast alle unterschiedlichen Zielgruppen gleichermaßen enttäuschen. Der wohl stärkste Teil kommt ganz am Schluss – und ist leider viel zu kurz. Auf etwa drei Seiten skizziert der Autor, nach welchen Leitsätzen eine freie Gesellschaft funktionieren müsste. Diese Worte dürften bei Liberalen egal welcher Couleur kaum Widerspruch ernten, und man hätte sich gewünscht, dass der Autor diese Gedanken auch im Sinne einer nach vorne führenden Debatte weiter ausgeführt hätte.

Ob die von Frank Schäffler beschriebenen Horrorszenarien, darunter der „heiße Herbst“, den er voraussagt, in dieser Form Realität werden, wird sich in nicht allzu ferner Zukunft zeigen. Bisher hat auch der Bankenstresstest keine größeren Irritationen ausgelöst, worauf Schäffler wohl gesetzt hat. Die Inflation, vor der Schäffler – von ihm selbst in seinem Buch dokumentiert – bereits vor Jahren warnte, lässt ebenfalls bis heute auf sich warten. An seinen Voraussagen wird sich auch Frank Schäffler messen lassen müssen, aber den Strich darunter kann man gewiss erst später ziehen. Ich vermute, er liegt wie auch in der Vergangenheit auch meistens wieder ziemlich daneben.

Zwischen FDP und AfD

Bei aller Kritik gibt es übrigens doch einige Gruppen, denen ich die Lektüre des Buches empfehlen würde. Dazu gehören zum einen diejenigen, die Frank Schäffler als großen intellektuellen Vordenker eines neuen Liberalismus sehen – denn ihnen dürfte der Zahn nach der Lektüre gezogen sein. Vor allem aber, und das ist an dieser Stelle keine Ironie, sondern eine ernst gemeinte Wertschätzung, sollten sich diejenigen, die alleine aufgrund der Euro-Thematik irgendwo zwischen AfD und FDP hin- und herschwanken, das Buch zulegen. Schäffler argumentiert in seinem Buch nämlich rein ökonomisch, irgendwo zwischen liberal und libertär, durchaus angreifbar, aber ganz eindeutig nicht nationalistisch oder rechtspopulistisch. Wer das tut, das beweist Schäffler, der will es nicht anders.

Das macht deutlich: Liberale können von der FDP durchaus enttäuscht sein. Bei der AfD allerdings sind sie definitiv falsch. Wenn das das Einzige ist, was man aus „Nicht mit unserem Geld!“ lernen kann, es reicht bereits, um dem Buch eine Existenzberechtigung zu geben. Wer allerdings ein wirklich gutes Buch zur aktuellen Lage unserer Volkswirtschaft lesen will, dem lege ich persönlich lieber den liberalen aber undogmatischen Ökonomen Marcel Fratzscher mit „Die Deutschland-Illusion“ ans Herz – nicht so alarmistisch, dafür aber ausführlicher und in die Zukunft gewandt.

Der Link zum Buch: https://www.m-vg.de/finanzbuchverlag/shop/article/2713-nicht-mit-unserem-geld/

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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