Unfraglich gibt es eine besondere Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa, die in Teilen auf der gemeinsamen Geschichte, in Teilen auf gemeinsamen Werten basiert. Nur so lässt sich auch erklären, dass alles, was in Amerika geschieht, in Europa mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet wird. Dabei werden die objektiven Gründe dafür immer weniger. Zwar bleibt Amerika auf absehbare Zeit die militärische Supermacht auf der Welt, an anderen Stellen bröckelt der Putz allerdings gewaltig. Die Auswirkungen von politischen Entscheidungen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die derzeit in anderen Ländern und Regionen stattfinden, sind für die Zukunft längst viel größer und einschneidender, als es jede Wahl, jede zins- oder geldpolitische Entscheidung in Nordamerika noch ist.
Ghana wählt übrigens am 7. Dezember
Dieser Tage laufen die Meldungen über die Probleme der Automobilbranche in den angestammten Märkten über die Ticker. Gerade die deutschen Premiumanbieter schaffen ordentliche Geschäftszahlen nur noch, indem sie in aufstrebenden Schwellenländern die negativen Entwicklungen in der Heimat kompensieren. Der Trend ist eindeutig und wird sich in den nächsten Jahren weiter verstärken. Dass die bis über beide Ohren verschuldeten Amerikaner noch einmal für einen echten Wachstumsschub verantwortlich sein könnten, glauben selbst die kühnsten Optimisten nicht. Da geht der Blick schon eher nach Brasilien, China und Indien. Gerade die letzten beiden Länder werden sich auch auf der Wettbewerbsseite ihr Stück vom Kuchen abschneiden. Und das wird sicher nicht kleiner werden. Die Entwicklung koreanischer Firmen im Hightech-Bereich steht für das Pate, was wir in Zukunft in anderen Sektoren erleben werden. Oder konkret: Die Zahl der Tatas auf europäischen Straßen wird sicher deutlich stärker steigen als die der Chryslers.
Vor diesem Hintergrund ist es schon verwunderlich, dass ein Machtwechsel in China oder eine Wahl in Indien oder Brasilien weitgehend unbeachtet von den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn vonstattengeht, wohingegen an den Wahlen in den Vereinigten Staaten immer reichlich Anteil genommen wird. Europa scheint derzeit manche große politische Entwicklung schlicht zu verschlafen, auch wenn sie vor der eigenen Haustür stattfindet. Während es der „Arabische Frühling“ noch recht breit in die Medien schaffte und heute alle gebannt nach Syrien schauen, wächst in vielen Staaten Subsahara-Afrikas eine neue, zahlungskräftige Mittelschicht heran, die konsumhungrig ist und mit Geld aus Erdgas und Erdöl ausgestattet nach Infrastruktur und Mobilität, nach Gesundheits- und Vergnügungsdienstleistungen verlangt. Während in den westlichen Industrienationen die demografische Entwicklung alleine schon kaum mehr Hoffnung auf eine positive wirtschaftliche Entwicklung macht, sind die Entwicklungsländer voller junger Menschen, von denen mehr und mehr sich über Bildung Aufstiegschancen erarbeiten. Ghana, voriges Jahr weltweiter Wirtschaftswachstums-Champion mit einer Steigerung von knapp 13 Prozent, wählt übrigens auch, am 7. Dezember. Wer hätte es gewusst? Und um noch einen Schritt weiter zu gehen: Ich wette, dass es dazu keine Meldung in die „Tagesschau“ schafft. Wer wettet dagegen?
Deutschland steht wie ganz Europa staunend daneben
Indien, China und Co. sind da übrigens längst weiter. Eine Firma nach der anderen eröffnet Niederlassungen in Afrika, was auch im Straßenbild nicht mehr zu übersehen ist. Viele Lösungen, die in den eigenen Ländern in den vergangenen Jahren des Aufschwungs entwickelt wurden, eignen sich ebenso für anderen Schwellen- und Entwicklungsländer, während europäische Produkte den Anforderungen oft nicht genügen. Auch bei den Erdöl- und Erdgasvorräten handeln Chinesen und Inder strategisch, weil sie genau erkannt haben, dass sie nur mit entsprechenden langfristigen Partnerschaften in der Lage sein werden, den eigenen steigenden Energieverbrauch zu decken. Und Deutschland?
Deutschland steht wie ganz Europa staunend daneben. Die Verbindungen nach Afrika beschränken sich bis heute maßgeblich auf Entwicklungshilfe und Agrarhandel. Die großen Delegationsreisen von Kanzlerin und Ministern führen auch heute noch nach Washington, Paris, Peking und Moskau, sie müssten aber genauso nach Luanda, Accra und Rabat führen. Wer in Washington regiert, das hat für die Zukunft Europas weniger Relevanz als etwa die Frage, ob die afrikanischen Staaten sich stabil entwickeln und die religiösen Auseinandersetzungen in den Griff bekommen. Bis sich diese Erkenntnis allerdings flächendeckend durchgesetzt haben wird, könnte es zu spät sein, um auf den längst fahrenden Zug noch aufzuspringen.
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