Die Freaks sind immer da. Element of Crime

Was macht Medienkompetenz aus?

Unbemerkt gefilmt, ohne passende Antwort auf dem falschen Fuß erwischt oder in der Heute Show zum Lacher geworden – Medienkompetenz bedeutet heute für Politiker weit mehr als ein eingeübtes Statement und ein freundliches Gesicht

Immer und überall ist ‚live‘ – denn die Lufthoheit über der veröffentlichten Meinung liegt nicht mehr nur bei Journalisten oder in den Redaktionen. Jedermann kann heute in Echtzeit schreiben, twittern, filmen, veröffentlichen oder posten. Das Selfie eines Flüchtlings mit der Bundeskanzlerin wird zur allseits wahrgenommen „Message“, der aufwendig recherchierte Leitartikel einer großen Tageszeitung kann von so einem Erfolg nur träumen. Journalisten sind unter Druck, als erste eine Nachricht oder ein Bild zu veröffentlichen und viele „Klicks“ zu generieren. Sie sind unterwegs im ‚Mobile Reporting‘ Modus das Smartphone dient als Kamera, 140 Zeichen reichen schon mal als Nachricht, ein Videoclip oder Foto sagt mehr als tausend Worte. Die neuen Möglichkeiten fordern auch von Politikern, sich optimal medientauglich zu präsentieren und zu sprechen. Egal ob als Kandidat, als Bürgermeister, Landtagsabgeordneter oder Minister, man ist 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche auf Sendung. Politiker stehen unter einer permanenten Medienbeobachtung im Echtzeitmodus. Das ist nicht immer angenehm, aber sie brauchen gerade die Medien und die Aufmerksamkeit, die vielen Likes auf Facebook und die Retweets auf Twitter, denn ihre Karriere hängt von den Wählern und der öffentlichen Wahrnehmung ab.

Das Risiko ist groß, dass ein aus dem Zusammenhang gerissener, flapsiger Spruch, ein ungünstiges Foto oder eine verbale Entgleisung im Netz in Endlosschleifen kursiert. Das macht Angst. Spätestens seit einem Bischof der Mitschnitt einer auf der Straße gemachten Aussage mit einem Smartphone das Amt gekostet hat, heißt es aufpassen.

Das waren noch Zeiten und sie sind gar nicht so lange her: Artig wurden Interviews angekündigt, die Journalisten fragten Tage oder Stunden vorher um einen Termin oder schickten eine Einladung zum Sender per Email oder SMS. Kamen überraschenderweise Kameras und TV-Teams auf den Politik zu, konnte er rasch Kleidung, Haare und Gedanken ordnen. Meistens war klar, wann und wo Journalisten auftauchen. Normalerweise gab es eine Pressekonferenz oder vor dem Gebäude, indem der Politiker vermutet wurde, warteten die Kameras und Mikrophone. Der Medienauftritt war im Großen und Ganzen kalkulierbar.

Heute muss jeder Politiker immer und überall „interviewfit“ und medienfit sein. Sensationen, als ‚breaking news‘ betitelt, werden oft ungeprüft verbreitet. Die Möglichkeit der eigenen ausführlichen Stellungnahme ist dabei fast unmöglich – der Politiker kann dann über Twitter oder die Sozialen Medien sich zu Wort melden. Die User von Twitter bis Facebook kommentieren und generieren ihrerseits unkontrollierbar eigene Spekulationen oder Meinungen. Schnell kann sich das zu einer Krisensituation entwickeln, kann problematisch für die Reputation werden oder sich zu einem virtuellen Shitstorm aufbauschen während der unbedarfte Politiker noch seinen Espresso schlürft und sein Handy ausgeschaltet im Jackett weilt. Man hat vor Augen, wie der damalige Bundespräsident Christian Wulff mit einer für Krisen ungünstigen Kommunikation seinen Rücktritt unabdingbar machte.

„Du bist immer auf Sendung, sobald Du Deine Haus- oder Autotür geschlossen hast“, meinte kürzlich ein Bundestagsabgeordneter. Immer auf Sendung, d.h., immer parat sein, in klaren, knackigen Sätzen seine Botschaft zu sagen. Vor allem auch auf seine Körpersprache zu achten, die richtige Körperhaltung einzunehmen, den angemessenen Gesichtsausdruck aufzusetzen, die Kleidung bereits geordnet zu haben. Genervt im Anblick eines auf sich gerichteten Smartphones oder vor Kamera die Augen verdrehen kann negativere Folgen haben, als ein paar ungelenke Sätze auf einem Bürgertreff zu sagen.

Höre, was ich nicht sage

Die nonverbale Kommunikation spielt eine große Rolle, der erste Eindruck zählt und Bilder sind oft mehr als tausend Worte. Hier ein paar Zahlen, die das deutsche „Allensbach-Institut“ erhoben hat: Die verbale Kommunikation, d.h. der fachliche Inhalt eines Gespräches macht im Durchschnitt nur 19% aus. Die Stimme und Artikulation, also paraverbale Kommunikation dagegen 26%. Die nonverbale Kommunikation, mit all Ihren Gesten, der Mimik, den Bewegungen und dem Auftreten macht 55% eines Gespräches aus. Mehr als 80% eines Gesprächsinhaltes wird also über die Körpersprache vermittelt. Da gibt es bekannte Szenen, zum Beispiel als ein Kirchenvertreter über die Finanzen seiner Diözese sprach und im Gegenlicht steht –schon wird dem Zuschauer alleine durch die Bilddramatik non-verbal vermittelt, wie dubios das Gesagte wohl sei, obwohl alles seine Richtigkeit hatte.

Selbst ein Lächeln oder leises Kopfnicken zu einer falschen Frage kann zum Verhängnis werden. „Haben Sie von der Sache nicht schon seit Wochen gewusst?“ Wehe dem Politiker, der hier nicht seine Mimik, seine Stimme und seinen Körper (vor allem die Hände) kontrolliert. Die Macht der Bilder funktioniert in Bruchteilen von Sekunden und entscheidet beim Gegenüber über „sympathisch bzw. glaubwürdig“ oder „unsympathisch bzw. unglaubwürdig“. Die Fotos von SPD Vize Ralf Stegner von den letzten Landtagswahlen mit weit heruntergezogenen Mundwinkeln sorgten nicht ohne Grund in den Medien für Spott und Häme.

Klare Sätze statt herumeiern

Goethe wird der Satz in den Mund gelegt: „Heute hatte ich wenig Zeit, deswegen schreibe ich Dir einen langen Brief“. Das sogenannte Medien- oder Tagesschauformat für ein Statement sind 15, manchmal auch 22 bis 25 Sekunden, etwa 4 Sätze. Wer faselt oder herumeiert, wer nicht zum Punkt kommt und die Statementtechnik (Behauptung, Begründung, Beweis, Bekräftigung) nicht so beherrscht wie rückwärts einparken, fängt an zu schwimmen. Doch wer auf schwierige Fragen „nur“ sein auswendig gelerntes Statement herunterspult (so wie jüngst der SPD Kanzlerkandidat Martin Schulz in den Tagesthemen und bei Sandra Maischberger) wird sogar vor laufender Kamera angeklagt, er klinge wenig authentisch und irgendwie langweilig.

Als Kommunikationsprofi Treffer landen

Das heißt für Politiker: „Wenn ich keine Angst vor unangenehmen Fragen und Kameras egal welcher Größe haben will, muss ich mit Freude und Offenheit und echter Anteilnahme nach den besten Antworten suchen und sie geben.“ Ohne Phrasendrescherei. Nur so wird jede Frage zu einem 11 Meterball, der einem auf den Fuß gelegt wird und den man nur noch geschickt ins Tor schießen muss. Der Treffer im Tor ist das Ergebnis einer inneren Haltung, die eine erfolgreiche Kommunikations-Strategie sowie die Basics der Kommunikation auf natürliche Weise verinnerlicht hat. Doch so einfach ist ein 11-Meter-Treffer auch nicht. Das wissen viele Politiker, andere ignorieren diese Binsenweisheit.
Tja, was also? Statements auswendig lernen oder spontan sprechen? Mimik einstudieren oder natürlich sein? Wo ist der Königsweg?

„Der Schlüssel zum Erfolg bist Du selbst“

Eine durchgehend gelingende Medienkompetenz bzw. Kommunikationskompetenz ist sicherlich nicht wie ein Spurt, um es sportlich zu vergleichen, sondern eher wie ein karrierelanger Marathon. Dafür muss man konsequent trainieren. Mit Freude und dem Blick auf die persönlichen Möglichkeiten auch die Trainingsläufe variieren: Vom Spurt (kurze Statements) über Halbmarathons (Interviews, Reden, Talk Shows) bis zum punktuellen Muskelaufbau (konkrete Trainings für konkrete Events) ein durchdachtes Konditionstraining durchlaufen und mindestens einen unerschrockenen Coach sowie einen ehrlichen Fanclub haben.

Ein weiterer Schlüssel für eine starke Kommunikation und überzeugende Auftritte ist neben dem Können und der Kondition ganz wesentlich die eigene Persönlichkeit und die richtige Einstellung zum Leben und den Werten, welche in der berühmten „innere Haltung“ wahrnehmbar werden. Diese ist ausschlaggebend dafür, ob man in Sachen Glaubwürdigkeit stabil ist und bleibt. Von Karl-Theodor zu Guttenberg bis Martin Schulz zeigt sich: Wer durch Unehrlichkeit oder Arroganz oder künstliche Hypes seine Glaubwürdigkeit verspielt, hat verloren.

Zur Glaubwürdigkeit gehört eine Grundhaltung, die bei so manchem Politikern durch die Zunahme von narzisstischen Zügen und Kritikresistenz im Laufe der Jahre abnimmt. Es ist die Tugend der Demut. Gemeint ist hier kurz gesagt: Wer vor ein Publikum, ein Mikrophon oder eine Kamera tritt, sollte sich klar sein, dass er weder in einer Minute die Welt erklären kann noch sich im Kampfmodus befinden muss, sondern vielmehr ehrlich und um die beste Lösung ringend seine Meinung sagt. Demut ist der Mut zum Dienen. Gerade Politiker sollten sich bewusst machen, dass es nicht in erster Linie um sie geht sondern darum, sich für das Wohl der Bürger einzusetzen. Sicherlich sind die Haltung der Demut und die daraus resultierende Glaubwürdigkeit auch eine Frage der Persönlichkeit, doch nur wer sich seiner Medienkompetenz sicher ist und keine Angst vor Mikrophonen oder Kameras hat, kann sich entsprechend präsentieren. In Grenzsituationen zeigt sich dann, wer neben klaren Werten eine gute Medienkondition hat.

Medienkondition fällt nicht vom Himmel

Politiker sind keine Übermenschen. Im Anblick von Kameras oder Smartphones oder im Bierzelt rotieren ihre Gedanken auf der Suche nach den besten Sätzen und gleichzeitig mit dem Bemühen auf kontrollierte Atmung, Stimme, Gestik und Mimik. Wer kennt das nicht, vor allem wenn die Situation unangenehm ist, unerwünschte oder aggressive Fragen oder Vorwürfe auftauchen. Rasend schnell bewegen sich im Inneren dann die Emotionen, Gedanken, Fakten, Bedenken, Wünsche, Bedürfnisse und man muss mit Verstand so manches spontane „Bauchgefühl“ in die richtige Richtung bringen, um die optimale non-verbale und verbale Kommunikation zu finden. Und das in Sekunden.

Da ist viel Kondition gefragt, viel Medienkondition. Denn optimale Kommunikation und Medienpräsenz ist kein Kinderspiel und will geübt sein. Die hohe Kunst einer glaubwürdigen Medienkompetenz ist keine Zauberei, sie ist ein Zusammenspiel aus Persönlichkeit, dem persönlichen Wertekanon, einer steten ehrlichen Reflexion (Stichwort Demut), einem ausgewogenen Training und der Offenheit, zuzuhören und dazuzulernen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolfgang Schlott, Konrad Paul Liessmann, Joachim Lux.

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