Der Fußball ist einer der am weitesten verbreiteten religiösen Aberglauben unserer Zeit. Umberto Eco

Wir brauchen endlich die Schule 4.0

Deutschland schleicht bei der digitale Transformation hinterher. Wir müssen in den Schulen mit einer Neustart beginnen, meint die CDU-Politikerin Christina Rauch und plädiert für ein ganz bestimmtes Konzept.

Im VDI-Jahresbericht „Smart Germany“ wird dargestellt, dass in keiner anderen Industrienation Lehrpersonen seltener neue Technologien im Unterricht verwenden als ausgerechnet bei uns in Deutschland. Das ist nicht nur ein Fehler im deutschen Schulbildungssystem. Es ist ein Alarmzeichen. Von der Ausstattung über flächendeckenden IT-gestützten Unterricht bis hin zum qualifizierten Lehrpersonal besteht enormer Nachholbedarf in Deutschland.

Von digitalen Pilotprojekten und von vereinzelten Landesstrategien ist daher in der letzten Zeit zu lesen. Doch dies reicht nicht aus, um den Zug der digitalen Transformation nicht zu verpassen. Vielerorts mangelt es an Finanzierungsmöglichkeiten und viel schlimmer an einer ganzheitlichen Strategie im Bildungsbereich, die nicht versucht, leuchtturmartig einzelne Bereiche zu digitalisieren, sondern eine Zukunftsstrategie mit Weitblick vorgibt, die alle Bereiche des Bildungs- und Ausbildungssektors im Sinne von Industrie 4.0 vernetzt. Demzufolge ist eine deutschlandweite, metaföderale Bundesstrategie gerade im Hinblick auf den europäischen und internationalen Wettbewerb unabdingbar.

Das Konzept „Schule 4.0” ist diese Zukunftsstrategie. Es setzt die Forderungen der Kultusministerkonferenz um und erweitert sie um weitere wesentliche Kompetenzen.
Die Konzeptidee basiert auf der Mängeranalyse desssen, was wir nicht haben: Keine modernen, digitalen Medien als Unterrichtsmittel und im Schulalltag, keine bis wenig Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten der Lehrerinnen und Lehrer im Bereich der digitalen Medien, keine ganzheitlichen Konzepte, keine beziehungsweise wenig finanzielle Mittel – aber viele Aufgaben und jede Menge politische Erwartungen.

Grundidee des Konzeptes der „Schule 4.0” – Das „Industrie 4.0” – Das Internet der Dinge macht Schule

Der Grundgedanke der „Schule 4.0” beruht auf dem Parallelbegriff der „Industrie 4.0” – dem Internet der Dinge, nach welchem Objekte jeder Art in das Internet integriert werden: Autos, Konsumgüter, Maschinen werden kommunikativ, treffen selbstständig Entscheidungen und lösen Aktionen aus. Die Folge ist die Verbindung zwischen der physischen Welt der Dinge und der virtuellen Welt der Daten. Darauf aufbauend entstehen neue Geschäftsmodelle wie Smart Products, Smart Factory, Smart Energy, Smart Farming, Smart Building und viele mehr.

Nun ist es nur ein kleiner Schritt von „Industrie 4.0" zu unserer „Schule 4.0“. Die Schülerinnen und Schüler müssen fit gemacht werden für diese neuen Geschäftsmodelle. Ihnen muss in der Schule das Handwerkszeug gegeben werden, das die Arbeitnehmer und -geber von heute und morgen benötigen.

Der erste Baustein in unserem Modell ist dabei die Vernetzung aller beteiligten Personen, Komponenten und Systeme. Dies wird gewährleistet durch den Einsatz von Tablets und die Unterstützung von System- und Serviceplattformen. Der Rechnerraum, so wichtig er zur Zeit auch noch in einigen Bereichen und vielen Schulen sein mag, ist ein Auslaufmodell. Damit die Kommunikation im Schulnetz und die externe Vernetzung verlässlich funktionieren, benötigen Schulen eine stabile Infrastruktur mit Breitbandzugang.

Sind alle diese Hürden genommen, bedarf es neuer Konzepte für den Unterricht. Auch die Schulbuchverlage sind vom Wandel betroffen und haben begonnen, parallel zu gedruckten Lehrwerken auch digitales Material und Konzepte anzubieten, welche allerdings noch lange nicht den Bedarf abdecken. Gerade hier sehen sehen die Projektleiter von Seiten der Schulbuchverlage dringend Handlungsbedarf, sich dieser Lernumwelt anzupassen und keinen weiteren Trend zu verschlafen.

Das heutige Arbeiten im Unterricht muss nach diesem Konzept grundsätzlich überdacht werden. In der Schule 4.0 wird das Hauptaugenmerk auf der Schülerorientierung liegen, das heißt noch weiter weg vom oft noch viel zu lehrerzentriertem Unterricht. In diesem Rahmen sollen neue Methoden und Prozesse erprobt werden, welche die Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt der Handlung in einem integrierenden und interdisziplinären Unterrichts- und Methodenansatz stellen. So wird mit den iPads die Möglichkeit zur Durchführung neuer didaktischer und methodischer Lernszenarien für ein schülerzentriertes, selbstgesteuertes Lernen in allen Fächern wie im Unternehmensumfeld geschaffen.

Neue Methoden und Prozesse im Unterricht

Der Unterricht wird so getragen von Präsentation, Kommunikation, Teamarbeit, Kooperation und Vernetzung. Diese neuen Methoden und Prozesse sollen die Schülerinnen und Schüler dann in Unternehmenspraktika erproben. Zudem sollen projektbezogene Unterrichtseinheiten von Unternehmen und Lehrstühlen der Region in der Schule durchgeführt werden. Ein Projekt könnte in diesem Rahmen auch das Modell „Vom Klassenzimmer in die Werkstatt“ sein.

In diesem Zusammenhang strebt die Schule 4.0 Kooperationen mit Hochschulen, Universitäten und Firmen der Region an. Es sollen projektbezogene Unterrichtseinheiten von Hochschulen, Universitäten und Unternehmen der Region in der Schule durchgeführt werden. Dies ist eine der konkreten Umsetzungsideen einer zukünftigen Vernetzung.

Weitere Ideen sind die Kooperation mit Medienabteilungen zur Produktion von Lehrvideos, die Teilnahme an (virtuellen) Ringvorlesungen mit Scheinerwerb, die Mitgestaltung von universitären Projekten wie zum Beispiel einer Sommerferien-Universität, Vorlesungen und Übungen der Hochschulen und Universitäten in der Schule.

Ein weiterer Gedanke ist die Durchführung eines kombinierten Wirtschafts- und Universitätspraktikums der Oberstufe, in welchem die Schule, Firmen der Region und Hochschulen und Universitäten einen Schulterschluss eingehen: Von der Theorie in die Praxis und zurück in die Theorie: Ein Baustein der Schule 4.0.

Stärkung der Kompetenzen in der Schule 4.0

Als offensichtliche Kompetenz in einem digitalen Lernumfeld wird an erster Stelle die Medienkompetenz genannt. Sie beschränkt sich jedoch nicht allein auf den kompetenten, technischen Umgang mit dem Medium der Wahl, sondern vielmehr auch mit den ganzen Fragen, die der Umgang mit ihm aufwirft. So werden wir in unserem digitalen Zeitalter vermehrt an die Grenzen unserer Medienkompetenz getrieben. Daher wird dieses Medienkonzept nicht allein von technischen Aspekten, sondern gerade auch von der Sensibilisierung aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer für rechtliche und praktische Aspekte der digitalen Medien und des Internets getragen. An Medienkompetenztagen wird die ganze Schulgemeinschaft, die Schülerinnen und Schüler, die Eltern und die Lehrerinnen und Lehrer in Referaten und Workshops über die technischen, rechtlichen und praktischen Aspekte des Internets informiert. Weiter werden Schüler-Medienscouts in der Schulgemeinschaft ausgebildet.

Neben der offensichtlichen Stärkung der Medienkompetenz werden durch die neuen Methoden und Prozesse auch Kompetenzen im Bereich Sach-, Fach, Sozial-, Team-, Organisationskompetenz gefördert und interdisziplinäres und vernetztes Denken wie auch Flexibilität und generationenübergreifendes Agieren gefördert. Diese Förderung und der Erwerb der Kompetenzen werden die folgenden Unterrichts- und Kooperationsbeispielen exemplarisch aufzeigen.

Schule 4.0 und gesellschaftliche Herausforderung

Auf die Anforderungen an das deutsche Bildungssystem wie zum Beispiel die inklusive Bildung, die Förderung individueller Potenziale, die Entkopplung von Bildung und Herkunft, die Übernahme von Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler in ihrem eigenen Lernprozess also der Förderung von Selbstständigkeit, die Signifikanz von Mehrsprachigkeit und natürlich auch auf die digitale Transformation der Gesellschaft gibt die Schule 4.0 konkrete und umsetzbare Antworten. Teile dieser Anforderungen wurden auch von der Kultusministerkonferenz im Strategiepapier „Bildung in der digitalen Welt – Strategie der Kultusministerkonferenz” im Dezember 2016 formuliert und den Ländern als Strategie vorgegeben.

Ein wesentlicher Aspekt muss an dieser Stelle noch genannt werden: Gerade in Bezug auf die neuen gesellschaftlichen Herausforderungen – die Schülerinnen und Schüler ohne oder mit nur geringen Kenntnissen der deutschen Sprache und Kulturlandschaft – bietet die Schule 4.0 eine weitere Chance, um eben mit den genannten Strategien individuell, kooperativ und integriert in den Unterrichtsalltag auf die heutige Lebenswelt und spätere Ausbildungs-, Studien- und Berufswelt vorzubereiten, mit ihr zu vernetzen und so in die jetzige Lebenswelt zu integrieren. Mit diesem inklusiven Bildungsansatz erhöht sich die Qualität und Chancengerechtigkeit im Bildungs- und folglich im Gesellschaftssystem.

Ziele der Schule 4.0

Es soll ein neues Verständnis von Teamarbeit und Technik geschaffen, selbstständiges Arbeiten, individuelle Potenziale, übergreifendes Wissen und fächerübergreifende Zusammenarbeit und Kreativität im Umgang mit Problemstellungen gefördert, generationenübergreifendes Arbeiten ermöglicht und die Schülerinnen und Schüler in der Schule auf die Anforderungen von heute und morgen vorbereitet, daher die Arbeitnehmer und -geber von morgen ausgebildet werden. „In der Ausbildung liegt der Schlüssel für zukünftige technologische Innovationen, den Erhalt und Ausbau unserer Wettbewerbsfähigkeit, des Wachstums und Wohlstands und die gesellschaftliche Teilhabe aller”, so die Saarbrücker Erklärung im Dezember 2016.

Diesen Schlüssel versucht das Projekt mit allen politischen Einschränkungen schon seit 2014 zu fräsen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Johanna Wanka, Jens Spahn, The European.

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