Europa ist nur möglich innerhalb der Welt und innerhalb der Weltwirtschaft. Gustav Stresemann

Einmal Star und zurück

Die Fähigkeit zur medialen Darstellung gehört heute untrennbar zum Beruf der Politik. Doch wer es zu weit treibt, begibt sich auf einen schmalen Grat – im Zweifel lässt sich das Verhältnis mit den Medien nicht kontrollieren.

Sie alle haben es getan: Joschka Fischer, Johannes Rau, Franz Josef Strauß, Gerhard Schröder, Rita Süssmuth, Oskar Lafontaine, Ursula von der Leyen. Die Guttenbergs.

Sie saßen auf der Couch bei „Wetten dass…?“, wo sonst nur die echten Stars sitzen. Politik lässt sich da nicht verkaufen. Den Sofagästen geht es nur um Popularität. Nicht für ihr Programm, sondern für sich ganz persönlich. Sie sitzen da neben Gina Lollobrigida, Veronica Ferres, Heidi Klum oder Tom Cruise, und Ursula von der Leyen lässt sich gar vom Sexiest Man Alive Hugh Jackman auf Händen tragen. Bei Gottschalk können sich Politikerinnen und Politiker, so glauben sie, anders zeigen, als sie sonst gesehen werden. Sie hoffen, dass der Glamour der Show- und Sportprominenz auf sie abfärbt und sie schließlich selbst zur Celebrity werden. Sie suchen dort, was heute nicht mehr gottgegeben ist: Charisma.

Spiel mit den Medien ist Balanceakt

Dafür lassen sich Politiker auf die Spielregeln des Showbusiness ein. Wie das geht, hat gerade Karl-Theodor zu Guttenberg vorgemacht ‒ zu seiner eigenen Überraschung aber auch, welche Risiken damit verbunden sind. Gefördert noch durch den Adelstitel, verlief der Aufstieg glatt, vom Times Square bis zur Talk Show direkt aus Afghanistan. Das Reputationsmanagement beim Absturz klappte weniger gut, der übereilte Versuch zum Comeback ging auch daneben. Der Fall Wulff glitzert weniger, zeigt aber manche Parallele.

Politikerinnen und Politiker, die sich dem Boulevard und der Unterhaltung andienen, unterwerfen sich deren Regeln, allein zum Eigennutz. Sie begeben sich auf einen schmalen Grat, auf dem ein kleiner Fehltritt böse Folgen haben kann. „Medienkanzler“ Gerhard Schröder hat diesen Balanceakt verschiedentlich probiert und die Konsequenzen gezogen, als er spüren musste, wie glitschig es da oben ist.

Kritik und Kontrolle statt Kuscheln

Gewiss, ohne Medien geht es nicht. Die Verlockungen, die ein Auftritt in der Unterhaltung oder die positive Nachhilfe der Zeitung mit den großen Überschriften zu bieten haben, sind reizvoll. Wer das nutzen will, muss sich auf ein Geschäft mit einem Partner einlassen, der nur den eigenen Vorteil sucht; auch wenn Politik und Medien kooperieren, haben sie unterschiedliche Ziele. Wulff glaubte, ein Agreement mit der „Bild“-Zeitung zu haben. Als das Aufkündigen dieser scheinbaren Allianz des Lächelns spannender wurde als die gedeihliche Zusammenarbeit, änderte „Bild“ kühl die Gewinnkalkulation ― und besann sich auf die Aufgabe, die der Presse gegenüber der Politik zukommt: Kritik und Kontrolle statt Kuscheln mit den Mächtigen.

Die Privatsphäre von Politikern ist nicht grundsätzlich tabu, sondern muss im Interesse der Öffentlichkeit oftmals hinter der Medienfreiheit zurücktreten. Daher darf sich ein Politiker, der den Medien die Haustür für eine Homestory öffnet, nicht wundern, wenn die Journalisten das als Einladung verstehen, auch noch hinter die Kulissen zu schauen. Diejenigen, die sich anbiedern und meinen, ihr Verhältnis zu den Medien kontrollieren zu können, vergessen, dass auch das Medienbusiness ein Geschäft ist.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christian Schicha, Matthias Micus, Emanuel Richter.

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