Dem Schiedsrichter zu widersprechen, das ist, wie wenn man in der Kirche aufsteht und eine Diskussion verlangt. Dieter Hildebrandt

Gehe zurück auf Los

Die lang geforderte radikale Offenheit erlebt Julian Assange nun ganz unfreiwillig. Für die Organisation bedeutet das eine Rückkehr zu ihren Wurzeln.

Als vor einem Dreivierteljahr die ersten diplomatischen Kabel veröffentlicht wurden, hatte es eine heftige, aber kurze Debatte gegeben, ob das Internet tatsächlich noch ein freier Kommunikationsraum sei – oder ob angesichts der Repressalien gegen Wikileaks dort nun auch die etablierten Machtakteure aus Politik und Wirtschaft regierten. Die Leaking-Plattform, damals noch dem Modus des kollaborativen Publizierens im Verbund mit ausgewählten Medienpartnern verhaftet, galt als Vorbote für ein „Zeitalter der Transparenz“ (Micah Sifry) und als Vorkämpfer einer „vernetzten Vierten Gewalt“ (Yochai Benkler).

Wikifizierung von Wikileaks

Seitdem ist viel geschehen. Nicht nur musste Julian Assange in britischen Landhausarrest, haben beteiligte Journalisten drei „Making-of“-Bücher vorgelegt, versuchen sich verschiedene „Erben“ an der Positionierung von Leaking-Plattformen, und hat ein ehemaliger Mitstreiter sein Insiderwissen veröffentlicht. Zudem wurden Wikileaks zugespielte Daten kopiert, freigesetzt und/oder gelöscht, darunter auch das vollständige Rohmaterial der diplomatischen Kabel. Begleitet wurden diese Ereignisse von einer Schlammschlacht unter Nerds und Journalisten, verbunden mit erheblichem Ansehensverlust aller Beteiligten.

Unter Zwang ist Wikileaks dabei zu seinen Wurzeln zurückgekehrt und hat versucht, die Online-Nutzer in den Umgang mit und die Auswertung der Quellen einzubinden. Über Umwege ist so zwar ein wenig „radikale Transparenz“ entstanden, durchaus im Sinne eines kommunikativen Kurzschlusses von Machtakteuren durch dauerhafte Beschäftigung mit sich selbst: ein Schlüssel zum Verständnis, zur Logik der ungeschützten Freisetzung des Rohmaterials liefert nach wie vor der Assange-Aufsatz „Government as Conspiracy“ aus dem Jahr 2006.

Bezahlt werden musste diese „Wikifizierung“ allerdings mit dem Preis der vermutlich dauerhaften Beschädigung von Wikileaks und Openleaks, sowie der weiteren Isolation der jeweiligen Protagonisten. Die Praxis des digitalen Leaking auf offenen, kollaborativen Plattformen hat jedoch sehr wohl eine Zukunft – dagegen wird auch die Fortsetzung der Kampagne der alten Medien gegen die Konkurrenz aus dem Internet nichts ausrichten können. In der Entrüstung des „alten Journalismus“ über das unverantwortliche Handeln von Wikileaks schwingt ein Stoßseufzer mit: ein Konkurrent weniger.

Doch warum sollte sich gerade hier etwas ändern? Die Lage des investigativen Journalismus hat sich im Vergleich zur Vor-Wikileaks-Ära nicht verändert. Die großen deutschen Medienhäuser sind nicht digitaler geworden, die Recherche-Etats wurden nicht erhöht, ein Leuchtturm wie das „Netzwerk Recherche“ kämpft gegen die eigene Intransparenz. Und dass die erfolgreiche Implementierung einer Leaking-Plattform jenseits vorhandener Öffentlichkeitsstrukturen nicht trivial ist, hat mit Openleaks der aussichtsreichste Kandidat auf der unabhängigen Enthüllungsplanstelle bitter erfahren müssen.

Assanges Bauwerk gerät ins Wanken

Assanges Einfluss auf die Architekturen von Öffentlichkeit und Transparenz wird das Projekt Wikileaks überdauern, unklar ist, ob er selbst dazu noch etwas beitragen kann. Damit bleibt er ein umstrittener, einsamer „Bewegungsintellektueller“, dessen Ideenbauwerk durch die jüngsten Entwicklungen zwar ins Wanken geraten ist – einsturzgefährdet ist es jedoch nicht. Als Voraussetzung für diese selten besetzte Position an der Schnittstelle von Bewegung und Theorie nennt der US-Politologe Theodore Lowi zunächst „das Führen eines radikalen Lebens“. In dieser Hinsicht kann man Julian Assange nichts vorwerfen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sahar el-Nadi, Marian Adolf, Guido Strack.

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