Es ist nicht einmal klar, dass wir überhaupt einen freien Willen haben. David Eagleman

30 Prozent sind nicht genug!

Nach der historischen Niederlage bei der Bundestagswahl 2009 in Weimarer Dimension klettert die SPD in Umfragen nach und nach Richtung 30 Prozent. Aber: 30 Prozent sind nicht genug. Das Ziel heißt, wieder klar stärkste Partei zu werden. Das Ziel heißt 40 Prozent plus X. Und das ist möglich.

Vermutlich wurde keine Partei im Laufe ihrer Geschichte so oft abgeschrieben, niedergeschrieben und für halb tot oder ganz tot erklärt wie die SPD. Das begann mit der “Kritik des Gothaer Programms” von Karl Marx (1875) und ging weiter mit Kurt Tucholskys sinngemäßer Aussage, die SPD sei eine Partei, bei der man gut Kaffee trinken könne – mehr nicht. In der Neuzeit ist hier Ralf Dahrendorf zu nennen, der die These vom “Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts” formulierte. Eine Skurrilität sondergleichen in der Gegenwart war die Warnung des Christdemokraten Jürgen Rüttgers im Jahr 2008, die SPD stehe vor ihrem Ende als Volkspartei.

Die SPD muss sich auf ihre Wurzeln besinnen

Trotz alledem muss sich die SPD darauf besinnen, was seit eh und je ihr Auftrag war. Als Erstes, das haben viele vergessen, ist die Demokratie zu nennen. Das allgemeine und gleiche Wahlrecht war für ADAV-Gründer Lasalle die wichtigste Forderung überhaupt. Gleich danach kam und kommt das Soziale. Dabei hat sich der Anspruch an Demokratie und Soziales im Lauf von mehr als 150 Jahren Sozialdemokratie gewandelt. Was vor 150 Jahren als utopisch galt, ist heute selbstverständlich.

Sich neu besinnen, das heißt: Was ist gut gelaufen in den letzten Jahren, was ist schlecht gelaufen? Was war gut, welche Reform war gut gemeint, aber alles andere als erfolgreich? Dass der Begriff “Reform” in Deutschland mittlerweile schon per se als “böse” gilt, ist ein Problem. Dieses Reformverständnis zu übernehmen wäre grundfalsch. Die SPD ist keine konservative Partei, die das bestehende System erhalten will, sondern eine progressive Fortschrittspartei, die das Bessere will. Zumindest muss sie das sein, will sie erfolgreich sein. “Mit uns zieht die neue Zeit”, das singt die SPD auf Parteitagen nicht von ungefähr.

Dabei darf sich die SPD von interessierten Kräften in Politik und Medien nicht einreden lassen, sie plane einen “Linksruck”, die “Rolle rückwärts” und sie ziehe “vorwärts in die Vergangenheit”. Die SPD muss Tritt fassen. Dazu gehört: hinsetzen, nachdenken, reden. Wer Politik als Folge von Sachzwängen begreift, der ist strukturell antidemokratisch. Denn wenn Politik nichts anderes wäre als eine Abfolge von Sachzwängen und ökonomischen Notwendigkeiten, dann könnte man Wahlen direkt abschaffen und die Kanzlerin durch einen “Hohen Verwalter” ersetzen. Strukturelle Antidemokraten können für die SPD keine Stichwortgeber sein.

40 Prozent plus X sind möglich

Der SPD muss nicht bange werden vor den starken Grünen und der wendigen Linkspartei. Die hohen Umfragewerte für die Grünen sind eine Momentaufnahme, die Wähler für die SPD nicht verloren. Das Hamburger Grundsatzprogramm kann hierbei die nötige Orientierung bieten. Der Anspruch der SPD, 40 Prozent zu erreichen, muss aufrechterhalten werden. Eine Mittelpartei zwischen 25 und 35 Prozent kann zwar den Kanzler stellen, aber sich nicht auf eine breite gesellschaftliche Basis stellen.

Was will die SPD für Deutschland und Europa erreichen? Frieden, das steht an erster Stelle. Mehr Demokratie. Freiheit und Fortschritt. Eine faire, offene, solidarische, nachhaltige Gesellschaft, die den Einzelnen nicht überfordert und niemanden zurücklässt. Damit kann man Wahlen gewinnen. Damit sind 40 Prozent plus X möglich.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Boris Radke – 20.08.2010 - 12:02

    Clap, Clap

  • Theeuropean-placeholder
    Clemens – 20.08.2010 - 16:37

    Niemals, die SPD steht momentan nur aufgrund der Schwäche der Koalition so hoch in den Umfragen.

    Schaut man sich mal die Ziele und die Personen an, so hat sich nichts verändert seit der Wahl außer, dass der kompetenteste Politiker (Steinbrück) nicht mehr aktiv dabei ist.

  • Theeuropean-placeholder
    Peters – 20.08.2010 - 17:06

    Na, Herr Clemens,

    ist das nicht ein Problem in der generellen heutigen Zeit? Die FDP hatte auch keinerlei Berechtigung auf Grund guter Ideen oder eines Programms derart viele Stimmen 2009 zu erhalten. Einen Personalwechsel in der SPD kann man auch deutlich erkennen:

    Müntefering? Weg. Steinmeier? Kaltgestellt. Steinbrück? Futsch. Zypries? Hasta la vista. Schmidt? Weg. Struck? Wer? Scholz? Hamburg. usw. Stattdessen mit Gabriel, Nahles, Oppermann und ein paar andere Newcomer.

    Man kann es nicht leugnen: Deutschland hat eine “linke Mehrheit”…und das schon lange. Einmal abgesehen von der sogenannten Unter- und der Oberklasse, so ist die Mehrheit eher sozialdemokratisch orientiert. Die SPD muss sie nur wieder aktivieren.

  • Theeuropean-placeholder
    – 21.08.2010 - 13:22

    In einer Zeit, in der selbst die FDP sozialdemokratische Politik betreibt, ist es natürlich ausgesprochen schwer, noch wirklich hervorzustechen. Das führt dann zu programmatischen Verirrungen wie dem Mindestlohn.

    Es ist praktisch egal, welche Partei in Deutschland regiert, die Politik unterscheidet sich im Endeffekt kaum – man beachte dazu zum Beispiel das aktuelle “Sparpaket” der Bundesregierung, welches nur deswegen “spart”, weil man irgendwelche Steuern einführt. Das ist Sozialdemokratie pur.

  • Theeuropean-placeholder
    Christian – 22.08.2010 - 06:21

    Mann sollte nach so vielen Wahlen mit niedriger Wahlbeteiligung, schlechten Ergebnissen im allgemeinen und besonderen und einem “neuen” fünfparteiensystem erkennen, das 40%+ Zeiten vorbei sind. Bessere Mobilisierung der Wählerschaft kann noch Steigerung bringen, m.E. aber nicht über 35%.

Aus der Debatte

Was wird aus der SPD?

Die SPD ein Jahr nach der Bundestagswahl 2009

Caroly_kzifra 3

Die Chancen für die SPD, wieder zu einer starken linken Volkspartei zu werden, stehen nicht schlecht. Allerdings hat die Sozialdemokratie weiter...

Mielke_kopf
von Gerd Mielke
08.09.2010

Die Renten-Diskussion

Lee 3

Die glanzlose Ära der "Basta!"-Politik hat die Sozialdemokratie hinter sich und muss nun zu sich selbst finden. Daher ist es gut, wenn die Post-Schröder-Partei sich streitet, wohin sie eigentlich will. Aber bitte nicht über die Rente mit 67!

Gr_ndinger_wolfgang
von Wolfgang Gründinger
24.08.2010

Krankhafte Taktiererei der SPD

93050004 7

Statt die Partei wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen, verplempert die SPD-Spitze mit taktischen Spielchen wertvolle Zeit im Kampf um die Macht. Di weiter...

0
von Elke Leonhard
22.08.2010

Mehr zum Thema: Sozialdemokratie, Umfragewert, Wahlrecht

Kolumne

Kopf
von Stefan Gärtner
09.12.2011

Kolumne

Reicel
von Mathias Richel
10.08.2011

Kolumne

  • 1

    Das Tal der Tränen für die SPD war lang und hart. Doch es gibt Licht am Ende des Tunnels: Mit guter Politik, personeller Geschlossenheit und neuem Selbstbewusstsein hat sich die Partei gestärkt in ... weiterlesen

Reicel
von Mathias Richel
04.08.2011
meistgelesen / meistkommentiert