Wenn etwas automatisiert werden kann, dann wird es automatisiert werden. Clay Shirky

Lustiger Lucke

Bernd Lucke hat es geschafft: Nach ihm ist nun eine eigene Maßeinheit benannt. Diese und andere Skurrilitäten rund um die AfD verleiten unseren Kolumnisten dazu, mit einem Vorsatz zu brechen.

Ich hatte es mir wirklich vorgenommen, schon seit Wochen: Keine Texte mehr zur AfD, dieser Partei der übellaunigen Primitivbürger, der Rechtsradikalen, der Islamhasser und der Antisemiten. Alleine schon, weil es schlecht fürs Karma ist, sich den ganzen Tag mit solchen Leuten zu beschäftigen. Aber dann kamen Bernd Lucke und seine Freunde und drehten wieder einmal richtig auf. Und was soll ich sagen: Es war mir fast schon ein körperliches Bedürfnis, mich mit den Absurditäten der letzten Tage auseinanderzusetzen.

Lucke hat zu Heinrich Lübke aufgeschlossen

Aber werfen wir zunächst einen Blick zurück, so in die 1960er-Jahre, als Heinrich Lübke Bundespräsident war. Aufgrund seiner zahlreichen Fehlgriffe bei öffentlichen Auftritten wurde im Volksmund die kleinste messbare Intelligenzeinheit als „ein Lüb“ bezeichnet. Der (Noch-)AfD-Vorsitzende Bernd Lucke darf nun für sich in Anspruch nehmen, zu Lübke aufgeschlossen zu haben. Denn seit Kurzem wissen wir: Die kleinste messbare Zeitspanne zwischen zwei dann doch irgendwie nicht ernst gemeinten Rücktrittandrohungen beträgt genau ein „Luck“.

Überhaupt sorgt Bernd Lucke derzeit mächtig für Belustigung, was einmal mehr – nach „Lucky Lucke“ am Anfang und „Lügen-Lucke“, wie er seit einiger Zeit von Forsa-Chef Manfred Güllner liebevoll genannt wird – zu einem wunderbaren Wortspiel einlädt: Ich nenne den lieben Bernd ab sofort nur noch den „lustigen Lucke“. Und für die Verleihung dieses Kosenamens hat er sich wirklich mächtig ins Zeug gelegt. So klagt unser Held über die schier unmenschliche Arbeitsbelastung, die ihm so als durchschnittlichem Hochschullehrer fremd zu sein scheint.

Was Angela Merkel oder Sigmar Gabriel dazu wohl sagen würden, die im Gegensatz zu Lucke nicht nur Hinterbänkler im Europaparlament sind, sondern ein Land regieren und nebenbei auch noch richtige Parteien führen – also solche mit Mitgliedern, dafür aber ohne angeschlossenen Goldhandel –, ist nicht überliefert. Ganz davon ab ist es urkomisch, dass sich der arme überlastete Mann trotz dieses enormen Arbeitspensums seiner Co-Vorsitzenden entledigen will. Ein alleiniger Chef hat aus seiner Sicht wohl deutlich weniger zu tun, als wenn die Arbeit auf drei Schultern verteilt wird. Interessante Theorie.

Ein Nachfolger mit ähnlich viel Potenzial für Wortspiele steht bereit

Dass diese mit Logik wenig zu tun hat, stört unseren Lieblingsspaßvogel allerdings kaum. Immerhin, damit bleibt er sich treu. Das lässt sich auch an einem weiteren lustigen Beispiel belegen, nämlich der Frage nach Rechtsradikalen oder gar Rechtsextremen in und um die AfD. Am 11. September war er davon überzeugt, dass es keinerlei Berührungspunkte mit Rechtsradikalen gebe. Am 12. Oktober sprach er dann davon, dass es „relative viele“ sogar rechtsextreme Einzelfälle in der Partei gebe. Um dann am 24. November festzustellen: „Rechtsradikalismus haben wir wirklich nicht in der AfD“. Ja nee, is klar. Einmal im Monat darf man ruhig seine Meinung ins Gegenteil verkehren. Zumindest wenn man der lustige Lucke ist. Oder Garfield, denn der wusste schon vor Jahren, was in der AfD jetzt zur Politik erhoben wird: „Wenn du sie nicht überzeugen kannst, verwirr sie!“

Es scheint leider, als ob Bernds Tage an der Spitze der AfD gezählt sind. Seine erhöhte Schlagzahl an Pointen in den letzten Wochen lässt aber ahnen: Wenn der lustige Lucke geht, dann nur mit einem ordentlichen Finale. Darauf dürfen wir gespannt sein. Und ein Nachfolger mit ähnlich viel Potenzial für Wortspiele und neue Maßeinheiten läuft sich ja auch schon warm: Alexander Super-GAUland. Meine Damen und Herren, werfen Sie also die Popcorn-Maschine an, die AfD-Tournee geht weiter. Immer neu, immer überraschend, immer Harakiri. Und ganz sicher frei von gesundem Menschenverstand.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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