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Is | lam | has | ser, der

Woher kommt der blinde Islamhass? Der Schlüssel zu dieser Frage sind nicht der Islam und die Muslime, sondern die Islamhasser. Ein Psychogramm.

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Es ist ein Phänomen, das vielen Menschen in Deutschland derzeit bekannt vorkommen dürfte: Viele von uns kennen jemanden, der ein guter Cousin, Vater oder Ehemann sein kann, ein eifriger Staatsbürger, überaus gebildet und Menschenfreund – und andererseits ein Islamhasser. Er kann gern Fußball schauen und die Freuden der Liebe schätzen, grundsätzlich tolerant in religiösen Dingen und großzügig sein, sich um die Menschen in Westafrika sorgen – und andererseits Muslime insgesamt verabscheuen. Wie geht das zusammen?

Der Blick muss nicht, wie manche meinen, zum Islam oder den Muslimen gehen. Die Probleme dort sind längst bekannt und werden adressiert. Das Problem des Islamhassers liegt aber bei ihm selbst. Zunächst einmal entspringen seine Beobachtungen in der Regel nicht eigener Erfahrung, das Abstrakte überwiegt das Konkrete. Ich habe zahlreiche Menschen über die Gründe für ihren Islamhass befragt. Die meisten beschränkten sich darauf, die Makel aufzuzählen, die sie aus mehr oder minder seriösen Quellen kennen. Man mag sie nicht, die Muslime, und dass man damit recht hat, das habe ja die Erfahrung gezeigt (die man aber nicht benennen kann). Persönlichen Umgang pflegen die wenigsten, und wenn, dann taufen sie sie „Ausnahmemuslime“ und betonen: „Die sind nicht wie die anderen.“

Islamophobie ist der Versuch, die eigene Mittelmäßigkeit aufzuwerten

Es ist ein Schauspiel, den Islamhasser dabei zu beobachten, wie er wie besessen obszöne oder kriminelle Taten wiederkäut, die ihn in einer gewissen Weise selbst zu erregen scheinen. Im Namen der Meinungsfreiheit fordert er das Recht, überall den antimuslimischen Kreuzzug zu predigen. Er glaubt, sein Islamhass sei zumindest so etwas wie ein subjektiver Geschmack, der mit anderen Neigungen verbunden die Person bildet, wenn nicht einfach „die Wahrheit“. Ich weigere mich jedoch, eine Lehre, die ausdrücklich auf eine abstrakte Gruppe von Menschen abzielt und bestrebt ist, ihre Rechte zu beseitigen oder einzuschränken, eine Meinung zu nennen. Der Islamhass fällt nicht in die Kategorie von Gedanken, die das Recht auf freie Meinungsäußerung schützt.

Wie ich schon im Dezember beschrieben habe: Die Abneigung gegen den Islam und die Hinwendung zu Pegida und Co. ist ein Hassaffekt, es gibt kein auslösendes Moment. Es gilt nicht: „Ich hasse den, der mir Leid zugefügt hat, der mich herausfordert oder mich beleidigt.“ Der Islamhass geht vielmehr den Tatsachen voraus, er sucht sie, um sich durch sie zu legitimieren und deutet sie so um, dass sie diesen Zweck erfüllen. Dabei befindet sich der Islamhasser immer in heftiger Erregung, er wählt die Leidenschaft, in der er leben will, und reagiert nicht erst auf äußere Einflüsse. Der Islamhass ist eine freie und totale Wahl, eine umfassende Haltung, die man nicht nur den Muslimen, sondern den Menschen im Allgemeinen, der Geschichte und der Gesellschaft gegenüber einnimmt; er ist zugleich eine Leidenschaft und eine Weltanschauung.

Bei den Islamhassern lässt sich regelmäßig ein leidenschaftlicher Stolz der Mittelmäßigen beobachten, und die Islamophobie ist der Versuch, die Mittelmäßigkeit als solche aufzuwerten. Vielleicht spricht ein Moslem ein besseres Deutsch als der Islamhasser, vielleicht kennt er die Syntax und die Grammatik besser, vielleicht ist er sogar Schriftsteller: das macht nichts. Diese Sprache spricht der Moslem erst seit Kurzem, der Islamhasser aber seit dem ersten Tag. Einwände, dass jemand auch als Moslem in Deutschland geboren sein kann, werden weggewischt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Die Korrektheit der Sprache bei einem Moslem ist abstrakt, angelernt. Anders kann es ja nicht sein. Das erklärt auch, dass sich im Internet viele „stolze Deutsche“ präsentieren, die komplett ohne Rechtschreibung und Grammatik trotzdem an ihre Überlegenheit glauben.

Der Islamhasser hat Angst vor dem Denken

Dabei gehören viele Islamhasser – vielleicht die Mehrheit – der Mittelschicht an, der es gut geht, die aber nicht allzu viel wirklich besitzt. Doch gerade indem sie sich gegen die Muslime (und andere „Ausländer“) stellen, nehmen sie plötzlich das Bewusstsein an, Eigentümer zu sein: indem sie sich den Moslem als Eindringling, als Dieb vorstellen, versetzen sie sich in die beneidenswerte Position von Leuten, die bestohlen werden könnten; da der Moslem sie ihres „Abendlands“ berauben will, gehört ihnen das Abendland. So haben sie den Islamhass als Mittel gewählt, ihre Eigenschaft als Besitzende zu realisieren. Diese Erkenntnis macht auch deutlich: Existierte der Moslem nicht, der Islamhasser würde ihn erfinden. Denn wem wäre er sonst noch überlegen?

Während der vernünftige Mensch unter Qualen nach Antworten sucht, weil er weiß, dass seine Schlüsse nur wahrscheinlich sind, dass sie durch andere Betrachtungen zu Zweifeln werden, hält sich der Islamhasser mit derlei Selbstbeschäftigung nicht auf. Er will keine erworbenen Anschauungen, er hält sich an die angeborenen. Weil er Angst vor dem Denken hat, möchte er eine Lebensweise annehmen, bei der Denken und Nachforschen nur eine untergeordnete Rolle spielen, wo man immer nur nach dem forscht, was man schon gefunden hat, wo man immer nur wird, was man schon war. Wenn der Islamhasser, wie jeder sehen kann, sich Vernunftgründen und der Erfahrung verschließt, dann nicht, weil seine Überzeugung stark ist; seine Überzeugung ist vielmehr stark, weil er von vornherein gewählt hat, verschlossen zu sein.

Selbst die ansonsten bestehende Ordnung greift der Islamophobe unter dem Deckmantel seines „gerechten Kampfes“ gegen den Islam an. Dafür greift er zu einem Trick: Der Moslem nimmt an den Wahlen teil, in der Regierung sind Muslime – oder zumindest deren vermeintlich willfährige Helfer –, folglich ist die legale Macht von Grund auf faul; mehr noch, sie existiert nicht mehr, und es ist legitim, ihre Anordnungen nicht zu beachten. Die „Lügenpresse“ tut ihr Übriges dazu. So gibt es für den Islamhasser ein reales Abendland mit einer realen, jedoch diffusen Regierung und ein abstraktes, offizielles, islamisiertes Abendland, gegen das sich zu erheben zum guten Ton gehört.

Er hat vor allem Angst, außer vor dem Islam

Mehr ist es dann aber auch nicht. Die islamfeindlichen Bewegungen wollen nichts erfinden, sie lehnen es ab, Verantwortung zu übernehmen, es wäre ihnen ein Graus, sich als ein Teil der öffentlichen Meinung zu verstehen, denn dann müssten sie sich auf ein Programm festlegen. Sie wollen sich lieber als den ganz und gar reinen und passiven Ausdruck der Gefühle des realen Landes in seiner Unteilbarkeit darstellen. Schweigsam – und doch laut. In seinem Widerstand glaubt der Islamhasser sich im Recht. Denn es geht nicht um einen Interessenkonflikt, sondern um die Schäden, die eine böse Macht der Gesellschaft zufügt. Folglich besteht das Gute darin, das Böse zu zerstören. Hinter der Verbitterung des Islamhassers verbirgt sich der optimistische Glauben, nach der Vertreibung des Bösen werde sich die Harmonie von selbst wieder einstellen. Seine Aufgabe ist also rein negativ: Es geht nicht darum, eine Gesellschaft aufzubauen, sondern nur darum, die bestehende zu reinigen. Der Islamhasser hat entschieden, was das Böse ist, um nicht entscheiden zu müssen, was das Gute ist. Mit diesem Standpunkt hat er trotzdem ein gutes Gewissen. Er sieht sich gewissermaßen als „Verbrecher aus guter Absicht“. Es ist schließlich nicht seine Schuld, wenn er dazu ausersehen wurde, das Böse durch das Böse zu vernichten; das wirkliche Abendland hat seine Richtermacht auf ihn übertragen. Dass Pegida dabei tatsächlich von einem verurteilten Kriminellen initiiert wurde, setzt dem Ganzen dabei die Narrenkappe auf.

Immerhin: Wir sind jetzt in der Lage, den Islamhasser zu verstehen. Er ist ein Mensch, der Angst hat. Nicht vor den Muslimen, sondern vor sich selbst, vor seinem Bewusstsein, vor seiner Freiheit, vor seinen Trieben, vor seiner Verantwortung, vor der Einsamkeit, vor der Veränderung, vor der Gesellschaft und der Welt; vor allem, außer vor den Muslimen. Der Islamhasser will vielleicht ein rasender Sturzbach sein, vielleicht ein vernichtender Blitz – oder ein unbarmherziger Monolith. Alles ist vorstellbar. Nur das menschliche Element, das verneint der Islamhasser.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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