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Gar nicht frank und frei

Das „Handelsblatt“ macht Hofberichterstattung für Frank Schäfflers neues Buch und verirrt sich dabei in den Untiefen von Amazon. Protokoll eines Scheiterns.

Beim Handelsblatt Online schreibt man offensichtlich sehr gerne über den FDP-Eurorebellen Frank Schäffler. Auch weil ich mit dessen Positionen so gar nichts anfangen kann, lese ich in der Regel, was er so in den Sozialen Netzwerken postet. Und vor zwei Tagen war das ein Artikel auf Handelsblatt Online mit folgender flotter Überschrift: „FDP-Politiker stürmt mit Anti-Euro-Buch Amazon-Charts“.

Nun weiß ich, dass Schäfflers Buch dieser Tage erscheinen soll, viel mehr interessierte mich aber, an was die Redaktion des Handelsblattes diese Aussage zwei Wochen vor der Veröffentlichung festmachen wollte. Ein Blick in den Text brachte Klarheit – und das erste Gelächter:

„Insgesamt – Stand 1. September 14 Uhr – wurden demnach 10.200 Exemplare im Kindle-Shop bezahlt.“

Das wäre tatsächlich ein massiver Charterfolg, aber die verlinkte Seite zeigte, dass es sich nicht etwa um die Zahl der verkauften Bücher handelte (die gibt Amazon nämlich gar nicht an), sondern um den Verkaufsrang. Und als Autor mehrerer Bücher weiß ich eines sicher: Plätze rund um die 10000 stehen in der Regel nicht einmal für eine zweistellige Zahl verkaufter Bücher in letzter Zeit.

Fehler passieren, also wies ich den Redakteur Dietmar Neuerer über Twitter auf seinen hin. Und erntete eine arrogant-patzige Reaktion:


Auch die geänderte Überschrift war falsch

Ja, guter Punkt. Gilt aber eher für ihn selbst, als für mich. Erst als der renommierte Journalist Detlef Gürtler mir zur Seite sprang, nahm sich Neuerer des Themas noch einmal an. Allerdings wieder nicht mit der notwendigen Sorgfalt. Er fügte in den ansonsten kaum veränderten Text – und bei gleichbleibender Überschrift – folgenden Kommentar ein:

„Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Fassung des Artikels war fälschlicherweise von 10.200 im Kindle-Shop verkauften Buchexemplaren die Rede. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.“

Immerhin. Nur dummerweise war mit diesem Fehler die gesamte Aussage des Artikels hinfällig, insbesondere die Überschrift (wir erinnern uns: Da stand etwas von gestürmten Charts…). Auch darauf wies ich den Redakteur wieder hin, worauf keine Reaktion mehr kam. Ich erlaubte mir also, die Redaktion mit einem entsprechenden Hinweis zu bedenken. Die meldete sich dann auch in Person von Nils Rüdel, immerhin Ressortleiter Politik. Ich weiß nun nicht, was beim „Handelsblatt“ intern los war. Mir teilte man nur mit, Text und Überschrift seien geändert. Ich warf also einen Blick auf die Seite und wurde vom nächsten Lach-Weinkrampf geschüttelt. Die Überschrift war nämlich folgendermaßen geändert worden:

„FDP-Politiker stürmt Wirtschafts-Charts bei Amazon“

Dummerweise ist diese Überschrift aber genauso großer Schwachsinn wie die vorherige. Denn wie die von Detlef Gürtler eingerichtete NovelRank-Seite zeigte, sind in der Zeit zwischen Montagnachmittag und Dienstagnacht ganze (festhalten!) acht (in Zahlen: 8) Kindle-Exemplare von Schäfflers Buch bestellt worden. Das ist, um es ganz klar zu sagen, keine Schande für Frank Schäffler. Das Buch ist ja noch nicht einmal erschienen. Es geht hier nur um die unglaublich unsaubere Arbeit der Handelsblatt-Online-Redaktion.

Ein leicht zu durchschauender Fehler in der Systematik bei Amazon

Auf diese Statistik wies ich Herrn Rüdel nochmals hin (zu dem Zeitpunkt waren es sogar nur zwei Exemplare). Er bedankte sich und wollte sich des Themas noch einmal annehmen. An der komplett in die Irre führenden Überschrift hat sich allerdings nichts mehr geändert. Und auch folgender – geänderter – Text ist immer noch online zu finden:

„Das E-Book sprang auf Platz eins im Kindle-Shop in der Rubrik „Volkswirtschaftslehre/Allgemein“ und „Wirtschaft/International“. Bei den bezahlten Kindle-Titeln liegt das Werk auf einem Rang um die 3000, im gesamten Amazon-Buchangebot freilich nur um die 7 Millionen.“

Wer nun die Birne anschmeißt, merkt schnell: Acht verkaufte E-Books und ein Verkaufsrang um die 7 Millionen, das kann nun wirklich (noch) kein Bestseller sein. Der Knaller kommt aber erst noch. Bei einem nochmaligen Blick auf die Verkaufsseite des Printbuches ist mir nämlich aufgefallen: Das Buch ist noch nicht einmal vorbestellbar. Oder anders ausgedrückt: Es sind bisher genau null (in Zahlen: 0) Exemplare vorbestellt bzw. verkauft. Insgesamt dürfte die Verkaufszahl aus Print und E-Book bei Amazon also unter 20 liegen. Aber auch das ist den „Rechercheuren“ von Handelsblatt Online wieder nicht aufgefallen, wie folgende Textpassage zeigt:

„In der kurzen Zeit hat es das gedruckte Buch schon auf Platz 6 im Bereich Volkswirtschaft gebracht (Stand: 2. September, 10 Uhr).“

Nicht schlecht für ein Buch mit keinem einzigen verkauften Exemplar. In der Realität aber nur ein leicht zu durchschauender Fehler in der Systematik bei Amazon. Die Ankündigung des Ressortleiters, man wolle sich Zahlen und Systematik der Amazon-Rankings noch einmal anschauen wurde allerdings entweder a) nicht in die Tat umgesetzt, oder b) nicht verstanden oder c) verstanden, führte aber aus welchen Gründen auch immer nicht zu einer entsprechenden Reaktion. Die bestünde nämlich entweder darin, den inzwischen komplett absurden Artikel offline zu nehmen oder eine umfassende Korrektur online zu stellen.

Journalistische Distanz wird vermisst

Vor dem Hintergrund, dass der Artikel auch ansonsten eine journalistische Distanz vermissen lässt und am selben Tag vom selben Redakteur ein weiterer Artikel über Frank Schäffler veröffentlicht wurde, der ähnlich distanzlos war – und ebenfalls sein Buch erwähnte –, muss man allerdings davon ausgehen, dass zumindest Dietmar Neuerer eine sehr große Sympathie für den Politiker pflegt und daher die Spielregeln journalistischer Hygiene nicht allzu genau nehmen wollte.

Weder wurde ordentlich recherchiert noch eine ordentliche Korrektur ausgeführt. Dass Neuerers Chef ihm am Ende zumindest insoweit den Rücken frei hielt, dass auch er die offensichtlichen Fehler und falschen Behauptungen des Artikels nicht korrigieren wollte, spricht für einen falschen Corpsgeist.

Die Redaktion von Handelsblatt Online hat sich an dieser Stelle ein ordentliches Ei ins Nest gelegt. Ihr Verhältnis zu Frank Schäffler, aber auch zu anderen Politikern, wird in Zukunft sicher unter verstärkter Beobachtung stehen und der Fall liegt, nachdem das Blatt mehrfach die Möglichkeit hatte, nachzubessern, inzwischen beim Bildblog und beim Presserat. Die Verantwortung, die Journalisten gerade in aufgeheizten Zeiten haben, in denen die „Systempresse“ und die „Mainstreammedien“ kollektiv als Lügner hingestellt werden, ist riesig.

Den Kollegen von Handelsblatt Online scheint das nicht bewusst zu sein. Daher empfehle ich einen erneuten Blick in den Pressekodex. Und um es mit Dietmar Neuerers eigenen Worten zu sagen: „Ich empfehle, nicht nur zu lesen, sondern auch zu verstehen.“ Das kann Wunder wirken…

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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