Wir müssen in Afghanistan viele gemeinsame Tassen Tee trinken. Rajendra Pachauri

„Durch den Bruch ist eine totale Leere entstanden“

Er zog während der Wende aus der Vorstadt nach Berlin-Friedrichshain und versuchte dort, erwachsen zu werden: Der Ostberliner Autor Christian Mackrodt spricht mit Julia Korbik über Planlosigkeit, Drogentrips nach Hiddensee und darüber, wie er den Mauerfall verschlief.

The European: Herr Mackrodt, Ihr autobiografischer Roman „Ostkreuz. Erwachsenwerden in der Wendezeit“ erzählt von Krischan und seinen Freunden, die während der Wende von Marzahn nach Friedrichshain gezogen sind und nun, während der 1990er-Jahre, in den Tag hinein leben. Sie arbeiten, wenn es nötig ist und nehmen Drogen. Woher kam das Bedürfnis, Ihre persönliche Geschichte aufzuschreiben?
Mackrodt: Es war eine Art Eigentherapie. Ich bin in der Berliner Vorstadt groß geworden, hatte eine typische Vorstadt-Karriere mit Schulzeit in Marzahn und den extremen Problemen wie Neo-Faschismus und Gewalt. All das ist auf uns eingeprasselt und dann in den 1990ern übergegangen in die Techno-Drogen-Feierei. Das war ein Komplex aus eigenen Verletzungen und Freunden, die man verloren hat – meistens im übertragenen Sinne, aber einige sind wirklich gestorben oder in der Psychiatrie gelandet. Mich hat Rick Moodys Roman „Garden State“ über seine Counter-Culture-Jugend im New Jersey der 1980er sehr beeindruckt. Den hat er tatsächlich in der Therapie geschrieben und mich mit seiner Rohheit total umgehauen! Ich mag dieses Rohe, Direkte. Auch wenn’s nicht immer schön ist. Der große emotionale Klumpen in mir ist immer noch da.

The European: Wie schwer ist Ihnen persönlich die Umstellung auf ein anderes politisches und damit auch gesellschaftliches System gefallen?
Mackrodt: Schwer. Der Bruch kam ja in der Pubertät. Ich wollte einfach nichts machen: keine Ausbildung, kein Studium. Ich habe erst drei Jahre nach dem Abitur angefangen, zu studieren. Ich wollte nie einen Job haben, der besonders egomäßig ist. Das war alles total verpönt! Meine Freunde und ich haben irgendwelche Baujobs gemacht und ein Leben oder sogar Glück gesucht, welches es nicht gab. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, merke ich: Vielleicht haben wir diese Zeit einfach gebraucht, um die DDR in uns endlich mal zu spüren.

The European: „Die DDR spüren“?
Mackrodt: Na ja, wir wurden in dieses System hineingeboren und dort naturalisiert. Bei mir war es nach der Wende so, dass ich nicht mit Autoritäten in einem Raum sein, keinen fetten Scheck haben wollte. Eine komische Zeit. Bei einigen Leuten hat sie bewirkt, dass sie heute etwas völlig Eigenes machen: eigene Firma, eigene Kunst, eigene Musik. Ganz viele meiner Bekannten von damals sind lustigerweise Pädagogen geworden – wir haben ja immer in Jugendclubs rumgehangen und wurden dort von Sozialarbeitern betreut.

The European: Und die anderen?
Mackrodt: Machen immer noch gar nichts, schieben die Entscheidung auf.

The European: In der „Zeit“ war zu lesen: „Soziologen beobachten, dass Junge aus dem Osten „aufstiegsorientierter“ sind als die übrigen. Weil der Aufstieg, anders als zur DDR-Jugendzeit der Eltern, möglich ist.“ Ist jungen Ostdeutschen aus der Wendezeit die Karriere tatsächlich wichtiger als Westdeutschen ihrer Generation?
Mackrodt: Ich bin mit einer Frau aus dem Westen verheiratet und wohne mit ihr und den Kindern am Schlachtensee in Zehlendorf. Ist das jetzt ein sozialer Aufstieg durch Heirat? Das Thema Aufstiegsmöglichkeiten war für meine Freunde und mich damals schwierig. Wir waren einfach die Vorstadtkinder aus Marzahn. Da gibt’s natürlich ein paar ganz okaye Biografien und ein oder zwei, die es wirklich geschafft haben. Alle anderen haben ganz normale Karrieren – oder auch gar keine.

„Das größte Problem waren nicht die Drogen an sich“

The European: In „Ostkreuz“ nimmt quasi jeder Drogen. Kam das erst mit der Wende oder war das schon zu DDR-Zeiten so?
Mackrodt: Eher nach der Wende. In der DDR waren wir durch die Erziehung ja extrem auf Anti-Drogen gepolt. Und es gab eine große Angst vor Drogen, zum Beispiel wegen der Sache mit Christiane F. Was man sich klarmachen muss: Als die Mauer 1989 runterkam, da war West-Berlin noch anders. Wenn man sich in Schöneberg umschaute, mit der ersten AIDS-Welle, Heroin-Junkies und dem ganzen Drogenelend – das kannten wir aus der DDR nicht und es hat uns ziemlich schockiert.

The European: Aber offenbar nicht genug, um selbst keine Drogen zu nehmen.
Mackrodt: Wir haben vorsichtig angefangen, mal einen Joint geraucht – so zwischen 1992 und 1994. Ab 1995 kamen dann Chemie-Drogen, Raven … Was wir regelmäßig gemacht haben, war dieses rituelle Drogennehmen: Mit 20 Leuten an die Ostsee fahren und auf Hiddensee ’nen Trip nehmen. Ich möchte das nicht glorifizieren, aber das waren schöne Erinnerungen. Das größte Problem waren ja nicht die Drogen an sich, sondern die Gewöhnung: Man hat sich so frei gefühlt, dann aber ganz schnell verlernt, wie es ohne geht. Drogengemeinschaften sind so wunderbar zweckfrei. Da fragt dich niemand: Warum bist du hier, was willst du?

The European: Waren Drogen also auch eine Reaktion auf die Wiedervereinigung?
Mackrodt: Irgendwie schon. Mit der DDR verbinde ich eine düstere, abgestumpfte Monotonie. Ich hab fünf- oder sechsmal die Woche Leistungssport gemacht. Wir haben im Neubau gewohnt, meine Eltern waren beide in der Partei. Alles war so vorgezeichnet. Das Schlimmste waren die Zukunftsgespräche, wo man dich gefragt hat: Willst du studieren oder zur Armee? Wenn du studieren willst, musst du jetzt eine Absichtserklärung unterschreiben, dass du über den Wehrdienst hinaus der Armee dienst – so was. Allerdings: In der DDR hat man sich immer dafür interessiert, was du so machst. Was du denkst, was du fühlst. Die wollten immer was von dir. Und nach der Wende wollte niemand mehr was von dir.

The European: Eine schwierige Umstellung.
Mackrodt: Durch diesen Bruch ist eine totale Leere entstanden. Wir haben uns außerdem ein Stück weit als Ballastmasse der BRD empfunden, denn die hatte ja schon genug Probleme: Arbeitslosigkeit, Jugendarbeitslosigkeit, Migrantenarbeitslosigkeit … Die ganze Integrationspolitik der BRD finde ich bis heute komplett fehlgesteuert. Die Integrationskraft der deutschen Gesellschaft ist sehr niedrig. Dieses „Ostdeutschsein“ wird auf uns Ostdeutsche wie eine ethnologische Kategorie angewendet – die „Ostler“. Daraus hat man eine eigene Identität entwickelt. Ob das zwangsläufig positiv ist? Keine Ahnung.

The European: Fühlen Sie sich denn ostdeutsch?
Mackrodt: Kommt drauf an. Ich merke, dass ich die Kategorie immer dann anwende, wenn es für mich günstig ist, zum Beispiel, wenn ich mich mit einem Westdeutschen streite. Aber: Wenn ich in Zehlendorf unterwegs bin und mich irgendwer mit einem Potsdamer Kennzeichen schneidet, beschimpfe ich ihn als Ostler. Ich glaube, diese Ost-West-Sache ist vor allem für die weiterhin ein Thema, die noch in Ostberlin wohnen. Meine Familie und ich sind von Prenzlauer Berg nach Treptow gezogen, weil uns dieses ganze Gerede genervt hat. In Treptow, an der Grenze zu Neukölln, hat es niemandem interessiert, ob du aus Ost- oder Westberlin kommst.

The European: Generell teilen wir die Welt aber schon noch in Ost und West, oder?
Mackrodt: In meiner Generation war es so: Die Leute kamen aus allen Teilen Deutschlands nach Berlin. Heute kommen sie aus allen Teilen der Welt! Dadurch hat sich das Ost-West-Denken meiner Meinung nach endgültig überholt. Außer bei den Leuten, die zu lange mit der Mauer gelebt haben. Wenn man heute 60 Jahre alt ist, ist es fraglich, ob man dieses Denken noch aus dem Kopf kriegt. Ich selbst reagiere vielleicht immer noch einen Tick zu gereizt, wenn Leute „ostdeutsch“ als eine abwertende Kategorie benutzen. Aber für jüngere Generationen ist dieser Teil der Biografie eher etwas, was einen interessant macht. Etwa so, wie wenn man mal im Ausland gelebt hat. Es ist etwas, was man mehr hat. Witzigerweise lebt meine Mutter genau wie ich in einer Ost-West-Beziehung – sie ist 66 und natürlich ist die Teilung noch ein Thema.

„Es gab eine Tendenz, in einer Parallelrealität zu leben“

The European: Ihr Bezirk war Friedrichshain. Was hat dieser Ihnen bedeutet?
Mackrodt: Wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte das Buch nicht den Untertitel „Erwachsenwerden in der Wendezeit“, sondern „Ewachsenwerden im Friedrichshain“ bekommen – als Witz, weil ich der Meinung bin, dass niemand im Friedrichshain erwachsen wird. Ein Freund nennt das „S.O.S. Kinderdorf“. Es ist ein Labor gewesen: Alle, die von irgendwoher kamen, kamen erst mal in den Friedrichshain.

The European: Warum?
Mackrodt: Der Friedrichshain war wie ein weißes Blatt. Da gab es nicht diesen Bohèmian-Snobismus wie zum Beispiel in Prenzlauer Berg. Und es gab eine Unmenge an dunklen, billigen Wohnungen. Das war im Frühling und Sommer toll, im Winter nicht.

The European: Was war das für ein Lebensgefühl?
Mackrodt: Es gab eine Tendenz dazu, in einer Parallelrealität zu leben. Im Prinzip so, wie Sven Regener das Kreuzberg der 1980er beschreibt – so war Friedrichshain in den 1990ern. Jeder hatte einen großen Plan oder große Ideen. Man las ein halbes Buch von Noam Chomsky oder irgendeinem Intellektuellen und darüber redeten dann alle zwei Jahre. Man hätte ja bei Slavoj Žižek studieren können, der hat in den 1990er-Jahren in Berlin unterrichtet. Stattdessen guckte man lieber eine Doku über ihn. Es fehlte der Schritt, zu sagen: Ich mach das jetzt. Dieses Hängenbleiben im Friedrichshain hatte natürlich auch einen gewissen Charme.

The European: Ein wichtiger Teil dieses Lebensgefühls war Musik: Punkrock, Jungle, Techno.
Mackrodt: In der DDR hatten wir eine sehr gute humanistische Bildung und diese humanistischen Werte wurden von unseren bildungsnahen Elternhäusern auch immer sehr hoch gehalten. Bei meinen Eltern galt: Jeder musste lesen und selbst das rare Westgeld wurde für Bücher ausgegeben, damit ich mit zwölf die Böll-Übersetzung von „Der Fänger im Roggen“ lesen konnte. Lesen war wichtig, Reisen ebenso – aber alles, was mit Gefühlen und Emotionen zu tun hatte, war Musik. Musik war die sublime Kunstform. Ich wollte, dass „Ostkreuz“ so klingt wie eine frühe Elliott-Smith-Platte: Irgendwie traurig, aber auch schön und runtergestrippt. Hardcore mit einer akustischen Gitarre. Offen und verletzlich, sich nicht hinter diesem ganzen Lärm verstecken. Musik ist die Kunstform, die es am allerschnellsten schafft, nicht übers Gehirn wahrgenommen zu werden, sondern emotional.

The European: Wie schwer war es in der DDR, an Musik zu kommen?
Mackrodt: Das war eine Vollzeitbeschäftigung. Wir hatten alle Kassettenrekorder, alle haben ihr Geld für einen Stereokassettenrekorder und West-Tapes gespart. Die Musik haben wir dann getauscht. Später habe ich darüber gestaunt, wie viel Musik wir als Teenager schon hatten. Schallplatten zu bekommen, war allerdings extrem schwer. Auf dem Schwarzmarkt am Plänterwald hat eine Udo-Lindenberg-Platte so um die 120 Ostmark gekostet. Das war unbezahlbar. Ich glaube, dadurch, dass diese Dinge einfach nicht da waren oder sehr teuer, hat man einen materiellen Fetisch entwickelt: Als es endlich verfügbar war, musste man alles unbedingt haben. Ich beobachte das bei vielen Leuten meiner Generation.

„Den Mauerfall hab ich verschlafen“

The European: Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?
Mackrodt: Ich hab’s verschlafen. Ich bin zu spät aufgewacht, meine Eltern waren nicht da. Als ich es in der Schule gehört habe, konnte ich es nicht glauben. Wir haben noch zwei Stunden Unterricht gemacht, haben dann unsere DDR-Ausweise geholt und sind einfach am Brandenburger Tor rübergefahren. Wir waren ganz schön geflasht. Die nächste Woche haben ein paar Freunde und ich uns von der Schule freigenommen und sind mit einem richtigen Plan losgezogen – heute gucken wir uns Kreuzberg an, heute fahren wir zum Ku’damm. Gerade am ersten Tag bin ich wahnsinnig oft interviewt worden: Da saßen wir auf der Ostseite vom Brandenburger Tor.

The European: Man hat Ihnen angesehen, dass Sie Ostdeutsche waren?
Mackrodt: Genau, das war ja dann auch so eine Art Sport: Ossis erkennen. Unangenehm wurde es, als das Mitte der 1990er immer noch angesagt war. Es wurde einem zum Beispiel ständig vorgehalten, wenn man „Zweiraumwohnung“ statt Zweizimmerwohnung gesagt hat. Diese hämische Freude daran, andere zu entblößen, die hat wirklich genervt. Man hat sich diesen Teil seiner Biografie ja nicht ausgesucht. Natürlich habe ich auch Freunde und Bekannte von früher, die bis heute in hermetisch abgeschlossenen Freundeskreisen leben und arbeiten. Die leben eine Ost-Identität, die es gar nicht mehr gibt.

The European: Ostalgie, sozusagen.
Mackrodt: Ja, ich mache mich da immer drüber lustig. Beim Fußball gab es irgendwann diese T-Shirts wo „Ostler“ draufstand. Oder wir haben uns gegenseitig „Zonengranaten“ genannt, wenn wir meinten, am anderen einen besonders ostdeutschen Charakterzug entdeckt zu haben. Wenn mir zum Beispiel etwas zu teuer ist, rechne ich das meiner Frau erst in D-Mark um und dann in Ostmark. Total schrullig. Meine Frau sagt immer: Du erzählst aus der DDR, und Papa, wie es im Luftschutzkeller war. Man hat eben dieses historische Ding erlebt und muss für sich klären, wie man damit umgeht. Und man muss akzeptieren, dass es ein Teil von einem ist. Aber es sollte nicht zwischen den Menschen stehen.

The European: Und das tut es Ihrer Meinung nach ja auch nicht.
Mackrodt: Na ja, Berlin ist schon speziell – das „Testfeld der Wende“, wie Klaus Wowereit sagt. Ich glaube, für Leute aus Dresden oder Thüringen ist es schwieriger. Viele sind ja damals nach Bayern, Baden-Württemberg oder in die Pfalz gezogen. Das sind Gebiete, wo sowieso jeder ein Fremder ist, der nicht aus dem Nachbardorf kommt. Und wenn man dann noch einen Dialekt hat … Ich persönlich versuche, damit humorvoll umzugehen. Wenn mich in München jemand als „Saupreuße“ beschimpft, sage ich: „Und dann auch noch aus dem Osten!“ Für andere Menschen ist es aber eher schrecklich – die kommen aus dieser Stigmatisierung nicht raus.

„Ostkreuz. Erwachsenwerden in der Wendezeit“ von Christian Mackrodt ist bei Eden Books erschienen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Christian und Luisa: „Du sitzt auf einer Toilette, um dir Gold reinzuziehen“

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