Die Verfassung ist doch kein Abreißkalender. Ralf Stegner

Schluss mit dem Schweinkram

Auch die Fleischproduzenten wollen mehr Nachhaltigkeit. Die Politik muss ihnen helfen – durch Fördern, Fordern und Labeln.

Die heutige Form der industriellen Massentierhaltung ist gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch nicht länger akzeptabel. Es gibt „erhebliche Defizite vor allem im Bereich Tierschutz, aber auch im Umweltschutz. In Kombination mit einer veränderten Einstellung zur Mensch-Tier-Beziehung führte dies zu einer verringerten gesellschaftlichen Akzeptanz der Nutztierhaltung.“ Vor diesem Hintergrund seien die derzeitigen Haltungsbedingungen eines Großteils der Nutztiere nicht zukunftsfähig.

Diese Zeilen über Nichtakzeptanz heutiger Tierhaltung schrieben nicht grüne Kritiker, sondern der von überwiegend konservativen und liberalen Ökonomen geprägte Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik der Bundesregierung in einem Gutachten zur Zukunft der Tierhaltung. Für viele Beobachter war das Gutachten ein Zeichen, dass die Notwendigkeit einer Agrarwende in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Die konservative Agrarpolitik wird langsam grün

Die große Mehrheit der Bevölkerung hat Bilder von gequälten Puten, schnabelgekürzten Hühnern, verstümmelten Schweinen und weggeworfenen männlichen Eintagsküken satt. Durch zu hohen Antibiotika-Einsatz auch in der Tierhaltung sterben jährlich in der EU Tausende Menschen an resistenten Keimen. In Niedersachsen sind fast zwei Drittel der Grundwasserkörper durch Nitrat aus der Massentierhaltung in schlechtem Zustand. Fast ein Viertel der Treibhausgasemissionen in meinem Bundesland Niedersachsen stammen aus der Agrarindustrie. Laut Umweltbundesamt ist die industrialisierte Landwirtschaft Hauptverursacher des Artensterbens.

Die Art der Ernährung ist die ökologische, ökonomische, ethische und gesellschaftliche Schlüsselfrage. Kein Thema bewegt die Menschen so sehr wie die Frage der Ernährung und der Umgang mit Tieren. Jahr für Jahr demonstrieren in Berlin Zehntausende am Rande der Grünen Woche für eine Wende in der Agrarpolitik. Gegen fast jede Massentierhaltungsanlage bilden sich Bürgerinitiativen. Die Agrarpolitik, eine alte Domäne der Konservativen, wird langsam grün. Es gibt daher auch schon mehr grüne Agrarminister als rote oder schwarze.

Dass Landwirte bei der Agrarwende mitmachen wollen, zeigt die vom Bauernverband mit dem Handel gestartete „Initiative Tierwohl“. Die Idee: Die Unternehmen zahlen pro Kilo Fleisch einen bestimmten Beitrag in einen Topf, aus dem freiwillige Tierschutzleistungen wie mehr Platz oder der Verzicht auf das Schwänzeabschneiden finanziell honoriert werden. Und ebenso wie bei der Energiewende, wo fast jedes Stalldach mittlerweile eine Solaranlage hat, machen viele Landwirte mit. Es wollen sich sogar so viele beteiligen, dass die Mittel der Initiative nicht ausreichen: Die Hälfte der Schweinehalter geht leer aus. Die Politik ist gefordert, die Bereitschaft der Landwirte für Veränderung zu unterstützen.

Die Agrarwende verläuft wie die Energiewende. Aus dem Dreiklang Fördern, Fordern und Labeln. Die Förderung ist dabei am einfachsten und sogar noch mit dem Segen der EU ausgestattet. Statt sieben Milliarden Euro im Jahr an Direktzahlungen zu verpulvern, sollte Deutschland endlich Gelder von der ersten Säule (Direktzahlungen an die Landwirte) in die zweite Säule (Leistungen, die an Voraussetzungen gekoppelt sind) umschichten. Zu Beginn der letzten EU-Förderperiode geschah dies mit 4,5 Prozent der Mittel. Wir brauchen aber mindestens 15 Prozent. Das wäre ein EEG für die Agrarwende!

Mit den 700 Millionen Euro jährlich könnten die Länder mehr Tier- und Umweltschutz im Stall wettbewerbskonform honorieren. Landwirte bekämen ihren Mehraufwand bezahlt, und wir würden damit unsere Nutztierhaltung zukunftsfähig und wieder gesellschaftlich akzeptiert machen.

Die Umwelt zahlt das Billighähnchen

Neben dem Umschichten von Subventionen brauchen wir aber auch einen klaren gesetzlichen Rahmen, am besten auf EU-Ebene. So müssen die Käfighaltung endlich europaweit verboten und bestimmte Mindeststandards für das Halten von Hühnern, Schweinen und Rindern vorgegeben werden. Um Produkte mit niedrigeren Standards aus dem Ausland zu erkennen, braucht es eine verpflichtende Kennzeichnung auf allen tierischen Produkten.

Die Eier haben es vorgemacht. Seit dort die Haltungsform verpflichtend draufsteht, kaufen in Deutschland über 90 Prozent der Verbraucher keine Käfigeier mehr. Ungekennzeichnet in Kuchen oder Nudeln landen Käfigeier jedoch oft noch in den Regalen.

Solange auf Verpackungen und in der Werbung irreführend Hühner im Freien, Rinder mit Hörnern und Schweine mit Ringelschwanz abgebildet werden, kann keine reale Verkaufsentscheidung entstehen. Wo Massentierhaltung drin ist und 20 Hühner pro m² mit 80.000 anderen in einem engen Stall gehalten werden, muss dies auch drauf stehen.

Sonst wird der Verbraucher in seiner Kaufentscheidung über die reale Tierhaltung weiter im Unklaren gelassen. Die Agrarministerkonferenz in Deutschland hat daher eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um konkrete Vorschläge für eine Fleischkennzeichnung nach Tierschutzkriterien zu erarbeiten. Ich bin überzeugt: Die gesellschaftliche Mehrheit für die Agrarwende ist da.

Die Landwirte wollen wie bei der Energiewende mitmachen und raus aus der Schmuddelecke der Massentierhalter. Ein Eingreifen ist auch ökonomisch nötig. Ernährung ist der am stärksten durch staatliche Subventionen geprägte Markt.
Das billige Hähnchen bezahlen wir durch Subventionen für Schlachthöfe, Krankheitskosten durch resistente Keime und höhere Wasserpreise durch Umweltbelastung. Und ethisch ist das Wegwerfen Millionen männlicher Küken als „ökonomisch unnütz“ am ersten Tag ihres Lebens auch nicht mehr zu vertreten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Carl-Albrecht Bartmer, Mark Post.

Fleisch

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2015.

Darin geht es u.a. um die Zukunft des Fleisches. Wir führen eine Debatte darüber, was morgen auf den Teller kommt. Dazu: Eine Bilanz nach sechs Monaten Mindestlohn, die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland, das zweifelhafte Phänomen des Massentourismus und die Digitalisierung des Museums.

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