Streitende sollen wissen, dass nie der eine ganz recht hat und der andere ganz unrecht. Kurt Tucholsky

Warum Kamele lachen

Die Schadenfreude ist wieder salonfähig: ob der Tod eines Top-Terroristen, verletzte Polizisten oder Atomunglück in Japan. Dabei sollte kein Kamel Schadenfreude über den Buckel eines anderen empfinden, denn wir sitzen alle im selben Boot.

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In den 90ern war die Serie „Bitte lächeln“ auf dem dann zu Recht untergegangenen und inzwischen wieder auferstandenen Fernsehsender Tele5 ein Erfolgsformat. Der Anspruch war gering: Ein paar schlechte Anmoderationen für noch schlechtere Homevideos mit stürzenden Menschen oder verwirrten Tieren, fertig. Ziel der Sendung war nichts anderes, als mit der Schadenfreude der Menschen Quote zu machen.

Zugegebenermaßen habe auch ich die Sendung mehr als einmal gesehen – und auch ab und an herzhaft gelacht. Schadenfreude zu empfinden ist zwar nicht unbedingt moralisch, vermutlich aber menschlich. Was mir dieser Tage allerdings sauer aufstößt, ist, dass Missgunst, Zynismus und eben auch Schadenfreude immer unverhohlener auch in der Politik um sich greifen – ohne dass man sich Gedanken über die Tiefenwirkung machen würde.

Schadenfreude ist wieder salonfähig

Als besonders unangenehmes Beispiel habe ich die Einlassungen von Teilen der Stuttgart-21-Gegner in Richtung der bei den Ausschreitungen der vergangenen Tage verletzten Polizisten empfunden. Anstatt ein deutliches Zeichen zu setzen und sich von jeglicher Form von Gewalt zu distanzieren, werden die Verletzten – die im Auftrag des deutschen Steuerzahlers ihren Dienst getan haben – mit offensichtlicher Genugtuung verhöhnt. Unabhängig davon, wie man persönlich solchen Einlassungen gegenübersteht: Wer will sich noch darüber wundern? Nachdem die Kanzlerin in deutlichen Worten ihre Freude über den Tod Osama bin Ladens geäußert hat, scheint es salonfähig zu sein, sich über den Schaden des ungeliebten Gegenübers nicht mehr nur klammheimlich, sondern vielmehr auch öffentlich zu freuen. Wer sich immer noch nicht traut, sich öffentlich zu bekennen, der nutzt dann eben die Anonymität des Internets.

Die Beispiele lassen sich fortsetzen – und ziehen sich durch alle politischen Lager. Bei den Atomkraftgegnern konnte man hier und da eine seltsame Genugtuung hinsichtlich des Unglücks in Fukushima spüren, frei nach dem Motto: Jetzt wird zumindest endlich deutlich, dass wir all die Zeit recht hatten. Das Leid der Menschen trat anscheinend in den Hintergrund. Ähnlich geht es vielen Konservativen, die sich derzeit darüber freuen, dass die europäische Einigung infrage zu stehen scheint, oder den Gegnern der zunehmenden Ökologisierung der Gesellschaft, die nicht schnell und laut genug feststellen können, dass EHEC offensichtlich gerade von einem Biohof ausging und damit das gesamte Konzept gescheitert sei – während eine nicht unerhebliche Zahl von Menschen in Krankenhäusern um ihr Leben kämpfte und noch immer kämpft.

Wie die Hyänen

Die Gegner von mehr direkter Demokratie führen immer wieder das in der Schweiz im Rahmen eines Volksentscheids beschlossene Bauverbot für Minarette als Begründung für ihre Position an – denn so etwas würde dann ja auch in Deutschland möglich. Dass sie allerdings tatsächlich unglücklich über die Entscheidung der Eidgenossen wären, lässt sich nicht erkennen. Eher im Gegenteil. Auch in der Diskussion um die Doktorarbeit von Silvana Koch-Mehrin lässt sich beobachten, wie etablierte Politiker aus dem Europaparlament jetzt wie die Hyänen über sie herfallen – selbst gute Argumente werden mit Blick auf die Person vom Tisch gewischt.

Es bestätigt sich – gerade hier – wieder das alte Sprichwort: Der Mensch ist nun einmal zur Freude geboren! Kann er sich nicht über seine eigene Schönheit freuen, so freut er sich gewiss über die Hässlichkeit der anderen. Für das Ansehen der Politik, für die Vorbildfunktion, die ihre Protagonisten ausfüllen sollen, ist dieses Verhalten mindestens genauso abträglich wie der Schwindel bei einer Doktorarbeit.

Vielleicht sollte sich der eine oder andere einmal an die eigene Nase fassen und versuchen, seine Ziele mit guten Argumenten und nicht durch Diskreditierung des jeweiligen Gegners zu erreichen. Denn wie schon ein afrikanisches Sprichwort richtig sagt: Ein Kamel sollte keine Schadenfreude über den Buckel eines anderen empfinden. Denn am Ende, das sollte uns allen klar sein, sitzen wir trotz aller Meinungsverschiedenheiten immer noch in einem Boot.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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