In der Welt ist es leider zu oft so, dass Menschen den Geldwert einer Sache mit deren tatsächlicher Wertigkeit assoziieren. Peter Silverman

Die Inflations-Kanzlerin

Die Regierung spielt virtuos mit der deutschen Angst vor der Hyperinflation. Dabei haben wir ein ganz anderes Problem. Unsere Enkel werden im Geschichtsbuch lesen und nur den Kopf schütteln.

Die Bundeskanzlerin richtet ihre Politik vordergründig an dem Versuch aus, deutsche Sparguthaben zu schützen. Sie bedient sich dabei an der in den deutschen Genen liegenden Angst vor der Hyperinflation – obwohl diese derzeit so weit entfernt ist wie selten zuvor. Damit wird sie in den Geschichtsbüchern ihren Platz direkt neben dem letzten Reichskanzler Brüning finden.

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den Sommer 2010. Es war eine intensive, politisch wie emotional aufwühlende Zeit. Einige Wochen kämpfte ich mit vielen anderen dafür, dass der nächste Bundespräsident nicht Wulff, sondern Gauck heißen sollte. Und wenn das für einen Moment nicht das dominierende Thema war, machte ich mir Gedanken darüber, was die gerade aufkommende Griechenland- und Euro-Krise für mein Sparguthaben bedeuten würde.

Inflation wird nicht unser Problem sein

Mein erster Reflex war die Angst, dass mit der Rettungspolitik die Inflation kommen würde. Was, wenn plötzlich alles gegen die Wand fährt? Ich wollte definitiv nicht derjenige sein, der die Ersparnisse meiner Großmutter, die diese sich über Jahrzehnte von ihrer Witwenrente vom Mund abgespart hatte, durch Untätigkeit vernichtete. Also begann ich mir Gedanken zu machen. Was sollte man tun? Fremdwährungen kaufen? Gold? Eine Wohnung? Also das, was in Krisenzeiten als vergleichsweise sicher gilt? Nun, ich entschied mich, zunächst noch einmal ein wenig genauer auf die Gesamtlage zu schauen – und stellte am Ende fest: Inflation wird nicht unser Problem sein.

2013 steckt Europa immer noch in der Krise, aber die Inflation liegt in Deutschland bei gerade einmal 1,2 Prozent – und damit deutlich unter der von der EZB angestrebten Zielsetzung von knapp unter zwei Prozent. Die EZB drückt immer mehr Geld in den Markt, ebenso wie die Zentralbanken in den USA oder Japan auch, trotzdem fällt der Goldpreis. Die Untergangspropheten liegen mit ihren Voraussagen seit Jahren daneben, trotzdem wird weiter vor der bevorstehenden Inflation gewarnt.

Die Alternative für Deutschland (AfD) verknüpft in ihrem Programm die aktuelle Rettungspolitik sogar direkt mit drohender Inflation, ohne dass es dafür eine ökonomische Grundlage gibt. Das, was die neue Partei der etablierten Politik vorwirft, nämlich mangelnde volkswirtschaftliche Kenntnisse, gilt für sie selbst vielmehr. Andererseits: Dass selbst Volkswirtschaftsprofessoren wie AfD-Gründer Lucke die grundlegenden Zusammenhänge zwischen Geldpolitik und Inflation nicht kennen, ist schwer zu glauben. Daher muss man davon ausgehen, dass er und die Kanzlerin eine ähnliche Strategie fahren: Sie wollen auf der Welle der irrationalen Inflationsangst zum Wahlsieg surfen.

Es ist ein beharrlich gepflegter Irrglaube, dass die Menge des Geldes alleine als Indikator für Inflation taugt. Und es ist ein geschichtlicher Irrtum, dass die Hyperinflation zur Machtübernahme Hitlers führte – in den Jahren vor seiner Machtübernahme herrschte unter Spar-Reichskanzler Brüning das, worauf wir derzeit wieder zusteuern, wenn wir nicht bald die Wende schaffen: Deflation, also sinkende Güterpreise und Massenarbeitslosigkeit. Der „Zeit“-Wirtschaftsredakteur Mark Schieritz hat zu diesem Themenkomplex ein bemerkenswertes, weil vom Geist der Aufklärung durchzogenes Buch mit dem vielsagenden Titel „Die Inflationslüge“ geschrieben. Dort versucht er, die komplexen wirtschaftlichen Zusammenhänge auch für den Laien verständlich aufzubereiten. Ohne die Politik direkt anzugreifen, benennt er das Problem, das derzeit Deutschland – und damit Europa – mit zunehmender Geschwindigkeit auf die Wand zu rasen lässt: „Die größte Gefahr für unseren Wohlstand ist im Moment nicht die Geldentwertung selbst – sondern die Angst vor ihr. Sie verleitet zu Fehlentscheidungen und trübt den Blick für die wahren Herausforderungen unserer Zeit.“

Angela Merkel wird Kanzlerin bleiben

Europa leidet an einem Schnupfen. Einem heftigen, keine Frage. In Deutschland glaubt man allerdings, dass es Krebs sein muss, weil man sich noch an die letzte Krebserkrankung zu erinnern glaubt, die ähnlich begonnen hatte. Als Antwort verschreibt man eine Chemotherapie – aber der Schnupfen geht davon nicht weg, im Gegenteil, er wird sogar schlimmer. Weil man den Organismus weiter schwächt und ihm seine Abwehrkräfte nimmt.

Ich lege mich an dieser Stelle fest: Der Kampf gegen das Inflationsphantom wird dafür sorgen, dass Angela Merkel Kanzlerin bleibt. Bis zum Ende ihrer Amtszeit wird die Inflation in Deutschland zu keinem Zeitpunkt ein ernsthaftes Problem werden – aber die falsche Kur, die die Kanzlerin Europa verordnet und die in den Krisenländern derzeit schon Massenarbeitslosigkeit produziert, wird auch in Deutschland massiv Jobs kosten. Am Ende wird es heißen: Operation gelungen, Patient tot.

Die Geschichtsschreiber werden eines Tages über diese Zeit den Kopf schütteln, wie wir mit Blick auf die Weimarer Republik heute den Kopf schütteln. Das wir mehrheitlich nichts daraus gelernt zu haben scheinen, lässt uns allerdings in einem noch schlechteren Licht erscheinen.

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