Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Ludwig Wittgenstein

Eine Schramme im Bug der Piraten

Auch ohne es gelesen zu haben, lässt sich sagen: Das Buch von Julia Schramm ist eine Katastrophe. Sie verkauft ihre Ideen an einen Verlag, der diesen widerspricht, und führt die Piratenpartei damit an den Rand der Existenzberechtigung.

Es gibt wohl keinen schlechteren Start für ein Buch, als dass am Tag des Verkaufsstarts ein Verriss auf „Spiegel Online“ erscheint. Genau dies ist Julia Schramm, Mitglied des Bundesvorstands der Piraten, am Montag passiert. Ob das gerechtfertigt ist? Es scheint nicht völlig aus der Luft gegriffen, aber darum geht es nicht. Ich will das Buch an dieser Stelle überhaupt nicht inhaltlich bewerten. Das kann ich auch gar nicht, denn ich habe es nicht gelesen. Mir geht es eher um die Metaebene, um die Frage der Moral und um die Auswirkungen auf die Politik. Denn was Schramm vermutlich nicht ganz bewusst war: In ihrem Fall wird das Private politisch.

Eine Überzeugung für 100.000 Euro

Man darf heute schon davon ausgehen, dass das Buch zum Ladenhüter wird – zumindest in Bezug auf das, was sich Autorin und vor allem Verlag vermutlich erhofft hatten. 100.000 Euro soll Schramm bekommen haben; das ist für einen Erstling eine sehr ordentliche Summe. Die Entscheidung des Verlages irritiert vielleicht, ist aber nicht politisch zu bewerten. Und auch jedem Autor ist sein Honorar an sich zu gönnen, unabhängig davon, ob man nun selbst glaubt, dass es angemessen ist oder eben nicht. Der Betrag hat in diesem Fall aber eben doch eine Relevanz, und zwar weil er transparent macht, wie viel Geld man Julia Schramm zahlen muss, um ihr ihre Überzeugung abzukaufen.

Kein Mensch hat sich jemals darüber aufgeregt, dass Sahra Wagenknecht verschiedene Bücher geschrieben hat, die sich sicher nicht nur ihres Inhalts wegen, sondern auch aufgrund ihrer Popularität als Deutschlands letzte Steinzeit-Kommunistin im Rosa-Luxemburg-Outfit recht gut verkauft haben und ihr ein ansehnliches Zubrot gebracht haben dürften. Das hat vermutlich damit zu tun, dass ihr kapitalistisches Tun nicht im Gegensatz zu ihren politischen Überzeugungen steht, denn sie fordert nicht, dass niemand Geld verdienen dürfe, sondern setzt sich dafür ein, dass gewisse Einkommen abgeschöpft werden – und man darf nach derzeitigem Stand weiter davon ausgehen, dass das auch für ihr eigenes Salär gelten dürfte. Julia Schramm wiederum hat die Rechte an ihrem Buch an einen Verlag verkauft, der sich (wenig überraschend) vorbehalten hat, gegenüber jeglicher Piraterie (man erlaube mir dieses Wortspiel) zur Wehr zu setzen, also vor allem gegen die Verbreitung von kostenlosen digitalen Kopien vorzugehen. Politisch wiederum tritt sie für das Gegenteil ein und nennt den Begriff geistiges Eigentums laut verschiedenen seriösen Quellen auch schon einmal „ekelhaft“. Das geht nicht zusammen – und nimmt den Piraten, sollten sie Schramm weiterhin auch als Bundesvorstandsmitglied gewähren lassen, eines ihrer Hauptverkaufsargumente, nämlich anders zu sein als die anderen.

Der Verstoß gegen den Kategorischen Imperativ

Wenn prominente Piraten, schon bevor sie überhaupt jemals für ein Parlament kandidiert haben, geschweige denn gewählt wurden, ihre Überzeugungen für ein wenig (oder ein wenig mehr) Geld bereit sind, zu verkaufen, darf man nicht damit rechnen, dass andere Piraten als Abgeordnete den Verlockungen von Lobbyisten und Medienvertretern allzu lange widerstehen können. Schramm handelt so offensichtlich gegen den Kategorischen Imperativ, dass man sich fast schon fremdschämen muss. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, diese Worte Kants haben nichts an ihrer Aktualität verloren, auch wenn sie natürlich immer wieder mit Füßen getreten werden. Schramm handelt so, wie das Gesetz ist – und im genauen Gegensatz zu dem, was sie sich offiziell als Gesetz wünscht. Wäre ihre politische Arbeit tatsächlich so stark auf Überzeugungen basierend, wie sie es für sich selbst in Anspruch nimmt, hätte sie sicher die Möglichkeit gehabt, mit ihrem Verlag einen Weg zu finden, der die kostenfreie Verbreitung zumindest digital ermöglicht hätte. Schramm hätte damit Geschichte schreiben und ihre politische Position stärken können. Dafür hätte sie aber auf Geld verzichten müssen. Sie hat sich dagegen entschieden und muss jetzt mit dem entsprechenden Shitstorm leben.

Auch aufgrund ihrer vorherigen häufigen Sinneswandel darf man davon ausgehen, dass Schramms politische Karriere schon wieder beendet ist, bevor sie richtig begonnen hat. Für ihre literarische Karriere gilt das allemal. Nun kann man nur hoffen, dass sich Frau Schramm eine sinnvolle Arbeit sucht. Sonst kommt sie noch auf die Idee, sich ihrem Generalsekretär anzuschließen und unter die selbsternannten Grundeinkommensbezieher zu gehen. Ihm kann man immerhin nicht vorwerfen, er habe seine Überzeugung verkauft. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

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