Das einzige Tier bei uns zu Hause bin ich. Oliver Kahn

Der Gauck-Moment

Vor einem Jahr ist Bundespräsident Köhler zurückgetreten und für unseren Kolumnisten begann ein Monat der Freiheit. In atemberaubender Geschwindigkeit entstand im Netz eine Kampagne für den überparteilichen Kandidaten Joachim Gauck. Ein Moment, den man nur jedem Demokraten wünschen kann.

Am 1. Juni war es genau ein Jahr her, dass durch die Gründung einer Facebook-Gruppe mein Leben für eine Zeitlang auf den Kopf gestellt wurde. Am Tag zuvor war Horst Köhler von seinem Amt zurückgetreten und ich war – genau wie viele andere Menschen in diesem Land auch – irgendwo zwischen überrascht und schockiert. Selbst wenn Köhler in der Politik eher gelitten als geliebt war, bei uns Bürgern stand er (vielleicht auch gerade deswegen?) hoch im Kurs. Die Regierung erschien überfordert und verkämpfte sich immer wieder intern, anstatt sich den großen Fragen zuzuwenden. Und so war es nachvollziehbar, dass auf dem Höhepunkt der ersten Welle der Eurokrise viele von uns nach Halt, nach einem Zeichen von neuer Stabilität suchten.

Gauck wäre für Schwarz, Gelb, Grün und Rot wählbar gewesen

Die Kandidatenfindung für die Nachfolge schien mir dafür eine gute Chance. Ich wünschte mir einen Kandidaten, der in einer schwierigen Zeit mit seiner Überparteilichkeit und Glaubwürdigkeit mit dazu beitragen könnte, Gräben zuzuschütten, anstatt neue aufzureißen. Und ich wünschte mir einen Kandidaten, der, wenn er nach diesen Kriterien ausgesucht würde, auch ein Zeichen dafür wäre, dass die politischen Kräfte in schweren Zeiten in der Lage sind, zusammenzustehen und damit Handlungsfähigkeit zu beweisen. Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen hatte, war mir klar, wer aus meiner Sicht der richtige Kandidat wäre: Joachim Gauck. Ich hatte ihn 2002 auf dem Bundeskongress der Jungen Liberalen über Freiheit sprechen hören – und hatte diesen Auftritt niemals wieder vergessen. Gauck wäre für Schwarz, Gelb, Grün und Rot wählbar gewesen und hätte darüber hinaus mit seiner Bürgerrechtsvergangenheit ein Zeichen dafür sein können, dass man diejenigen, die 1989 auf der Straße die Freiheit und die Wiedervereinigung erkämpft haben, nicht vergessen hat. Meine Interventionen innerhalb der FDP verhallten leider weitgehend ungehört. Ich gründete dennoch eine kleine Facebook-Gruppe, um für „meinen“ Kandidaten zu werben – und hatte bis zum Donnerstagnachmittag immerhin knapp über 70 Unterstützer. Und dann kam der große Knall, mit dem auch ich nicht gerechnet hatte: SPD und Grüne stellten Joachim Gauck als ihren Kandidaten vor, innerhalb weniger Stunden begann eine Bewegung im Netz, die bis zur Wahl nicht mehr abklingen sollte – und ich musste mich entscheiden, was ich tun sollte.

Letztlich fiel mir die Entscheidung nicht schwer. Ich bin zunächst einmal Bürger dieses Landes und nicht Mitglied irgendeiner Partei. In diesem Fall stand meine Überzeugung eben einmal gegen die Meinung der FDP-Spitze. Das passiert in einer Demokratie und sollte kein Problem sein. Ich will an dieser Stelle auch gar nicht mehr die Frage aufrollen, wer denn nun der bessere Präsident gewesen wäre. Vielmehr geht es mir darum, zu beschreiben, wie befreiend der Monat zwischen dem Rücktritt Horst Köhlers und dem Tag der Bundesversammlung für mich und für viele andere, die mit mir zusammen für ihre Überzeugung einstanden, war. Es war das Gefühl, gemeinsam etwas bewegen zu können, ohne vordefinierte Agenda, ohne offizielle Mitgliedschaft in einer Organisation, ohne definierte Strukturen. Diejenigen, die bei diesem einen Thema einer Meinung waren, versammelten sich auf Facebook und anderswo und begannen, oftmals ohne dass sie sich jemals persönlich in die Augen geschaut hätten, Projekte in einer Geschwindigkeit umzusetzen, wie man es in jeglicher Großorganisation – egal ob Partei, Gewerkschaft oder Großkonzern – für unmöglich halten würde. Einige kümmerten sich um Werbemittel, andere um Guerilla-Aktionen, wieder andere um Informationsseiten im Netz, Unterschriftenaktionen, Twitter-Mosaiks, Wahlaufrufe oder Demonstrationen.

Es hat sich richtig angefühlt

Dass nicht alles immer funktioniert hat, dass es am Schluss nicht gereicht hat und auch das Ende der Fahnenstange beim Zuwachs an Unterstützern irgendwann erreicht war, ist unbestritten, ändert aber nichts daran, dass es sich zu jedem Zeitpunkt richtig angefühlt hat, Zeit, Nerven und Geld zu opfern, um sich zu engagieren. Die Faszination, die Joachim Gauck für Demokratie empfand, als er 1990 das erste Mal in seinem Leben an einer freien Wahl teilnehmen konnte, haben auch wir in diesen vier Wochen im Juni empfinden dürfen. Die positive Grundaussage, die Überparteilichkeit, das Interesse der Öffentlichkeit und die neu gewonnenen Freundschaften haben damals unglaubliche Energien freigesetzt – und tragen über den Tag hinaus. Und vielleicht hatten wir doch auch ein ganz klein wenig Einfluss auf die Gedanken der Wahlmänner und -frauen und auf die Amtsführung des neuen Bundespräsidenten … Auf jeden Fall wünsche ich jedem einzelnen Bürger eine Erfahrung, wie ich sie im Juni 2010 mit Joachim Gauck und den vielen anderen Menschen, die sich engagierten, machen durfte. Der Demokratie in diesem Lande würde das ganz sicher nicht schaden.

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