Das Schöne ist, ich bin ja nur im Ausland zur Diplomatie verpflichtet. Guido Westerwelle

Der neue Pauschaltarif

Antisemitische Sprechchöre auf den Straßen, rassistische Verallgemeinerungen in der „Bild am Sonntag“ – die Pauschalisierung ist zurück auf der politischen Bühne. Leidtragender ist das Individuum.

Wer beim sonntäglichen Grillen mit Freunden oder auch im Feuilleton deutscher Qualitätsmedien die Verrohung der Sitten aufgrund eines übersteigerten Individualismus, ja Egoismus, beklagt, der braucht sich um Applaus nicht zu sorgen. Inzwischen muss man die Ereignisse der letzten Wochen, Monate, gar Jahre jedoch aus einer anderen Perspektive sehen.

Nicht der Individualismus ist an vielen Stellen das Problem, sondern vielmehr die Rückkehr zur Pauschalisierung und zur Zwangskollektivierung von Personengruppen. Um sie im nächsten Schritt verächtlich machen zu können. Das dafür gerne benutzte „Man wird ja wohl noch sagen dürfen …“ ist daher mehr als nur ein dummer Spruch, es ist ein unmittelbarer Angriff auf die zentralen Gedanken der Aufklärung – und damit auf die Basis für unser gesellschaftliches Zusammenleben.

Alles begann, als nur noch von „den Muslimen“ gesprochen wurde

Begonnen hat dieser Prozess vermutlich mit 9/11. Danach waren auch in Deutschland muslimische Mitbürger plötzlich nur noch „die Muslime“. Selbst wenn diese sich selbst vielleicht in erster Linie als Bürger ihrer Stadt, als Mitglied im lokalen Fußballverein, als Anhänger von Bayern München, als fauler Student, als Arbeiter bei Volkswagen oder als säkularer Weltbürger sahen. All das zählte nicht mehr. Sie waren plötzlich nur noch Teil von „denen“, Mitglied einer Gruppe, selbst wenn diese ihnen selbst vielleicht weitgehend fremd war. Vor allem aber wurden sie über Nacht zu Außenseitern der Gemeinschaft, in der sie aufgewachsen sind. Ob sie nun wollten, oder nicht.

Vollends manifest wurde diese Sichtweise spätestens mit Sarrazins Hasstiraden. Mittlerweile muss man leider feststellen, dass der abwertende, abgrenzende Blick auf Mitbürger muslimischen Glaubens bis tief in die Mitte der Gesellschaft eingesickert ist. Die pauschalisierenden, ehrverletzenden und im Ergebnis rassistischen Aussagen des stellvertretenden „BamS“-Chefredakteurs Fest sind dafür nur ein Beleg.

Weitere Beispiele für diesen Trend zur Entindividualisierung sind schnell gefunden. „Die Griechen“, „die Bulgaren und Rumänen“ oder gleich „die Südländer“ – wurden früher einige Jahrzehnte lang zwar als Stereotype, jedoch mit einem gewissen Augenzwinkern genutzt. Inzwischen jedoch sind diese Begriffe fast immer abwertend gemeint. Selbst wer als Griechischstämmiger in Deutschland geboren ist, muss mit Vorurteilen rechnen – seine Leistung, seine Überzeugungen, sein Verhalten als Individuum treten in den Hintergrund. Plötzlich muss man sich für Dinge rechtfertigen, mit denen man persönlich nichts zu tun hat.

Die Logik der Wolfsgesellschaft

Als säkularer deutscher Jude etwa wird man plötzlich für die Politik eines Landes verantwortlich gemacht, das man höchstens einmal aus Urlauben kennt, dessen Sprache man nicht spricht, dessen Politik man womöglich nicht einmal befürwortet. Was ist das, wenn nicht die Auflösung fundamentaler Prinzipien, die in einem liberalen Rechtsstaat gelten sollten?

Dass dabei gerade aus den Reihen von Muslimen nun schlimme antisemitische Ausfälle zu vernehmen waren, ist der beste Beweis für die Gefährlichkeit der in Gang gesetzten Spirale. Wer als Moslem pauschal alle Juden für vermeintliche Verbrechen im Nahostkonflikt verantwortlich macht, begeht denselben Fehler wie diejenigen, die alle Moslems für islamistischen Terror in die Pflicht nehmen. Die weite Verbreitung dieser Pauschalurteile hat gewiss auch damit zu tun, dass es nicht mehr reicht, sich als Einzelner von einer Gruppe zu distanzieren.

Um aus dem Fadenkreuz der Hasstiraden zu entkommen, glaubt man, den Hass auf eine andere Gruppierung lenken zu müssen. Und außerdem: Wenn man selbst diskriminiert wird, warum sollte man dann nicht seinerseits andere diskriminieren? Das allerdings ist die Logik der Wolfsgesellschaft. Und es ist daher leider auch kein Zufall, dass radikalisierte Muslime in ihrem Judenhass plötzlich Seit an Seit mit deutschen Rassisten marschieren, die sich ansonsten nichts mehr wünschen, als dass alle „Schwarzköpfe“ wenn schon nicht verrecken, dann doch wenigstens das Land verlassen mögen. Man möchte sich nicht überlegen, was als Nächstes folgt.

Keine Chance mehr, als Individuum betrachtet zu werden

Die Erfolge aus dem jahrhundertelangen Kampf gegen Ausgrenzung, dagegen, durch Geburt in einer Schicht gefangen zu sein, mit vorher festgelegten Lebenschancen und ohne Betrachtung der individuellen Fähigkeiten, sind in Gefahr.

Vorurteile und Ressentiments gewinnen wieder an Boden, ob nun gegen Muslime, Juden, Türken, Araber oder Südeuropäer, Schwule oder „Zigeuner“, aber auch gegen „die Deutschen“, „die Politiker“ oder „die Systemmedien“. Sobald man einmal Teil einer dieser Gruppen ist, hat man keine Chance mehr, unabhängig und als Individuum betrachtet zu werden.

Was das jemanden angeht, der nicht von dieser Form der Herabsetzung betroffen ist? Eine ganze Menge!

Die liberale Demokratie lebt davon, dass in ihr Interessen artikuliert werden und am Ende mehrheitlich entschieden wird. Das alleine reicht allerdings nicht – denn so könnte die Mehrheit (auch durch Unterlassung) die Minderheit diskriminieren. Erst mit der Rücksicht auf das Individuum, auf dessen Entfaltungsmöglichkeiten, auf dessen Freiheit, sich mit anderen zusammenzuschließen – oder es auch zu lassen –, auf jeden Fall aber auf dessen Anspruch, nicht gegen seinen Willen in irgendeine Ecke gestellt zu werden, wird eine offene, tolerante und vom Gedanken der Aufklärung geleitete Gesellschaft möglich.

„Es geht um Dich“, hat Christian Lindner in diesem Kontext formuliert. Und das ist kein Aufruf zu einem grenzenlosen Egoismus, sondern vielmehr eine Warnung: Wenn wir das Individuum geringschätzen, ist das der Anfang von Pauschalisierungen, gegen die sich am Ende niemand von uns mehr wehren kann. Wen es heute nicht trifft, der kann morgen plötzlich (wieder) Opfer sein. Wenn es um „Dich“ geht, geht es also in Wahrheit um uns alle.

Es ist das, was unsere moderne Gesellschaft dem alten Standesdünkel überlegen macht: Niemand ist auf die Großzügigkeit anderer angewiesen, um sein Lebensglück zu suchen. Und er muss auch nicht alleine für diese Freiheit kämpfen, wenn aufrechte Demokraten egal welcher Couleur immer und zu jedem Zeitpunkt an seiner Seite stehen, um seine Rechte zu verteidigen. Weil es auch ihre Rechte sind.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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