I am not convinced. Joschka Fischer

Zeit für Helden

Wir leben in unruhigen Zeiten, die von politischen Verwerfungen, gesellschaftlichen Herausforderungen oder gar bewaffneten Konflikten gekennzeichnet sind. Das bietet allerdings auch Chancen.

In Westafrika wütet Ebola und hat inzwischen fast 3.000 Menschenleben gekostet. Wer sich infiziert, hat kaum Überlebenschancen. Selbst dann nicht, wenn er aus Europa kommt und ihm die beste medizinische Versorgung überhaupt zuteil wird. Trotzdem ziehen Menschen in den Kampf. Freiwillig. Nicht allerdings, um wie vor 100 Jahren in großer Euphorie über den Erbfeind herzufallen. Nicht, um ihre Jugend in Schützengräben zu verbringen und ihr Leben dort auszuhauchen. Sondern, um Ebola den Kampf anzusagen, immer im Wissen, dass sie das nächste Opfer sein könnten.

Im Irak und Syrien breitet sich die Terrororganisation Islamischer Staat immer weiter aus. Auch dort sind Journalisten und vor allem Hilfsorganisationen pausenlos im Einsatz, um die Zivilbevölkerung, um ethnische und religiöse Minderheiten vor den Gräueltaten der Barbaren zu schützen. Immer wissend, dass jeder von ihnen das nächste Opfer sein könnte. Das sind nur zwei Beispiel von vielen, mit denen ich deutlich machen will: Diese Menschen sind für mich wahre Helden.

Held sein ist einfach

Nun ist ja nicht so, dass uns die Krisen dieser Welt kalt lassen können. Auch wenn man angesichts von Debatten wie der über die Autobahnmaut das Gefühl haben könnte, wir hätten keine ernsthaften Probleme mehr in unserem goldenen Käfig mitten auf einem Krisenkontinent, der wiederum inmitten einer noch krisenhafteren Welt liegt. Über kurz oder lang kommen die Auswirkungen der Konfliktherde rund um den Globus auch bei uns an. Das ist eine Herausforderung. Man kann es aber auch als Chance begreifen.

In den dunkelsten Zeiten der Geschichte gab es immer wieder Menschen, die wahre Größe zeigten, die ihr Leben riskierten, um das Richtige zu tun. Helden eben. So wie Graf Stauffenberg und seine Mitverschwörer oder der Judenretter Schindler, dem durch den Film „Schindlers Liste“ ein Denkmal gesetzt wurde. Wir alle haben von diesen Menschen in der Schule gehört, Berichte über sie gesehen, Bücher über sie gelesen. Schwierige Situationen, das haben wir gelernt, trennen die Spreu vom Weizen. Oder eben die Helden von den Mitläufern. Und wir alle haben uns geschworen: Wenn wir in solch eine Situation kommen sollten, werden wir auch mutig sein. Nur haben wir kaum geglaubt, dass wir uns jeweils beweisen werden müssten. Und doch, die Zeit ist gekommen. Es sind wieder Helden gefragt.

Nun muss man, und das ist die gute Nachricht, noch nicht einmal nach Westafrika oder in den Nordirak reisen, um ein moderner Held zu sein. Sich daran zu beteiligen, dass die Helfer vor Ort die nötigen Geldmittel zur Verfügung haben, dass die Öffentlichkeit geschaffen wird, um das Thema auch hier bei der Politik auf der Prioritätenliste nach oben zu schieben, ist schon ein wichtiger Schritt. Aufmerksamkeit für wichtige Anliegen zu erregen, kann eine Menge bewirken, wie die virale Welle rund um die Ice Bucket Challenge gezeigt hat. Die Spendensummen sind nicht nur bei ALS-Institutionen massiv angestiegen, sondern auch bei vielen anderen NGOs mit den unterschiedlichsten Zielen. Warum treten wir jetzt nicht die nächste Welle los und unterstützen Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder die Grünhelme von Rupert Neudeck?

Eine unglücklich schweigende Mehrheit

Aber nicht nur Geld ist gefragt. Auch hier in Deutschland gibt es zunehmend Chancen, zum Helden zu werden. Die Zahl der Flüchtlinge steigt in den letzten Monaten radikal an, und überfordert Europa, den Bund, die Länder und die Kommunen gleichermaßen. Niemand, so scheint es, hat damit gerechnet, dass wir noch einmal mit solchen Mengen an Menschen umgehen müssten, die bei uns nach Schutz suchen. Händeringend wird nach gleichermaßen menschenwürdigen und bezahlbaren Unterkünften gesucht.

Jedem denkenden Menschen müsste klar sein: Wenn sich Deutschland der Verantwortung nicht entziehen kann, dann muss auch jede Region ihren Teil beitragen. Zumal wir immer noch über vergleichsweise geringe Zahlen reden, wenn man nur einen Blick auf die Herausforderungen wirft, mit denen die Türkei, Jordanien oder der Libanon konfrontiert werden. Diese Erkenntnis scheint allerdings nicht überall angekommen zu sein. Im Gegenteil: In manchen Gegenden bilden sich Bürgerinitiativen mit einem klaren Ziel: Keine Flüchtlinge vor unserer Haustür. An die Spitze des oftmals unschön eingefärbten Protests setzen sich rechtsextreme Gruppen wie die NPD. Und ja, auch die AfD spielt hier mit dem Feuer – und damit eine unschöne Rolle.

Es ist noch keine 25 Jahre her, da sorgte die Mischung aus Flüchtlingselend und gezielt geschürter Überfremdungsangst in einigen deutschen Städten für Anschläge – und um die 20 Tote. Damals fehlten die Helden. Diejenigen, die mit der Hetze nichts anfangen konnten, waren auch damals schon in der Mehrheit. Allerdings eine unglücklich schweigende Mehrheit. Auch damals haben wir uns geschworen: Nie mehr! Wir sind Hand in Hand auf die Straße gegangen, haben Kerzen angezündet. Jetzt ist die Zeit, dieses Versprechen einzulösen. Und zwar indem wir hilflosen Menschen die Hand reichen. Indem wir uns engagieren. Und indem wir Flagge zeigen, schon bevor etwas passiert. Jeder, der sich dieser Verantwortung nicht entzieht, ist für mich ein wahrer Held unserer Zeit.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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