Ich hatte manchmal das Gefühl, ich bin eher Inhaber einer Reparaturwerkstatt. Kurt Georg Kiesinger

Mode, Macht, Politik

Ob Putin, Bush oder zu Guttenberg: Männer wissen genau, wie sie Mode für ihre Zwecke nutzen können. Frauen haben es schwerer.

Kleidung setzt Zeichen, auch wenn sich ihr Träger halbnackt präsentiert. Wladimir Putin versteht sich auf Bilder, die ihn als ganzen Kerl zeigen: oben ohne, nur eine Uhr am Handgelenk, eine Kette mit Kreuz um den Hals, Combat-Hose, schwere Stiefel, ein Messer an der Seite. In rauer Landschaft beim Angeln in Sibirien. Putin im Gleitschirm. Putin am Steuerknüppel eines Flugzeuges. Putin in einer Unterseekapsel beim Tauchgang. Putin beim Judo. Die Botschaft ist klar: Mit dem Mann ist nicht zu spaßen. Aber der harte Bursche kann auch anders. Das zeigt schon das Kreuz auf der freien Brust, und immer wieder lässt sich Putin mit Tieren ablichten: Putin lächelnd, wenn er einem kleinen Elch die Flasche gibt. Sein Gleitschirmeinsatz dient dem Vogelschutz.

Kleidung gehört zur Inszenierung von Politik. George W. Bush warf sich in Flieger-Montur für seine „Mission accomplished“-Rede vor der Kulisse des gewaltigen Flugzeugträgers. Er mimte den Soldaten, als habe er selbst mitgekämpft, ­obwohl er seinen Wehrdienst bei der Nationalgarde verbracht hatte. Schon sein Vater musste sich während s­einer Präsidentschaft gegen das Image des wimp, des Schwächlings, wehren. Nicht umsonst fanden sich während der Amtszeit des Juniors auf der Homepage des Weißen Hauses Bilder, die ihn mit Texashut, Cowboystiefeln, Arbeitshandschuhen und verdrecktem T-Shirt beim Holzsägen zeigten oder am Steuer seines Geländewagens.

Unbarmherzige Stilkritik, grosser ­Aufschrei

Den Rollenwechsel beherrschte auch Karl-Theodor zu Guttenberg und zeigte sich als Mann für alle Gelegenheiten. Guttenberg stylte sich militärisch und ein bisschen wie Jack Bauer aus der US-Serie „24“, wenn er als Verteidigungs­minister zum ­Truppenbesuch nach Afghanistan flog. Mit kugelsicherer Weste, Boots und Khaki-Outfit, im Hubschrauber oder unter Soldaten demonstrierte er, dass er einer von ihnen ist. Mit seiner Frau auf dem roten ­Teppich im Smoking, als DJ im AC / DC-T-Shirt. In seinem oberfränkischen Wahlkreis stieg der Minister dann in die einheimische Tracht. Seine Demut nach dem Fall demonstrierte er in Halifax mit Rollkragenpullover, ohne Brille und Haargel.

Kleidung ist ein Kostüm für die politische Bühne. Kleidung ist für das Publikum. Sie dient der politischen Aussage, dem Einschmeicheln bei einer Wählergruppe, dem Aufmotzen der Erscheinung, der Imagepflege. Kleidung betont dann auch oftmals, was ein Politiker nicht hat, aber für seine Aufgabe eigentlich bräuchte.

Frauen haben es da viel schwerer als Männer. Wie wäre die Reaktion, wenn Ursula von der Leyen es dem früheren Verteidigungsminister nachtäte? Wie sollen sich Frauen tough enough for the job zeigen? Mehr als Männer stehen Frauen mit ihrer Kleidung unter öffentlicher Beobachtung. Verbreitet ist ihre Klage, dass der Blick aufs Äußere die Auseinandersetzung mit ihren Themen verdrängt. Nicht nur Claudia Roth kann ein Lied davon singen. Das passiert auch der Kanzlerin immer wieder. Beim Fernsehduell mit Peer Steinbrück sorgte die „Schlandkette“ für Furore; kurz nach der Bundestagswahl versuchte man aus der Farbe von Merkels Kette ihren bevorzugten Koalitionspartner abzulesen. Weicht sie von dem Dresscode ab, den sie sich mit der Wahl zur Kanzlerin auferlegt hat, macht das Schlagzeilen.

So geht es ihr alljährlich beim Defilee auf dem roten Teppich zum Richard-Wagner-Festspielhaus, wenn die Politik ihre Roben vorführt. Es ist einer der ­seltenen Anlässe, zu denen die Kanzlerin im Kleid zu sehen ist und ihre 365 farbenfrohen Jacken zu Hause lässt. Lang sind mittlerweile die Bildstrecken, die das Outfit der Kanzlerin für die Bayreuther Festspiele Jahr für Jahr nebeneinander stellen, unbarmherzig die Stilkritik. Und wenn Angela Merkel dasselbe Kleid zu anderen Anlässen noch einmal trägt, lautet die Frage: Ist sie sparsam oder geizig?

Mode setzt Zeichen, bewusst und unbewusst. Führt Angela Merkel ihre Abendkleider mehrmals vor, passt das zur „schwäbischen Hausfrau“, die auch in der Politik ihre Hand über die Kasse hält. Erscheint sie mit tiefem Dekolleté zur Eröffnung des neuen Opernhauses in Oslo, setzt sie einen Kontrapunkt gegen das Image von der Eisernen Lady, mit der sie gelegentlich verglichen wurde. Tritt Joschka Fischer zu seiner ersten Vereidigung als Minister im Wiesbadener Landtag mit Turnschuhen an, signalisiert das den Einzug des Streetfighters in die etablierte Politik. ­Silvio Berlusconi spielt ironisierend mit seinem Image, wenn er die Blairs im Piraten-Look empfängt.

Doch nicht immer geht das gut: Gerhard ­Schröder hat es nie ganz geschafft, das Image des Brioni-Kanzlers loszuwerden. Die Latex-Fotos von Gabriele Pauli waren der Anfang vom Ende ihrer Karriere. Und Vera Lengsfeld erzielte mit ihrem Wahlplakat, auf dem sie sich neben Merkel mit dem gleichen Dekolleté ablichten ließ, und dem doppeldeutigen Slogan „Wir haben mehr zu bieten“ zwar weltweite Aufmerksamkeit, gewann aber nicht ihren Wahlkreis; der ging wieder an den Grünen, der seine linke Gesinnung gerne mit einem roten Schal unterstreicht. Solche Accessoires setzen Politikerinnen und Politiker ein, um sich ein Markenzeichen mit Wiederkennungswert zu schaffen: der gelbe Pullunder von Hans-Dietrich Genscher, der rote von ­Ludwig ­Stiegler, die zerknautschte Mütze von Dirk Niebel, die Fliege von Karl Lauterbach.

Kleidung macht also Politik. Lädt der US-Präsident nach Camp David ein, geht es lässig zu; Weltprobleme werden mit offenem Hemdkragen gelöst. Helmut Kohl und Michail Gorbatschow beschlossen die deutsche Einheit in Strickjacke und Pullover; die Strickwaren haben es sogar ins Museum geschafft – ebenso wie die Treter von Joschka Fischer.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jeannette Graf , Meltem Toprak, Viola Hofmann.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2014.

Darin geht es u.a. um Hitler: Wir haben den größten Verbrecher aller Zeiten zur Popfigur gemacht. Was dieses „Hitlertainment“ über uns verrät, debattieren u.a. Timur Vermes und Ernst Nolte. In weiteren Debatten geht es um den gerechten Krieg (u.a. mit Egon Bahr) und das Ende der Globalisierung (u.a. mit Thomas Piketty).

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