Die Kultur des Journalismus ist immer noch die Kultur von Einzelkämpfern. Clay Shirky

Wer bin ich?

… und wenn ja, wie viele (Parteien)? Unser Kolumnist erforscht sein politisches Gefühl und findet, dass sein Parteibuch alleine zur Beantwortung seiner politischen Identität nicht ausreicht. Eine Spurensuche.

Ich weiß, die Überschrift ist wohl ein wenig zu offen formuliert, um sie allumfassend in einer kleinen Kolumne zu beantworten. Vermutlich ist sie sogar zu offen formuliert, um sie endgültig im Laufe eines Lebens zu beantworten. Auf diese philosophische Ebene traue ich mich dann doch auch nicht. Insofern möchte ich die Frage auf das Gebiet der politischen Identität beschränken.

Die Frage nach dem Parteibuch reicht nicht

Nun könnte man meinen, die Antwort wäre leicht zu geben – immerhin bin ich immer noch Besitzer eines Parteibuches. Nur fängt genau da die Problematik auch schon an. Während ich mit 18 Jahren einmal – nach Lektüre der verschiedenen Parteiprogramme – mit größter Überzeugung meinen Aufnahmeantrag unterschrieben habe, bin ich heute emotional von meiner Partei ab und an so weit entfernt wie manches Paar nach 40 Jahren Ehe nicht. Was mich noch hält, das ist zum einen eine vage Hoffnung, dass man sich doch noch einmal auf das besinnt, für das man eigentlich stehen müsste, zum anderen die Überzeugung, dass es nicht reicht, einfach wegzulaufen und letztlich auch das Problem, dass mir andere „Bräute“ das eine oder andere Mal durchaus auch gefallen, sie bei näherer Betrachtung aber auch nicht besser sind, als die, die man schon hat.

Zugegebenermaßen, der Vergleich hinkt ein wenig. Aber so wie es den Menschen heute zunehmend schwerzufallen scheint, sich auf einen Partner für den Rest des Lebens festzulegen, so scheint es auch immer weniger Menschen möglich zu sein, sich einer einzigen politischen Richtung zuzuordnen und das Programm der zu dieser Richtung gehörenden Partei ohne laut vernehmbares Murren mitzutragen. Sicherlich liegt das in Teilen an denjenigen, die an der Spitze der Parteien stehen und einem nicht unbedingt das Gefühl geben, dass es ihnen wirklich in erster Linie um Inhalte und erst in zweiter um den eigenen Posten geht.

Uns fehlt die politische Identität

Auch früher gab es immer wieder einzelne hochrangige Vertreter von Parteien, bei denen man nicht so ganz nachvollziehen konnte, wie sie denn gerade dort hineingeraten waren. Hätten Wolfgang Clement und Heiner Geißler irgendwann heimlich still und leise das Parteibuch getauscht, wen hätte das wirklich irritiert? Inzwischen sind diese Typen allerdings strukturell über alle Parteien verteilt. Was ist der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann, wenn nicht konservativ? Die Farbe des Parteibuchs gibt nur noch wenige Anhaltspunkte, denn auch viele Politiker sind in ihrer Überzeugung gespalten und hängen irgendwo zwischen konservativ und liberal, links und grün. Damit taugen sie auch als Sinnbild für uns Bürger – zumindest da ist die Repräsentativität also noch gegeben.

Joachim Gauck hat einmal über sich selbst gesagt, er sei ein „linker, liberaler Konservativer“. Er hat damit eine auf den ersten Blick widersprüchliche Benennung dessen geführt, was auch Moore und Schirrmacher in ihren aktuellen Essays beschreiben: Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen – und zu dieser Gruppe zähle ich mich auch – die von ihrem liberal-konservativen, durch die neoklassische Theorie geprägten Weltbild abrücken, weil wir sehen, dass die schöne Theorie in der Realität nicht so funktioniert, wie wir es uns vorgestellt haben. Der freie Markt hat zwar für einen deutlich höheren Wohlstand der Volkswirtschaften gesorgt, gleichzeitig aber keine Mittel gefunden, zu vermeiden, dass immer mehr Menschen nicht mehr mit der Entwicklung Schritt halten können. Die Preisbildung scheint in Teilen, egal ob im Lohnsektor oder an den Finanzmärkten, entkoppelt von der ursprünglichen, physisch verstandenen Tauschlogik. Und zunehmende Freiheit bringt nicht gleichzeitig auch ein gesteigertes Maß an Verantwortung mit sich, sondern wirkt in Teilen eher wie Beliebigkeit. Als ob der Prozess dieser Erkenntnis nicht schon schwer genug wäre, sind diese Menschen – und auch ich – mit einem weiteren Problem konfrontiert, das uns zunehmend zu schaffen macht. So fehlt uns nicht nur die Stabilität unseres alten, klar definierten Weltbildes, sondern vielmehr auch die Aussicht auf eine neue, überzeugende Perspektive. Denn links, so viel ist klar, sind wir nicht, glauben wir doch vor dem Hintergrund des aktuell zu beobachtenden Versagens der Politik im Rahmen der internationalen Schuldenkrise nicht daran, dass es der Staat besser kann. Uns fehlt die politische Identität, wir sind heimatlos und werden wie ein Schiff auf schwerer See einmal auf die eine Seite, einmal auf die andere geworfen, ohne dass ein rettender Hafen in Sicht wäre. Die bestehenden Angebote taugen nicht, wir suchen vielmehr nach einem neuen Modell. Und damit ist auch die eingangs gestellte Frage „Wer bin ich?“ schon beantwortet: „Ich habe keine Ahnung. Aber ich arbeite daran.“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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