Deutschland ist nicht Stalingrad, die CSU ist nicht die Wehrmacht, und die Einwanderer sind nicht die Rote Armee. Dieter Janecek

Keine Eier beim DFB?

Der FC Barcelona hat sich danebenbenommen, ausbaden dürfen es traumatisierte Flüchtlingskinder. Und der DFB schaut tatenlos zu. Zum Kopfschütteln.

Es war so ein Moment, bei dem man an nichts Böses denkt und einem dann, beim Aufschlagen der Zeitung, ganz unvermittelt das Brötchen in den Kaffee fällt. Der Grund dafür ist eine Geschichte von Sascha Nicolay, Sportreporter für die Nahe-Zeitung, nach der man sich fragt, was beim großen DFB, dem DFB der Weltmeister von 2014, dem DFB, der sich Integration nach außen hin immer in größten Lettern auf die Fahnen schreibt, eigentlich für mutlose Zyniker die Verantwortung tragen. Denn die Message ihres Handelns ist mit „Kein Fußball für Flüchtlingskinder“ so knapp wie präzise beschrieben.

„Anweisung von oben“

Die Geschichte, die die Selbstdarstellung des DFB ins Wanken bringt, geht ungefähr so: Weil der FC Barcelona – und wohl auch andere Clubs – sich in der Vergangenheit nicht darum geschert haben, was die Eltern meinten, wenn sie einen Minderjährigen verpflichten wollten, verhängte die FIFA nicht nur eine Transfersperre für die Katalanen, sondern verschärfte auch die Regeln, nach denen ausländische Kinder am Spielbetrieb in den Mitgliedsverbänden teilnehmen dürfen. Das hört sich zunächst vernünftig an, hat aber einen Haken: Die neuen Regeln sind nicht auf kommerziell ausgerichtete Fußballkonzerne wie den FC Barcelona beschränkt, sondern gelten auch im Amateurbereich.
In diesem tummelt sich auch der SV Niederwörresbach. Keine Meistertitel, keine Pokalsiege, die Herrenmannschaft spielt in der A-Klasse und steht auf dem 10. Platz, dicht gefolgt vom FC Bärenbach. So weit, so unspektakulär.

Erwähnenswert ist der Club aber aus einem anderen Grund. Denn in Niederwörresbach gibt es auch ein Kinderheim, wo unter anderem Flüchtlingskinder, derzeit etwa aus dem Irak und Syrien, untergebracht sind. Und mit diesem Heim gibt es seit Jahren eine unproblematisch laufende Kooperation, mit dem Ziel, den Kindern über den Fußball bei der Integration zu helfen – und ihnen vielleicht für einen Moment die Möglichkeit zu geben, aus ihrer traurigen Welt ohne Eltern zu entfliehen.

Seit allerdings seit einigen Monaten die neuen FIFA-Regeln vom DFB auch in Deutschland angewandt werden, hat sich das mit der Integration durch Fußball erst mal erledigt, dürfen den Flüchtlingskindern doch von der Passstelle keine Spielerpässe mehr ausgestellt werden; „Anweisung von oben“, heißt es dann bedauernd. Auch der Südwestdeutsche Fußballverband möchte sich nicht äußern und verweist an den DFB. Und der wiederum möchte das Thema am liebsten klein halten, antwortet ausweichend und schiebt es auf die lange Bank, wie auch eine Anfrage des FDP-Landtagsabgeordneten Marc Lürbke ergeben hat. Eine Lösung im November? Und auch nur vielleicht, denn man weiß ja nicht, ob das Thema dann nicht durch ist? Ganz sicher nicht, lieber DFB!

Wer eine Lösung will, findet sie sicher

Dank vieler helfender Hände, neben Lürbke haben sich auch noch seine Fraktionskollegen Jo Stamp und Christian Lindner sowie die Hamburger FDP-Fraktionsvorsitzende Katja Suding um das Thema gekümmert, wird die Problematik derzeit von allen Seiten an den DFB herangetragen. In NRW wird sich die Landesregierung im Rahmen einer Kleinen Anfrage mit der Frage beschäftigen, wie viele ähnliche Fälle es denn gibt. Der DFB geht von Einzelfällen aus, aber so sicher wäre ich mir da nicht. Insgesamt ist das Passwesen wohl für ausländische Kinder eine extrem hohe Hürde, weswegen eine nicht unerhebliche Dunkelziffer durchaus möglich ist.

Ganz davon abgesehen, muss man es tatsächlich eine Farce nenne, dass der DFB die Unterschrift des offiziellen Vormunds, also des Jugendamts oder eines Kinderheims, der in Deutschland ansonsten alles für die Kinder unterzeichnen darf, nicht akzeptieren will. Eine Unterschrift der Eltern will man haben. Dass die Kinder selbst im Zweifel gar nicht wissen, ob ihre Eltern noch leben, ist den Bürokraten egal. Probleme mit dem Versicherungsstatus werden außerdem angegeben. Aber ganz im Ernst: Warum ging das in der Vergangenheit und soll heute nicht mehr gehen? Wer eine Lösung will, findet sie sicher. Alleine im Sinne der oftmals traumatisierten Kinder sollte das möglich sein.

Übrigens: Immerhin 703 Treffer gibt es auf dfb.de für den Begriff „Integration“. Eine Kampagne des DFB wurde sogar mit einem Preis ausgezeichnet und honoriert. Auf einem der Plakate sieht man einen farbigen Jugendlichen, dazu die Aussage „Sein Pass spielt keine Rolle. Seine Pässe schon“.

Das wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Gerade geht durch die Medien, dass in verschiedenen Unterkünften Flüchtlinge misshandelt wurden. Der DFB tritt mit seinem Verhalten zumindest die Würde von fußballbegeisterten Flüchtlingskindern mit Füßen.

Angst vor der FIFA

Vermutlich steckt hinter alldem eher die Angst, sich mit der großen FIFA anzulegen. Aber was ist das denn bitte für ein Verständnis von Staatsbürgerlichkeit? Wer auf der Homepage des DFB nach „Zivilcourage“ sucht, findet 35 Treffer. Gefeiert werden vor allem Fans, die sich Rassisten und Gewalttätern in den Weg gestellt haben. Diese Leute haben oftmals ihre Gesundheit riskiert, die DFB-Bürokraten würden höchstens – ja was eigentlich? – riskieren. Vermutlich fehlt es einfach an dem, was Torhüter-Titan Oliver Kahn so gerne einfordert, nämlich an Eiern (was natürlich im übertragenden Sinne gemeint ist, kein Grund für einen #aufschrei also …).

„Ein wenig mehr Mut!“, möchte man den Verantwortlichen in Frankfurt also zurufen. Auch im Sinne der eigenen Glaubwürdigkeit.

Update: Der DFB hat reagiert, der Druck hat gewirkt.

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