Früher retteten die Grünen Frösche, heute eben den Kanzler. Harald Schmidt

Ein Fünftel Gauck

Am 18. März jährt sich die Wahl Joachim Gaucks zum Bundespräsidenten. Ein Fünftel seiner Amtszeit ist damit zu Ende. Ein Zwischenfazit.

Joachim Gauck ist mit großen Vorschusslorbeeren – und von mindestens genauso großen Erwartungen – ins Amt gekommen. Am Ende des ersten Jahres seiner Amtszeit fällt das Resümee gemischt aus. Es gab starke Momente und es gab weniger starke Momente – und es gab Momente, die stärker waren, als sie wahrgenommen wurden. Besonders trittsicher wirkt Joachim Gauck immer dann, wenn er nah bei den Menschen ist, ihnen auf Augenhöhe und in persona gegenübertreten kann.

Das „Bürgerfest“ im Schloss Bellevue, dass das vormalige High-Society-Treffen der vorherigen Präsidenten ablöste, war da nur die Pflicht, der Umgang mit und die ehrliche, menschliche Anteilnahme am Schicksal der Hinterbliebenen der NSU-Opfer die Kür. Gauck kommt in solchen Momenten nicht nur die eigene Tendenz zur Emotionalität, sondern auch seine eigene Geschichte – und sein Werdegang jenseits des politischen Betriebs zugute. Das hat er mit Horst Köhler gemeinsam – und macht ihn glaubwürdig, wenn es darauf ankommt.

Die Diskussion geht in die nächste Runde

Momente, die vermutlich seinen Beratern das Blut für einen Augenblick in den Adern gefrieren ließen, gab es aber auch. Der letzte dieser Art dürfte die „Tugendfuror“-Bemerkung im Rahmen der Sexismus-Debatte gewesen sein, die Joachim Gaucks schwache Seite zeigt: Er lässt sich ab und an zu Parteiennahmen hinreißen, ohne sich allzu tief mit dem Thema beschäftigt zu haben. Rainer Brüderles „Vergehen“ für nicht besonders tragisch zu halten, ist eine legitime Position. Sich allerdings als Stichwortgeber für die herzugeben, die den tatsächlichen und alltäglichen Sexismus zu relativieren versuchen, halte ich für ein Staatsoberhaupt zumindest für unglücklich. Solche Momente hat man aber wohl mitgekauft, als man sich für Gauck eingesetzt hat; immerhin sorgt er so dafür, dass die Diskussion in die nächste Runde geht.

Als etwas enttäuschend muss man die Wirkung seiner Reden einschätzen. Damit ist gar nicht gemeint, dass diese inhaltlich schwach gewesen wären, im Gegenteil. Aber vor dem Hintergrund, dass das schärfste Schwert des Bundespräsidenten nun einmal das Wort ist, gilt für seine Reden: Sie sind nur so gut, wie die Diskussionen, die sie angeregt haben. Und die halten sich leider bisher in Grenzen. Zwar hat er mit seinem Ausspruch in Richtung von Rechtsextremisten – „Euer Hass ist unser Ansporn“ – einen Satz geprägt, den sich jeder Demokrat zu Herzen nehmen sollte. Eine derartige Positionierung konnte man von ihm aber auch erwarten. Was bisher ausgeblieben ist, sind allerdings klare Worte in Richtung der Politik – und das ist ganz sicher einer der maßgeblichen Punkte, für die ihn viele Bürger unterstützt haben. In seiner Europa-Rede ist zwar klare Kritik am Kurs der Kanzlerin zu erkennen – und eine ebenso klare Absage an die, die sich gegen Europa stellen –, allerdings könnte es sein, dass diese am Ende zu verklausuliert, zu feinsinnig, vielleicht auch zu abgehoben war, um eine echte Debatte loszutreten. Man kann sagen: Da wäre mehr drin gewesen.

Joachim Gauck ist seinem Amt unfraglich gewachsen. Aber er hat durchaus auch noch Potenzial, in seinem Amt weiter zu wachsen. Ein Fünftel seiner Amtszeit ist rum, für mich bleibt das Fazit: Es wäre schön, wenn wir bisher auch nur ein Fünftel des Bundespräsidenten Gauck gesehen hätten. Ich wünsche mir eine größere Klarheit in seinen Stellungnahmen – und nehme dafür auch gerne in Kauf, dass mir nicht jede davon schmecken wird.

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