Vermutlich wurde keine Partei im Laufe ihrer Geschichte so oft abgeschrieben, niedergeschrieben und für halb tot oder ganz tot erklärt wie die SPD. Das begann mit der “Kritik des Gothaer Programms” von Karl Marx (1875) und ging weiter mit Kurt Tucholskys sinngemäßer Aussage, die SPD sei eine Partei, bei der man gut Kaffee trinken könne – mehr nicht. In der Neuzeit ist hier Ralf Dahrendorf zu nennen, der die These vom “Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts” formulierte. Eine Skurrilität sondergleichen in der Gegenwart war die Warnung des Christdemokraten Jürgen Rüttgers im Jahr 2008, die SPD stehe vor ihrem Ende als Volkspartei.
Die SPD muss sich auf ihre Wurzeln besinnen
Trotz alledem muss sich die SPD darauf besinnen, was seit eh und je ihr Auftrag war. Als Erstes, das haben viele vergessen, ist die Demokratie zu nennen. Das allgemeine und gleiche Wahlrecht war für ADAV-Gründer Lasalle die wichtigste Forderung überhaupt. Gleich danach kam und kommt das Soziale. Dabei hat sich der Anspruch an Demokratie und Soziales im Lauf von mehr als 150 Jahren Sozialdemokratie gewandelt. Was vor 150 Jahren als utopisch galt, ist heute selbstverständlich.
Sich neu besinnen, das heißt: Was ist gut gelaufen in den letzten Jahren, was ist schlecht gelaufen? Was war gut, welche Reform war gut gemeint, aber alles andere als erfolgreich? Dass der Begriff “Reform” in Deutschland mittlerweile schon per se als “böse” gilt, ist ein Problem. Dieses Reformverständnis zu übernehmen wäre grundfalsch. Die SPD ist keine konservative Partei, die das bestehende System erhalten will, sondern eine progressive Fortschrittspartei, die das Bessere will. Zumindest muss sie das sein, will sie erfolgreich sein. “Mit uns zieht die neue Zeit”, das singt die SPD auf Parteitagen nicht von ungefähr.
Dabei darf sich die SPD von interessierten Kräften in Politik und Medien nicht einreden lassen, sie plane einen “Linksruck”, die “Rolle rückwärts” und sie ziehe “vorwärts in die Vergangenheit”. Die SPD muss Tritt fassen. Dazu gehört: hinsetzen, nachdenken, reden. Wer Politik als Folge von Sachzwängen begreift, der ist strukturell antidemokratisch. Denn wenn Politik nichts anderes wäre als eine Abfolge von Sachzwängen und ökonomischen Notwendigkeiten, dann könnte man Wahlen direkt abschaffen und die Kanzlerin durch einen “Hohen Verwalter” ersetzen. Strukturelle Antidemokraten können für die SPD keine Stichwortgeber sein.
40 Prozent plus X sind möglich
Der SPD muss nicht bange werden vor den starken Grünen und der wendigen Linkspartei. Die hohen Umfragewerte für die Grünen sind eine Momentaufnahme, die Wähler für die SPD nicht verloren. Das Hamburger Grundsatzprogramm kann hierbei die nötige Orientierung bieten. Der Anspruch der SPD, 40 Prozent zu erreichen, muss aufrechterhalten werden. Eine Mittelpartei zwischen 25 und 35 Prozent kann zwar den Kanzler stellen, aber sich nicht auf eine breite gesellschaftliche Basis stellen.
Was will die SPD für Deutschland und Europa erreichen? Frieden, das steht an erster Stelle. Mehr Demokratie. Freiheit und Fortschritt. Eine faire, offene, solidarische, nachhaltige Gesellschaft, die den Einzelnen nicht überfordert und niemanden zurücklässt. Damit kann man Wahlen gewinnen. Damit sind 40 Prozent plus X möglich.
Leserbriefe
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Clap, Clap
Niemals, die SPD steht momentan nur aufgrund der Schwäche der Koalition so hoch in den Umfragen.
Schaut man sich mal die Ziele und die Personen an, so hat sich nichts verändert seit der Wahl außer, dass der kompetenteste Politiker (Steinbrück) nicht mehr aktiv dabei ist.
Na, Herr Clemens,
ist das nicht ein Problem in der generellen heutigen Zeit? Die FDP hatte auch keinerlei Berechtigung auf Grund guter Ideen oder eines Programms derart viele Stimmen 2009 zu erhalten. Einen Personalwechsel in der SPD kann man auch deutlich erkennen:
Müntefering? Weg. Steinmeier? Kaltgestellt. Steinbrück? Futsch. Zypries? Hasta la vista. Schmidt? Weg. Struck? Wer? Scholz? Hamburg. usw. Stattdessen mit Gabriel, Nahles, Oppermann und ein paar andere Newcomer.
Man kann es nicht leugnen: Deutschland hat eine “linke Mehrheit”…und das schon lange. Einmal abgesehen von der sogenannten Unter- und der Oberklasse, so ist die Mehrheit eher sozialdemokratisch orientiert. Die SPD muss sie nur wieder aktivieren.
In einer Zeit, in der selbst die FDP sozialdemokratische Politik betreibt, ist es natürlich ausgesprochen schwer, noch wirklich hervorzustechen. Das führt dann zu programmatischen Verirrungen wie dem Mindestlohn.
Es ist praktisch egal, welche Partei in Deutschland regiert, die Politik unterscheidet sich im Endeffekt kaum – man beachte dazu zum Beispiel das aktuelle “Sparpaket” der Bundesregierung, welches nur deswegen “spart”, weil man irgendwelche Steuern einführt. Das ist Sozialdemokratie pur.
Mann sollte nach so vielen Wahlen mit niedriger Wahlbeteiligung, schlechten Ergebnissen im allgemeinen und besonderen und einem “neuen” fünfparteiensystem erkennen, das 40%+ Zeiten vorbei sind. Bessere Mobilisierung der Wählerschaft kann noch Steigerung bringen, m.E. aber nicht über 35%.