Ghana ist nicht irgendwer. Diese Aussage ist besonders richtig mit Blick auf die afrikanische Geschichte. Vor 55 Jahren, im Jahr 1957, war Ghana der erste Staat in Sub-Sahara-Afrika, der unter der Führung von Kwame Nkrumah den Weg in die Unabhängigkeit fand. Vor allem in den 1960er-Jahren folgte eine große Zahl weiterer Kolonien dem Beispiel, deren Führer bis dahin in weiten Teilen in Ghana ein vorübergehendes Zuhause gefunden hatten.
Auch mit den danach folgenden verlorenen Jahrzehnten von Chaos, Militärdiktaturen, Putschen, gefälschten Wahlen und wirtschaftlichem Stillstand war Ghana ein Sinnbild für den von Krisen geplagten schwarzen Kontinent. Doch seit 1992 hat sich in dem westafrikanischen Staat eine Demokratie etabliert, die auch in schwierigen Zeiten Bestand hatte, friedliche Machtwechsel erlebt hat und sich nun anschickt, bei den anstehenden Wahlen am 7. und 28. Dezember endgültig seine Reifeprüfung abzulegen.
Ghanas Wahlkampf als Blaupause
Kam es 2008 im Umfeld der Wahlen, die John Atta Mills, der Kandidat der derzeit regierenden NDC mit etwas mehr als 40.000 Stimmen Vorsprung gewann, noch zu Ausschreitungen, darf man diesmal mit einer gewissen Berechtigung hoffen, dass es ruhig bleiben wird. Die Kandidaten der beiden großen Parteien sind beide angesehene Staats- und Geschäftsmänner, die nicht im Ruch stehen, (allzu) korrupt zu sein. Zwar gibt es aus beiden Lagern immer wieder entsprechende verklausulierte Vorwürfe, diese sind allerdings als Wahlkampfgetöse zu werten.
Während der Herausforderer Nana Akufo-Addo als Nachfahre von drei der sechs maßgeblichen Verfassungsväter Ghanas eher im wirtschaftlichen und juristischen Bereich erfolgreich war und ist und zur alten Garde ghanaischer Politiker gehört, ist der Amtsinhaber John Dramani Mahama, der im Juli dieses Jahres dem plötzlich verstorbenen John Atta Mills nachfolgte, eher im sozialen Bereich aktiv gewesen und gilt als Anwalt der kleinen Leute. Beide rufen allerdings gemeinsam mit den anderen Kandidaten ihre Anhänger immer wieder alleine wie auch gemeinsam in Fernseh- und Radiospots sowie auf Plakaten dazu auf, das Ergebnis der Wahlen zu akzeptieren, wie auch immer es ausfallen mag.
Auch wenn die Debatte zuweilen hitzig geführt wird, ist der bisherige Wahlkampfverlauf guten Gewissens als Blaupause für die Entwicklung der afrikanischen Demokratie zu sehen. Seit Monaten gibt es im Land keine anderen Themen, auf allen Kanälen laufen rund um die Uhr Debatten, überall im Land gibt es Kundgebungen und Veranstaltungen. Und die meisten Ghanaer können es kaum erwarten, abzustimmen. So viel Begeisterung für die Demokratie war in Europa lange nicht.
Ghana kommt
Nach vier demokratischen Wahlen in Folge, die jeweils von internationalen Beobachtern als grundsätzlich frei und fair angesehen wurden und die jeweils zweimal von der NDC und der NPP gewonnen wurden, lohnt die anstehende Wahl aus weiteren Gründen einer genauen Beobachtung. Ghana wird 2012 wohl das zweite Jahr in Folge das Land mit dem höchsten Wirtschaftswachstum weltweit sein. Nachdem vor Kurzem Öl vor der Küste gefunden wurde, werden der neuen Regierung finanzielle Möglichkeiten in einer ganz neuen Dimension zur Verfügung stehen, die, richtig genutzt, dafür sorgen können, dass Ghana in Kürze den Sprung von einem Dritte-Welt- zu einem ernst zu nehmenden Schwellenland vollzieht. Seinen Status als Regionalmacht wird das Land an der Goldküste Afrikas damit vermutlich ebenso weiter ausbauen können wie seine Rolle in der Weltpolitik insgesamt. Auch als Wirtschaftspartner wird Ghana mit seiner wachsenden Mittelschicht immer interessanter. Das haben bisher allerdings in erster Linie indische und chinesische Unternehmen erkannt, Europa hinkt hier, wie in ganz Afrika, deutlich hinterher.
Unfraglich liegt immer noch ein weiter Weg vor Ghana. Und ein Blick auf den Senegal, die Elfenbeinküste oder Nigeria im direkten Umfeld zeigt, wie schnell die Aufbauarbeit vieler Jahre auch wieder zunichte gemacht werden kann. Sollte Ghana es allerdings schaffen, seinen Weg beizubehalten, wird es vermutlich einmal mehr Wegbereiter für eine Entwicklung sein können, die nach und nach ganz Afrika ergreift. Dann könnte es tatsächlich noch das afrikanische Jahrhundert werden, das manche Ökonomen voraussagen.
Alleine diese Möglichkeit sollte europäischen Politikern und Wirtschaftslenkern Grund genug sein, alle Augen nach Süden zu richten.
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