Ich bin für anonyme Meinungsäußerung als digitales Grundrecht. Bernd Schlömer

„Ein Idiot, wer sich verliebt“

Christiane Rösinger findet, Liebe wird überbewertet. Im Gespräch mit Max Tholl und Thore Barfuss kommen romantische Gefühle schlecht weg – Verliebte klicken jetzt besser weg.

The European: Frau Rösinger, welches Gefühl ist stärker: die Liebe oder die Angst vor dem Alleinsein?
Rösinger: Als Paarkritikerin sage ich natürlich: die Angst vor dem Alleinsein. Aber es kommt auch auf die Voraussetzungen beim Denken an.

The European: Wie meinen Sie das?
Rösinger: Liebe ist ein Konstrukt. Gefühle entstehen nur aus bestimmten Gründen: weil es gerade passt, weil gerade eine andere Attraktion fehlt. Gleichzeitig kann man Verliebtheit und erotische Anziehung nicht einfach wegdiskutieren. Wie wir aber alle wissen, verfliegen diese Gefühle mit der Zeit. Die Entscheidung, trotzdem zusammenzubleiben, hat dann rationale Gründe.

The European: An welche denken Sie da?
Rösinger: Gemeinsame Projekte wie Hausbau, Kinder oder Bausparvertrag. Ideologisch gesehen bleibt es aber die große Angst vor dem Alleinsein. Und natürlich die Gewöhnung daran, dass es Weltordnung ist, als Mensch zu zweit zu sein. Niemand kann heute noch alleine durchs Leben gehen.

The European: Sie sehen heute einen regelrechten Zwang zur Liebe?
Rösinger: Ja, auf jeden Fall!

The European: Sie haben mal gesagt, dass wir mit Liebe „zugeschissen“ werden …
Rösinger: Wir werden gebrainwashed! Schon Kinder werden aufeinandergehetzt. Im zartesten Alter wird klar gemacht: Der Sinn des Lebens ist es, Teil eines Paars zu werden. Liebe, die große Ideologie – ohne sie hat alles andere keine Bedeutung. Alle anderen Dinge, Freundschaft oder Beruf: gut und schön, aber Partnerschaft und Liebe ist das größte.

The European: Der irische Soziologe Tom Inglis schreibt, dass die Liebe die Religion ersetzt habe.
Rösinger: Das stimmt. Man merkt es an den arg erbitterten Reaktionen, wenn man die Liebe in Frage stellt, wie ich es mit meinem Buch getan habe.

The European: Was waren das für Reaktionen?
Rösinger: Ganze Shitstorms sind über mich ergangen. Aber ich habe mich immer damit getröstet, dass es so ähnlich gewesen sein muss, als im 19. Jahrhundert das erste Mal jemand gesagt hat: Gott ist tot!

The European: Also die Liebeslästerung anstelle der Gotteslästerung.
Rösinger: Ein ganz großes Vergehen. Das wird damit bestraft, dass der Lästerer öffentlich angriffen wird: „Die hat doch einfach noch keinen abbekommen“, etc.

The European: Aber Liebe ist doch heute zu einem sinnstiftenden Instrument geworden. Geht Menschen, die nicht lieben, nicht auch etwas ab?
Rösinger: Nein, die haben es ja verstanden! (lacht)

The European: Aber wieso halten wir an dem Konzept fest, wenn wir sehen, dass es nicht funktioniert?
Rösinger: Liebe ist einfach eine sehr starke Ideologie. Man probiert es einfach immer bei dem oder der Nächsten. Es ist leichter, wieder von vorne anzufangen als der Tatsache ins Gesicht zu sehen, dass wir als Menschen allein in die Welt geworfen worden sind und irgendwie damit zurechtkommen müssen. Das ist also eher ein philosophisches Problem.

The European: Elisabeth Beck-Gernsheim schreibt in unserer Debatte, dass die Liebe heute ein Risiko darstellt, während früher durch die Ehe ein Zwang zur Liebe bestand. Risiko ist doch besser als Zwang, oder?
Rösinger: Das ist zweischneidig. Einerseits besteht tatsächlich weniger Zwang, weil Frauen nicht mehr von der Erwerbstätigkeit ausgeschlossen sind und nicht mehr heiraten müssen. Gleichzeitig wird das romantische Liebesmodell überall überplakatiert, ein gewisser Zwang besteht also noch. Außerdem findet die Praxis der Verpaarung immer mehr über das Internet statt. Und da schaut dann ein Computer, wer zusammenpasst. Nach Gehalt, Alter oder Aussehen. Man geht also auch wieder pragmatischer vor, so wie früher.

The European: Die Liebe wird in einem bestimmten Bereich rationaler.
Rösinger: Wir gehen zurück zur arrangierten Ehe, wobei es heute eher eine arrangierte Beziehung ist. Das ist natürlich kein Garant dafür, dass es ewig hält.

The European: Sie verwenden gerne den Begriff der „Pärchen-Diktatur“. Herrschen heimlich die Pärchen über uns?
Rösinger: Wer alleine lebt, ob freiwillig oder unfreiwillig, glücklich oder unglücklich, der wird sich immer als der Nicht-Normale begreifen. Es kann alles in Ordnung sein, aber es wird einem ständig von der Außenwelt signalisiert: Du bist nicht normal, du führst ein defizitäres Leben. Dir fehlt was. Es kann gar nicht sein, dass du glücklich bist. Jeder Popsong, jedes Musical, jeder Hollywoodfilm, sie alle sagen das gleiche. Deswegen ist es auch so schwer, sich zu einem singulären Leben zu bekennen. Man wird die ganze Zeit bedauert (verstellt ihre Stimme): „So eine tolle Frau wie du, eines Tages wirst du schon jemanden finden.“ Ich stelle mir das immer umgekehrt vor.

The European: Wie genau?
Rösinger: Eine Freundin trennt sich, und ich sage: „Herzlichen Glückwunsch, endlich hast du wieder Zeit für dich, kannst deine Persönlichkeit weiterentwickeln!“ Oder wenn jemand heiratet, zu sagen: „Du Armer, es geht vorbei!“ Mann plus Frau, Romantik, Ehe: Das ist heute leider die Norm.

The European: Aber ist es nicht so, dass die Ehe unwichtiger geworden ist, und wir toleranter anderen Beziehungsformen gegenüber geworden sind?
Rösinger: Aber es bleiben Beziehungskonstellationen! Natürlich werden gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht mehr so verfolgt, aber das sind doch auch Beziehungen! Vielleicht laufen die Machtverhältnisse ein bisschen anders ab, dennoch ¬neigen auch diese Beziehungen zum Kitsch und zur Überbewertung der Liebe.

The European: Hat denn diese Diktatur, die Sie beschreiben, die Liebe diskreditiert oder ist sie am Ende nur ein Produkt der Liebe?
Rösinger: Liebe und Paar hängt ja unweigerlich zusammen.

The European: Das Thema Liebe beschäftigt den Menschen spätestens seit Beginn der Ideengeschichte. Warum zieht es sich durch alle Epochen?
Rösinger: Meistens ist es doch eher eine erotische Anziehung. Wenn man an diese Texte denkt, wird ganz oft die Schönheit des Menschen beschrieben. Das ist eher die sinnliche Seite. Da geht es nicht darum, den Rest des Lebens miteinander zu verbringen.

The European: Die Griechen haben da ja unterschieden: die Freundesliebe, die Nächstenliebe und die erotische Liebe. Wobei Eros doch mehr meint als die reine körperliche Anziehung. Sondern auch das Gefühl der Verliebtheit.
Rösinger: Verliebtsein ist aber sehr von der Erotik geprägt. Dieses leichte Suchtverhalten und das Durchdrehen.

The European: Wenn Sie vom Verliebtsein sprechen, was macht da den Unterschied zur Liebe aus?
Rösinger: Man könnte paranoid werden, wenn man überall diese glücklichen Pärchen sieht. Viele von denen verhalten sich so seltsam in der Öffentlichkeit. Umso brüchiger das Glück ist, umso mehr muss geschauspielert werden. Das ist eine Zumutung! Wenn Leute alleine auftreten, kann man ja auch mehr mit ihnen anfangen. Pärchen sind immer eine Konstellation, wo beiden etwas genommen wird. Man wird unfreier, weniger ehrlich. Es führt zu einer unguten Konstellation, unter der alle ¬anderen leiden müssen.

The European: Das heißt, wer eine Beziehung eingeht, muss in Kauf nehmen, einen Teil seiner Persönlichkeit zu verlieren.
Rösinger: Ja. Auch wenn das die meisten natürlich nicht so sehen. Aber deswegen tun sich Paare ja so gerne mit anderen Paaren zusammen. Dann fällt es nicht so auf.

The European: Sie haben mal gesagt, dass die Liebe Menschen zu Idioten macht.
Rösinger: Leider, das weiß ich aus eigener Erfahrung (lacht).

The European: Aber ist es nicht eigentlich so, dass der Mensch von Natur aus ein Idiot ist und es deswegen vollkommen logisch ist, dass er sich verliebt.
Rösinger: Man ist ein Idiot, wenn man sich verliebt. Die richtige Idiotie lässt sich allerdings erst im Kleinen beobachten. Wie Menschen sich zum Beispiel in völliger Situationsverklärung den anderen schön reden.

The European: Aber ist die Liebe nicht auch eine gute Projektionsfläche für den Wahnsinn des Alltags? Oder anders: Wenn wir auf die Liebe verzichten, stürzen wir uns dann nicht einfach in eine andere Idiotie?
Rösinger: Als Utopie gesehen: Wenn es die Liebe und die Beziehungen nicht mehr gäbe, dann wäre wahnsinnig viel Energie da. Heute vergeuden sehr viele Menschen ihre Energie in unguten Beziehungen. Wenn ich das bei Freundinnen beobachte, was die aufgewendet haben, um irgendeinen verhaltensgestörten Typen zu therapieren. Die könnten alle den Everest besteigen oder Doktorarbeiten schreiben mit dieser Energie.

The European: Sie sagen, dass die Liebe per se verschwendete Energie ist. Aber ist sie nicht vielmehr eine Art Risikoanlage? Und nur, wenn es schief geht, ist die Energie futsch. Wenn nicht, ist der Gewinn – die Freude – unendlich.
Rösinger: Was ist denn der Gewinn? Diese eingebildete Seligkeit? Der Absturz ist doch immer da!

The European: Ist die Glückseligkeit wirklich nur eingebildet?
Rösinger: Ich vergleiche das immer gerne mit Drogennehmen. Das kann auch schön sein, löst auch ein Glücksgefühl aus. Aber es ist immer gefährlich, es ist ungesund. Die Liebe funktioniert nur mit Nebenwirkungen.

The European: Liebe ist also genauso gefährlich wie Drogen?
Rösinger: Sie ist noch heimtückischer.

The European: Wieso?
Rösinger: Weil die Abhängigkeit nicht so augenfällig ist. Die kommt schleichend.

The European:„Liebe wird oft überbewertet“ lautet der Titel Ihres Buches. Was wird denn unterbewertet? Die Freundschaft zum Beispiel?
Rösinger: Ja. Die Freundschaft erwartet weniger von dem anderen. Man erwartet keine sexuelle Treue, oder dass einem der Sinn des Lebens geliefert wird. Da muss nicht zusammengezogen werden, da muss nicht so viel persönliche Freiheit aufgegeben werden. Und deswegen hält die Freundschaft viel länger.

The European: Woher kommt das, dass die Freundschaft heute so unwichtig ist?
Rösinger: Das geht mit der Entstehung der bürgerlichen Ehe einher. Die Liebe ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Das romantische Modell kam erst sehr spät, vorher waren Hochzeiten als Zweckbündnisse gang und gäbe. Wenn wir an die Dichterfreundschaften zurückdenken: Schiller und Goethe, die sich fast Liebesbriefe geschrieben haben.

The European: Wenn man über die Entstehung der heutigen Liebesbeziehungen nachdenkt, ist es schon verrückt, dass sie beim Menschen entstanden ist. Andreas Bartels schreibt, dass drei bis fünf Prozent der Säugetiere in einer monogamen Beziehung leben. Wieso gerade wir?
Rösinger: Das ist schwierig (lacht). Wenn man uns mit den Vögeln vergleicht, auch wenn das keine Säugetiere sind, würde die Biologin wohl so antworten: Die Brutpflege beim Menschen ist sehr aufwendig. Aber ganz lange gab es beim Menschen gar keine monogamen Beziehungen. Es waren immer Vielehen. Die monogame Ehe ist eine Ideologie, die kaum eingehalten werden kann.

The European: Also nicht nur eine Ideologie, sondern auch eine Fantasie?
Rösinger: Ja, eine sehr kranke Fantasie (lacht).

The European: Eine radikale Haltung.
Rösinger: Früher waren die Beziehungen polygyn, dass heißt, ein Mann hat mehrere Frauen geheiratet. Die wirkliche Einehe wurde nie gelebt. Auch unsere nächsten Verwandten sind polygyn. Der männliche Schimpanse hat mehrere Weibchen.

The European: Ist das denn wirklich Ihre Vorstellung von Beziehungen?
Rösinger:(lacht) Nein, natürlich halte ich das nicht für besonders erstrebenswert, es zeigt nur, dass die Liebe von heute ein Konstrukt ist. Und man kann natürlich nicht biologistisch argumentieren. Dann würde man sagen (verstellt ihre Stimme): „Die Frauen werden schwanger und brauchen -einen Beschützer!“ Das ist ja Quatsch.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 2/2014.

Darin geht es u.a. um die Liebe: Sie ist die letzte Unbekannte in unserer Welt. Wir lassen diskutieren, warum sie immer noch unser Leben diktiert. Weitere Debatten: das Erbe der Großen Koalition, die Grenzen des Teilens und warum die Renaissance des Kommunismus ausbleibt. Dazu Gespräche mit Sahra Wagenknecht, Marina Abramović, und Viviane Reding.

Sie können es hier direkt bestellen.

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