Seit gestern ist es offiziell: Dr. Georgios Chatzimarkakis ist in Zukunft nur noch Jorgo Chatzimarkakis – ohne Doktortitel, dafür aber mit mehr als nur einem blauen Auge. Mir tut das leid. Persönlich wie politisch. Ich bin mit Jorgo seit einigen Jahren befreundet, wir teilen viele, wenn auch nicht alle Ideen, wir haben einige Schlachten gemeinsam geschlagen. Jorgo hat das Vorwort zu meinem ersten Buch geschrieben und wir haben gemeinsam mit einigen anderen den Dahrendorfkreis als Forum für ganzheitlichen Liberalismus in der FDP gegründet. Dass Jorgo öffentlichkeitswirksam seinen Titel abgeben musste, macht uns die inhaltliche Arbeit sicher nicht leichter.
Fahrlässigkeit oder Vorsatz?
Es wäre nun vermeintlich ein Leichtes, sich offiziell von Jorgo zu distanzieren, ihn auszugrenzen. Oder, auch das findet man im politischen Betrieb häufig genug, ihm umso demonstrativer den Rücken zu stärken, so wie das etwa die Union im Fall zu Guttenberg getan hat. Auch das wäre nicht untypisch für die Politik, wie wir sie kennen. Ich will allerdings weder das eine noch das andere tun, sondern vielmehr dafür werben, den Fall Chatzimarkakis zum Anlass zu nehmen, sich Themen wieder ein wenig differenzierter zu nähern. Was ich damit meine?
Nun, vielleicht lohnt es sich, ein wenig weiter auszuholen. Ich bin kein Jurist, aber ich habe doch, wie vermutlich jeder, der sich lange genug in unserem gemeinsamen Rechtssystem bewegt, das Gefühl, dass sich der Umgang mit den vermeintlichen Verfehlungen eines Menschen nicht nur an dem Ob, sondern besonders stark auch an dem Was und an dem Wie orientiert. So herrscht ein gesellschaftlicher Konsens etwa darüber, dass ein Kinderschänder schärfer zu bestrafen ist als ein Falschparker und dass es einen Unterschied macht, ob jemand fahrlässig, grob fahrlässig oder gar vorsätzlich gehandelt hat.
Betrachtet man nun mit diesem Gedanken im Hinterkopf die Fälle zu Guttenberg und Chatzimarkakis einmal genau und ohne Polemik, so müsste man schnell zu dem Schluss kommen, dass ein jeweils differenziertes Urteil angebracht wäre. Während einer, nämlich zu Guttenberg als er schon Abgeordneter war vorsätzlich getäuscht hat, sich ganz offensichtlich in ungehöriger Weise helfen ließ und es sich nicht nehmen ließ, die Öffentlichkeit fast schon zu verhöhnen, wird der andere, nämlich Chatzimarkakis mit derselben Strafe vor allem dafür belegt, dass er es am Ende seiner mehrjährigen Doktorarbeitszeit mit der Zitierweise nicht mehr allzu genau nahm. Sicher haben auch nicht alle seine Äußerungen zur Objektivierung beigetragen. Die Situation an sich allerdings, zumal in einem politisch aufgeheizten Umfeld, lies eine Differenzierung von Anfang an kaum zu.
Eine zweite Chance
Die Uni Bonn steckte in einem Dilemma: Die Aberkennung des Titels ist eine vergleichsweise harte Strafe dafür, dass am Schluss der Dissertation vielleicht auch ein wenig Lust und Zeit fehlten, um wissenschaftlich sauber zu Ende zu arbeiten. Schuld ist Jorgo daran allerdings trotzdem selbst. Und deswegen hätte ein glatter “Freispruch” auch ein falsches Zeichen gesetzt und den Ruf der Uni und der Wissenschaft an sich noch weiter beschädigt. Zwischen diesen beiden Optionen, das ist aus meiner Sicht auch ein wenig die Tragik an diesem Fall, gab es keine realen Möglichkeiten zu handeln.
Jorgo hat inzwischen angekündigt, die Aberkennung des Titels nicht auf sich beruhen lassen. Damit meint er allerdings offensichtlich (und hoffentlich) nicht, dass er juristisch gegen diese Entscheidung vorgehen will, sondern dass er sich nun abermals um den Erwerb der Doktorwürde bemühen will. Ich empfinde diese Ankündigung als respektabel. Und ich möchte dafür werben, dass er eine zweite Chance bekommt – im Wissenschaftsbetrieb, wie auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Auch Politiker sind Menschen und machen Fehler. Mir persönlich ist es deutlich lieber, wenn man zu den eigenen Verfehlungen – von denen keiner von uns in Gänze frei ist – steht, die „Strafe“ anerkennt, selbst wenn man nicht mit der Bewertung übereinstimmt und dann umso härter daran arbeitet, zu beweisen, dass man es auch anders und besser kann. Das würde der Situtation gerecht und auch – diese persönliche Anmerkung sei mir erlaubt – dem Menschen Jorgo Chatzimarkakis, so wie ich ihn kenne. Die Gänsefüßchen allerdings, die müssen diesmal sitzen… da gibt es keine Ausreden mehr. Denn am Ende kommt man nicht durchs Leben, ohne in den entscheidenden Situationen dicke Bretter zu bohren. Auch das ist ein wertvolles Zeichen in dieser schnelllebigen Zeit…


















Sehr geehrter Herr Giesa,
wenn man zu seinen eigenen Fehlern steht, geht man aber nicht her und beschuldigt ungerechtfertigterweise die Universität Oxford, ihm die falsche Zitierweise nahegebracht zu haben. Ich verstehe etwas anderes darunter.
Lieber Herr Giesa,
da sind ja wohl die freundschaftlichen Gefuehle mit Ihnen durchgegangen. Sie beschreiben Herrn Chatzimarkakis als jemanden, der es am Ende seiner Arbeit mit der Zitierweise nicht mehr allzu genau genommen hat. Dieses Urteil wird den Tatsachen wohl kaum gerecht. Auf ueber 70% der Seiten seiner Arbeit haben die Mitarbeiter von vroniplag Plagiate gefunden. Entweder Herr Chatzimarkakis hat dies in voller Absicht getan. Dann ist er boese. Oder er hat (nach wie vielen Jahren an der Universitaet?) schlicht nicht gewusst, wie man korrekt zitiert. Dann ist er bloed. In beiden Faellen waere er als Volksvertreter jedenfalls ungeeignet. Die Aeusserungen, die Herr Chatzimarkakis selbst im Zusammenhang mit dieser Affaire getaetigt hat, lassen mich persoenlich leider der ersten Alternative zuneigen. Dass man ihm eine zweite Chance geben sollte, finde ich allerdings auch. Dann sollte er aber auch Naegel mit Koepfen machen: Also Mandat zurueckgeben und zurueck an die Uni, als Promovend, am besten im Rahmen eines strukturierten Promotionsprogrammes mit intensiver Betreuung. Aber irgendwie habe ich das Gefuehl, dass Herr Chatzimarkakis einen anderen Weg einschlagen wird…
@Don Altobello: Sie sitzen hier einer Verzerrung der Aussagen durch die Medien auf, in der Wissenschaft würde man sagen: Sekundärliteratur. Die von Ihnen widergegebene Aussage wurde von Jorgo so nie getroffen. Gerade bei so einem Thema sollte man sich die Zitate sehr genau anschauen, sonst sitzt man in derselben (moralischen) Falle…
@Odysseus: Auch Ihnen rate ich: Schauen Sie sich die Dinge SELBST an, bevor Sie urteilen. Wenn Sie einen maßgeblichen Zitierfehler in einer gesamten Arbeit strukturell begehen, kommen Sie auf diese Zahl. Das ist aber auch nicht wirklich überraschend, oder? Es bleibt aber der immer gleiche handwerkliche Fehler, der sich nur an einer großen Anzahl Stellen findet. Zu meiner Schulzeit nannte man so etwas Wiederholungsfehler und es wurde nicht in die Bewertung mit einbezogen… dass das bei einer Diss anders aussieht ist ja legitim. Man sollte allerdings nichtsdestotrotz auch so etwas in die eigene Bewertung mit einbeziehen.
> Verzerrung der Aussagen durch die Medien
Bei Anne Will hat er doch Oxford gesagt,nachdem es vorher Harvard gewesen sein soll; oder um welche Verzerrung geht’s hier bitte? Und welche Medien sind denn daran schuld?
Das Problem ist ja auch nicht nur die mangelnde Kennzeichnung der Zitate, sondern auch, dass an eigenem Text nicht viel übriggeblieben ist, und das nach “mehrjähriger Doktorarbeitszeit” (C. Giesa)
Aber sonst stimme ich Ihnen zu und wünsche Herrn Chatzimarkakis viel Erfolg beim zweiten Anlauf. Meines Erachtens sollte er allerdings auch seine politischen Ämter niederlegen und sich auch dort ein zweites Mal wählen lassen. Sollte seiner Auffassung nach ja kein Problem werden.
Also bitte, Herr Giesa!
Verstehe ich Sie richtig, sie bezeichnen also die von Herrn Chatzimarkakis begangenen Plagiate als handwerkliche Fehler (ich habe mir uebrigens ziemlich viel davon angeschaut)? Das lasse ich mal einfach so stehen…
Strukturelle Fehler? Wenn ich im Diktat das Wort “dass” faelschlicherweise nicht mit zwei SS schreibe, wird mir das ja auch mehrfach angerechnet.
Abgesehen davon, dass Sie die Debatte mit Ihrem Vergleich ein paar Ebenen zu tief haengen. Eine Dissertation ist keine Schularbeit, wie Sie ja selber einzuraeumen scheinen. Wozu also dann der Vergleich?
@Susan Calvin: Auch für Sie gilt, was für die anderen Kommentatoren hier gilt: Sie stützen sich auf Sekundärliteratur und deuten diese auch noch falsch. Chatzimarkakis hat NICHT behauptet, nach Harvard oder Oxford zitiert zu haben. Er hat die Oxford-Zitierweise lediglich als Beispiel für das Intertextualisieren genannt und gesagt, dass er mit seiner Zitierweise dessen Ziel, nämlich die Verbesserung der Lesbarkeit, erreichen wollte. Unbestritten, auch von ihm, ist, dass es sich dabei um eine “Chatzi”-Zitierweise handelt, die nichts mit Oxford zu tun hat. Wer das nicht versteht, ist entweder zu faul zur richtigen Recherche, will es nicht verstehen, weil es doch so eigentlich ganz schön in sein Weltbild passt oder kann es nicht. Alle drei Fälle sprechen eigentlich dagegen, sich an einer solch komplexen Diskussion zu beteiligen. Das gilt so auch für die Äußerungen von Herrn Odysseus. Wobei ich mir hier ziemlich sicher bin, dass dieser es schlicht nicht verstehen will… Bauchgefühl.