Die zukünftige Welt der Arbeit lässt keine Wünsche offen: Sie ist flexibel und herausfordernd, bietet maximale Selbstbestimmung und unbegrenztes Wachstum – für diejenigen, die in ihr aufgewachsen sind. Für die Anderen wirkt sie verstörend und alarmierend prekär mit einem Hang zur persönlichen Selbstausbeutung. Beides ist wahr. Kommt ganz darauf an, in welcher Welt man lebt.
Seit der „Spiegel“-Titelstory glaubt es endlich auch mein Vater: Die Arbeitswelt verändert sich. Er glaubt, es wird ungemütlicher. Weniger Sicherheit, mehr Einsatz, keine Kontinuität. Man kann sich auf nichts mehr verlassen. Gebrochene Lebensläufe stehen auf der Tagesordnung, die Familienplanung wird sehr schwierig und hinter der Altersvorsorge steht ein großes Fragezeichen. Wir müssen mobil bleiben und der Arbeit hinterher reisen. Feste Anstellungsverhältnisse gibt es bald überhaupt nicht mehr. “Junge, besorg dir doch irgendwie eine Festanstellung!”
Wir reiten lieber eigenhändig ins Verderben
Diese Aussichten müssen sich natürlich schrecklich anhören, wenn man in einer Welt groß geworden ist, in der Kontinuität, Verlässlichkeit und Planbarkeit als positive Eigenschaften gelten. In der anderen Welt werden diese Attribute an Begriffen wie Dynamik, Improvisationskunst und Freiheit gemessen und wirken plötzlich wie Verhinderer eines erfüllteren und selbstbestimmteren Lebens. Der Wermutstropfen, dabei die eigene Rente auf’s Spiel zu setzen, ist schnell vergossen. Wir sind noch jung und der Finanzminister und die internationalen Finanzmärkten übernehmen ansonsten diesen Job. Da reiten wir lieber eigenhändig ins Verderben. Das ist sozusagen die „Do It Yourself-Generation“. Fail early and often! Und wir Wissen zusätzlich zwei Dinge.
Erstens: In 30 Jahren ist nichts mehr so wie heute. Zweitens: Wenn es dann noch ein soziales Sicherungsystem geben wird, dann wird es eins sein, das sich bis dahin unseren Bedürfnissen angepasst hat. Wir sind ja dann der Normalfall und damit in der Mehrheit. In der Zwischenzeit improvisieren wir und die Sicherheitsfanatiker unter uns kaufen gerade Land für 2,50 Euro in Brandenburg. Dort kann man Kartoffeln anbauen.
Gut, aber was ist da eigentlich los? Klimaerwärmung? Atombedrohung? Globalisierung? Letzteres vielleicht ein Bisschen, aber nur am Rande. Meine ehemalige Neuköllner Nachbarin verkauft Schmuck in viele Länder. Sie macht USB Manschettenknöpfe, sie sind in New York sehr beliebt und in Saudi Arabien. Sie braucht das Internet, ihre Freundin, die Goldschmiedin ist und die Post. Mehr nicht. Mark Zuckerberg, ein 26-jähriger Studienabbrecher, besitzt ein Vermögen im Wert von rund vier Milliarden Dollar. Er braucht nur das Internet. Dazwischen liegen natürlich Welten, allerdings Welten voller Menschen mit Geschichten. Und diese Geschichten sind der Katalysator für eine neue Bewertung der Situation.
Die Zukunft fährt mit 350 Sachen auf uns zu
Eine starke Dynamik ist unter Umständen keine Bedrohung mehr, sondern eine Chance. Flexibilität ist eine Möglichkeit der Selbstbestimmung und Kontinuität steht für Stagnation. Das könnte man nun endlos so fortsetzen. Jedenfalls mutet die kontroverse Diskussion über prekäre Arbeitsverhältnisse stark wie ein grundlegender Wertekonflikt an, der einfacher geführt werden kann, wenn er als solcher identifiziert wird. Die generelle Faktenlage ist unstrittig.
Zuweilen kommt es mir dabei vor, als würden wir rückwärts auf die Zukunft zulaufen, während wir uns unsere Vergangenheit anschauen. Und die Zukunft ist ein Hochgeschwindigkeitszug, der mit Tempo 350 auf uns zu fährt.


















schöne neue welt … auch in ihr gibt es genügend menschen die gerne was festes haben wenn sie dran gehen kinder in die neue welt zu setzen
und es gibt nicht nur die kreativen medienmenschen, was hält die neue welt für putzfrauen, schlecker- und lidl-mitarbeiter bereit? überwachung, automatischen datenabgleich und mit glück mindestlöhne. da kann man das ganze auch weniger euphorisch sehen und mal über den eigenen tellerrand hinausschauen, gerade wenn man sich als avantgard sieht, oder herr fahle?
grüße
inti
ps. ansonsten stimm ich dem ganzen natürlich zu, mir gefällt das spontan chaotische auch besser (zumindest zur zeit)
Liebe inti,
Du hast vollkommen recht: Mit iPad unter dem Arm lässt es sich vielen Dingen, die da angeblich “mit 350 Sachen” auf uns zugerast kommen, gelassen gegenübertreten. Darüber sollte man aber all diejenigen nicht vergessen, die ganz zu Recht Angst vor diesem Hochgeschwindigkeitszug haben – er wird sie nämlich aller Voraussicht nach überrollen. Ja, es gibt sie, die Verlierer der digitalen Postpostmoderne, und in Deinem Kommentar hast Du angedeutet, wer dazu gehört.
Mit bestem Gruß,
Tobias
Es gibt auf diese Artikel grob vereinfacht immer zwei Arten von Reaktionen. Die eine hat Angst vor allem neuen und der Veränderung des Status Quo. Ihr Totschlagargument ist “aber das funktioniert doch nicht für jeden”. Aber es gibt auch die andere Reaktion, die erleichtert aufatmet, dass das, was man schon immer gespürt hat wahr ist, dass es eine andere Art von Umgang mit Arbeit und dem Leben geben kann, dass das 9-to-5-Gefängnis nicht das Schicksal bis zur (bis dahin abgeschafften) Rente sein muss.
Wir schreiben diese Artikel nicht für die Kritiker, die sich niemals überzeugen lassen werden, sondern für die, die auf dieses “Zeichen” gewartet haben.
Am Ende zählt nicht die Frage, ob es für jeden funktionieren kann sondern ob es für dich funktionieren kann. Und das ist weit häufiger der Fall als man allgemein glaubt.