Wer sich nicht verbiegt, muss auch mit Kritik leben. Björn Böhning

Duell ohne Gegner

Bislang gab es im Fernsehen nur Kanzlerduelle zu sehen. Gestern nun gab es die erste presidential debate.

Untergegangen im Trubel um das gestrige TV-Interview mit dem Bundespräsidenten ist die Tatsache, dass es sich dabei um die erste presidential debate der bundesdeutschen Mediendemokratie gehandelt hat. Während bislang die sogenannten „Kanzlerduelle“ den überprominenten Platz auf dem Feld der politischen Fernsehgespräche eingenommen haben, können Christian Wulff, ARD und ZDF hier eine echte Innovation für sich beanspruchen. Allerdings eine mit vielen Ungereimtheiten.

Alle Merkmale einer presidential debate

Bei diesem Duell ohne Gegner konnten sämtliche Phasen beobachtet werden, die eine typische presidential debate auszeichnen – und das innerhalb nur weniger Stunden. Der US-amerikanische Debattenexperte Alan Schroeder unterscheidet hier zwischen der pre-production, der eigentlichen Debatte und der post-debate-debate, dem Deutungsspiel im Nachgang zum TV-Auftritt.

Auffälligkeiten gab es in allen drei Phasen: Vorab kam kurz Unsicherheit über das Format auf (Wer führt das Interview? Wer darf es übertragen? Wie lange wird es sein?), während des Gesprächs rückte das an Late-Night-Shows erinnernde Studio-Ambiente in den Blick, ebenso wie Antwortverhalten und Gestik des Präsidenten. Wie in allen TV-Duellen gerieten natürlich auch die Fragesteller in den Fokus, hier hat sich Bettina „150 Euro“ Schausten mit ihrer Aussage zu Ausgleichszahlungen bei Übernachtungen im Freundeskreis unfreiwillig in den Vordergrund geredet. In der post-debate-debate kamen reihum die üblichen verdächtigen Experten zu Wort und kommentierten in Wort und Bild die Performance des Bundespräsidenten.

Das Resultat auf dem Bildschirm wirkte erstaunlich wenig staatstragend, was sicher an der unpassenden Studio-Atmosphäre, aber auch der fehlenden Vorbereitungszeit für eine ordentliche „Inszenierung“ gelegen haben dürfte. Die Überzahl der aus öffentlich-rechtlichem Proporz zu zweit angetretenen Fragesteller machte aus dem Format eher eine Art verunglücktes Tribunal, auch das passte nicht zur allgegenwärtigen Debatte um die Würde des Amtes.

Bevorzugung der Öffentlich-Rechtlichen

Wie auch bei den „normalen“ TV-Duellen ist aber die Diskussion um das Zustandekommen des Interviews und die Umstände der Ausstrahlung besonders aufschlussreich: Die Vertreter der Privatsender haben sich über die Bevorzugung ihrer öffentlich-rechtlichen Konkurrenten beschwert, bei den „echten“ TV-Duellen ist die Sendeallianz noch breiter aufgestellt. Als noch bemerkenswerter ist aber die mehrfache Verschiebung der Sperrfrist und schließlich das Unterlaufen durch journalistisches Live-Twittern während der Pressevorführung sowie das Leaking einer Audio-Fassung an netzpolitik.org einzuschätzen. Hier zeigt sich (endlich) auch in Deutschland eine fortschreitende Vernetzung der alten Sendekanäle mit neuen, flexibleren und schnelleren Medienumgebungen. Den Schlusspunkt setzte hier eine weitere Novität: ein aus dem virtuellen Nichts entstandenes Transkript der Debatte, das auf einem kollektiven Texteditor zusammengetragen wurde. Mittlerweile ist das Dokument zu einer sehr hilfreichen Quellensammlung angewachsen, das Ende ist nicht abzusehen (Video zum Entstehungsprozess). Hier zeigt sich die Leistungsfähigkeit von „Do-it-yourself“-Medien, die zugleich eine kreative Aneignung des Themas durch einfache Nutzer ermöglichen.

Und so wurde schließlich auch aus einem hektisch inszenierten Fernsehformat doch noch ein gutes Produkt zur politischen Bildung – und das ist eigentlich auch das Ziel der echten TV-Duelle.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Markus Rhomberg, Ernst Elitz, Christoph Bieber.

Leserbriefe

Aus der Debatte

Der Streit um Christian Wulff

Prinzip der offenen Tür

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In der Politik wurde die Trennung von Privatem und Öffentlichem schon früh aufgegeben. Was jemand wie Christian Wulff beichten soll und was lieber für sich behalten, das kann das Wahlvolk aber recht gut einschätzen.

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von Markus Rhomberg
19.01.2012

Empörung kostet nichts

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Wer nicht selber kocht, kann sich nicht aussuchen, wer serviert. Also berufen sich die Empörungs-Journalisten auf die Bild-Zeitung. Emotionale Aufgeregtheit ist aber billig, die Recherche hingegen teuer. Und wichtiger.

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von Ernst Elitz
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Die neue politische Geschenkökonomie

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Unser Problem ist nicht das Fehlverhalten des Bundespräsidenten – sondern ein System aus Schattennetzwerken, in dem politische Seilschaften und finanzstarke Unterstützer mehr zählen als das Allgemeinwohl.

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von Christoph Bieber
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Mehr zum Thema: Christian-wulff, Oeffentlich-rechtliche, Tv-duell

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