Was für ein schöner Sonntag. Joachim Gauck

Krieg der Kommentatoren

Politische Debatte im Internet funktioniert nicht. Unser Autor hat mit seinen Lesern ganz spezielle Erfahrungen gemacht.

Houston, wir haben ein Problem. Die Anonymität des Internets, so wird oft geschrieben, verleitet erwachsene Menschen dazu, Beleidigungen loszuwerden, die sie sich in der Realität kaum trauen würden. Dabei sind allerdings die Beleidigungen nur eine Seite der Medaille. Ich persönlich finde es fast schlimmer, dass in Onlineforen durch eben diese Anonymität und die Möglichkeit, sich ganz schnell wieder aus der Diskussion zu verabschieden, wenn die eigenen Argumente in sich zusammenbrechen wie ein Kartenhaus, der Zwang, sich vor einer Äußerung Gedanken darüber zu machen, ob diese auch nur im Ansatz Sinn hat, immer geringer wird.

Die Diskussion erübrigt sich

Vorletzte Woche war ich mit verschiedenen Artikeln online vertreten. Zunächst ging es bei T-Online hoch her zum Thema „Das Ende der Nationalökonomie“. Unfraglich war meine These spitz und man muss sie nicht teilen. Für gute Gegenargumente bin ich offen. Was die 89 Kommentare unter dem Artikel allerdings zeigen: Mit Argumenten wurde sich überhaupt nicht aufgehalten. Obwohl ich die Wissenschaft allgemein kritisiert habe, echauffieren sich die Kommentatoren einzig und alleine darüber, dass ich auch Hans-Werner Sinn kritisiert habe. Ohne dass ich an dieser Stelle eine inhaltliche Positionierung zum Thema ESM getätigt habe, wird mir vorgeworfen, ein „Eurofanatiker“ zu sein. Außerdem habe Herr Sinn ja mehrmals Wege aus der „Bankenkriese“ aufgezeigt, er sei ja nun mal ein profilierter „Wirtschaftsökonom“. Doppelt hält bekanntlich besser und Krise mit „ie“, nun ja, das ist wohl heutzutage Geschmacksache. Sinn sei außerdem unabhängig, entgegen den von der Regierung abhängigen „Wirtschaftswaisen“. Sollte damit der Sachverständigenrat gemeint sein, war mir zumindest bisher nicht bekannt, dass man in diesen nur aufgenommen wird, wenn man keine Eltern mehr hat.

An manchen Stellen scheitert es leider auch an einfachstem Textverständnis, denn anstatt zu verstehen, dass ich die herausgehobene Stellung der Professoren in der Debatte kritisiere, wird mir unterstellt, ich würde jedem ohne Professorentitel absprechen, zu dem Thema eine fundierte Meinung äußern zu können. Oder lesen manche Menschen vor lauter blinder Wut gar nicht, was sie kommentieren? Einmal gesagt, setzt sich diese Wahrnehmung auf jeden Fall unreflektiert durch die gesamt Kommentarspalte fort – und gipfelt in den Vorwürfen, ich sei ein „neoliberaler Büttel, elitär und pseudo-progressiv. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Mitglied der FDP. Und das sagt dann auch schon alles“ – na dann. Manch anderer Kommentator gibt ungefragte Empfehlungen, wie etwa, dass ich mich zunächst einmal zur freiheitlichen-demokratischen Grundordnung bekennen solle (OK, hiermit geschehen, aber warum genau?) oder dass ich mir nach meinen „beruflichen Niederlagen“ (welche jetzt genau?) eine neue Branche suchen solle, die meinen Fähigkeiten entspreche. Welche das sein könnte, dazu wird leider nichts gesagt. Ach ja, inhaltliche Äußerungen zu meinem eigentlichen Thema in 89 Kommentaren: ganze zwei. Der Versuch einer Diskussion erübrigt sich da wohl.

Auch beim zweiten Artikel auf „Zeit Online“ sah es nicht viel besser aus, wenngleich dort die durchschnittliche Qualität, was Rechtschreibung und Kommasetzung angeht, deutlich höher lag. Kein Wort von meiner Seite zum ESM, keine konkrete politische Handlungsempfehlung, sondern alleine eine Warnung, dass sich die Deutschen nicht über andere Völker erheben sollen. Aber in Zeiten von EUdSSR- und Ermächtigungsgesetz-Wahn (Link) auch hier wieder: Kein Verständnis für den eigentlichen Artikelinhalt, nirgends. „You don’t shit, where you eat“ ist noch eine der netteren Ermahnungen innerhalb der 139 Kommentare, mich besser nicht kritisch gegenüber meinem Heimatland zu äußern. Andere scheinen recht viel über mich persönlich zu wissen, stellen sie doch fest, ich habe „als FDP-Mann“ bisher „königlich von dem Euro-Desaster profitiert“. Wie jetzt genau? Das muss an mir vorbeigegangen sein. Aber ein weiterer fleißiger Rechercheur springt zur Seite und scheint auf meinem XING-Profil die Antwort gefunden zu haben: Weil ich auf der Suche nach „spannenden Projekten“ bin, sei doch klar wie Kloßbrühe, dass ich eine widerlicher „Lobbyist“ sei. Für was? Na ja, das sind Details, mit denen man sich nicht aufhalten sollte. Und außerdem gehe es mir ja sowieso nur darum, es doch noch ins Europaparlament zu schaffen. Dass dafür ein Parteiaustritt nicht unbedingt … aber lassen wir das.

Zeit für einen neuen Ansatz

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Man sollte die Stimmungsbilder, die einem solche Foren geben, durchaus mit einem Auge beobachten. Verschwörungstheorien, purer Hass, Drohungen gegen Abgeordnete, die vermeintlich deutsche Interessen verraten, all dies hat schon einmal ins Verderben geführt. Ein Dialog mit solcherlei Kommentatoren ist allerdings unmöglich. Und leider macht das Sendungsbewusstsein vom rechten und vom linken Rand es auch weitgehend unmöglich, in den Onlinemedien mit anderen interessierten und informierten Bürgern zu diskutieren. Das ist schade. Und dafür bräuchte es einen neuen Ansatz … wie der aussehen könnte, weiß ich selbst leider auch noch nicht. Aber es wird Zeit, sich darüber Gedanken zu machen …

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