Die Freiheit lebt davon, dass die Vorbilder sich vorbildlich verhalten. Wolfgang Schäuble

„Post-Privacy bedeutet, sich nackt zu machen“

Der Kampf zum Erhalt privater Datenhoheit droht verloren zu gehen. Als einer der Protagonisten der Post-Privacy-Bewegung empfiehlt Christian Heller ein Umdenken: Wir sollten persönliche Daten selbst ins Netz stellen. Lars Mensel und Jan Stöckmann sprachen mit ihm über Geheimnisse, Datenschutz und das digitale Menschenbild.

The European: Haben Sie eigentlich Geheimnisse?
Heller: Ja, beispielsweise meine Passwörter. Die verrate ich nicht jedem.

The European: Sonst gibt es keine Geheimnisse, die Sie uns verraten wollen?
Heller: Nein, sonst wären es ja keine Geheimnisse mehr.

The European: Was bedeutet Post-Privacy? Müssen wir alles über uns radikal offenlegen?
Heller: Man muss differenzieren. Post-Privacy ist einerseits eine gesellschaftliche Bestandsaufnahme ohne Wertung oder Handlungsaufforderung. Wir leben nun mal in einer Welt, in der Privatsphäre immer weniger funktioniert. Zum anderen verbirgt sich dahinter die Strategie, sich so nackt wie möglich zu machen. Meiner Meinung nach müssen wir dieser Strategie nicht gleich radikal folgen, aber in mancherlei Hinsicht ist es eine sinnvolle Taktik.

The European: Die meisten Menschen wollen ihre Privatsphäre schützen.
Heller: Der Begriff wurde stets sehr unterschiedlich gebraucht. Manche verstehen darunter eine Art Geheimnisraum, für andere ist die Familie ein schützenswerter Bereich des Privaten. Für mich ist es ein Ort, an dem ich Geheimnisse bewahre und einigermaßen sicher sein kann, dass die Außenwelt nicht beliebig darin herumschnüffelt. Es ist ein Raum, von dem ich glaube, dass er immer schwerer aufrechtzuerhalten ist. Deswegen muss man an dieser Stelle kritisch fragen, ob sein Inhalt überhaupt geschützt werden muss.

The European: Wie verändert sich dieser private Raum?
Heller: Wir leben in einer Kultur, in der es immer weniger Wert hat, das eigene Leben geheim zu halten und sich abzuschotten. Früher gehörte es zum guten Ton, bestimmte Dinge im Kreis der Familie zu behalten. Heute gewinnen wir eher dadurch, dass wir uns exponieren. Sexualität ist zum Beispiel etwas, was lange tabuisiert wurde und worüber Menschen heute viel offener reden.

The European: Welche Vorteile hat das aus Ihrer Sicht?
Heller: Man findet Leute, die gleiche Interessen haben oder sich für die gleichen Dinge einsetzen. Das Internet ist Motor dieser Entwicklung. Es fällt hier natürlich leichter, sich mit vielen anderen zu vernetzen, statt im Wohnumfeld nach gemeinsamen Interessen zu suchen.

„Das Internet ist der Motor der Post-Privacy-Gesellschaft“

The European: Sie scheinen optimistisch, was diese Entwicklungen angeht.
Heller: Ich versuche, die positiven Seiten dieser Entwicklung herauszuarbeiten und zu stärken. Ich gehe nicht davon aus, dass alles automatisch besser wird. Viele Argumente der Zweifler kann ich nachvollziehen. Den düsteren Erzählungen möchte ich ein Gegengewicht geben und den Leuten erklären, welche Vorteile diese Entwicklung mit sich bringt.

The European: Sind wir Deutschen zu ängstlich?
Heller: Ja, zumindest in Bezug auf Daten zur eigenen Person. Natürlich gibt es eine Reihe begründbarer Ängste. Ich möchte nicht leugnen, dass es gefährlich sein kann, wenn Geheimnisse offengelegt werden. Wenn Sie beispielsweise mein Passwort hätten, könnten Sie damit Identitätsdiebstahl begehen. Es gibt aber auch andere Fälle, da sind die Menschen grundlos ängstlich. Wenn Firmen Daten über mich sammeln und mir individuell angepasste Werbung präsentiert wird, ist das doch nicht schlimmer als herkömmliche Werbung.

The European: Was passiert, wenn sensible Daten an Versicherungen gehen?
Heller: Firmen gelangen an solche Informationen über andere Kanäle. Etwa über Arbeitgeber, den Staat oder auch Ärzte. Diesen Stellen kann man ohnehin kaum etwas vorenthalten. Zudem handelt es sich dort um sehr verlässliche Daten, während auf Facebook veröffentlichte Angaben nicht zwangsläufig stimmen müssen. Insofern ist man gegenüber Versicherungen sowieso gefährdet.

The European: Sie schlagen vor, in die Post-Privacy-Gesellschaft einzutauchen. Einen Versuch zu wagen. Doch wenn die Daten erst einmal weg sind, lassen sie sich nicht zurückholen. Wie kann solch ein Versuch also funktionieren?
Heller: Ich gehe davon aus, dass die Daten ohnehin früher oder später für alle vollständig verfügbar sind. Jetzt haben wir aber noch ein Restmaß an Kontrolle darüber, welche Daten zuerst in Umlauf gelangen. Diesen Spielraum kann ich zu meinem eigenen Vorteil nutzen, indem ich zuerst vorteilhafte Daten herausgebe. Die daraus erlernten Strategien kann ich dann anwenden, wenn die weniger harmlosen Dinge öffentlich werden.

The European: Werden wir im Post-Privacy-Zeitalter zu aufdringlichen, narzisstischen Menschen?
Heller: Aufdringlichkeit ist für mich ein Filterproblem. Ich mache Daten zunächst nur verfügbar, ich nötige sie niemandem auf. Jeder Mensch soll selbst entscheiden, ob er sich für diese Daten interessiert oder nicht. Würde ich meine Daten jemandem aufdrängen, wäre das Exhibitionismus. Post-Privacy bedeutet nur, sich nackt zu machen; der Exhibitionist drängt seinen Intimbereich anderen auf. Ich finde, andere sollen selber entscheiden, ob sie meine Daten sehen wollen oder nicht.

„Ich öffne nur eine Tür und die Leute können entscheiden, ob sie eintreten“

The European: Manchmal fällt uns eine solche transparente Ehrlichkeit vor unserem inneren Auge selbst schwer. Können wir so offen im Umgang mit anderen sein?
Heller: Natürlich veröffentlichen wir häufig geschönte Daten oder solche, die unser Selbstbild zu bestätigen versuchen. Es gibt aber auch Daten, die sich kaum dazu eignen. Ich kann beispielsweise meine GPS-Daten unzensiert in Echtzeit herausgeben. Diese Informationen werden blind erzeugt, ohne dass ich danach gefragt werde. Alle Aufzeichnungen, die dauerhaft in unserer Umgebung stattfinden, entziehen sich unserer persönlichen Vorauswahl. Das ist auch genau der Bereich, vor dem die Leute am meisten Angst haben, weil sie die Definitionsmacht über sich verlieren. Gleichzeitig sehe ich hier den Vorteil, dass auf diese Weise unverfälschte Bilder von Personen entstehen. Quantified-Self-Strategien fallen zum Beispiel in diese Kategorie. Anhand von objektiven Rohdaten wird ein neues Bild von mir gezeichnet.

The European: Unser Grundgesetz kennt kein Recht auf Privatsphäre. Die Post-Privacy-Gemeinschaft spricht stattdessen vom Recht auf Öffentlichkeit. Wofür steht dieser Begriff?
Heller: Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, die Welt selbst zu erfassen, zu ordnen und für sich verständlich zu machen. Das erfordert, dass jeder Zugriff auf die Daten der Welt hat. Diese Daten dürfen nicht zensiert oder bereinigt sein. Wie Wissenschaftler müssen wir Zugang zu allen Datensets haben, um uns ein eigenes, für die eigenen Interessen optimiertes Konstrukt der Welt zu bauen. Wenn wir behaupten, in einer Informationsgesellschaft zu leben, ist es ein legitimer Anspruch jedes Einzelnen, eigene Informationsanfragen an die Welt zu stellen. Das erfordert eben eine möglichst große Datenbasis, die jedem zugänglich ist.

The European: Das ist auch eine Aufforderung an den Staat.
Heller: Wenn wir davon ausgehen, dass der Staat demokratisch kontrolliert ist, sollte er sich auch vor denjenigen transparent machen, die ihn wählen. Das Volk soll sehen können, was der Staat macht. Insbesondere sollte der Staat jene Dinge transparent machen, die er im Auftrag der Bürger bereitstellt. Dazu gehören zum Beispiel wissenschaftliche Forschungen. Sie sollten weder weggeschlossen noch mit Hürden versehen werden.

„Der Staat sollte sich vor seinem Volk transparent machen“

The European: Was halten Sie von staatlichen Initiativen wie dem Internet-Privacy-Forum des Bundesministeriums für Bildung und Forschung?
Heller: Obwohl ich mich nicht mit diesem speziellen Projekt auseinandergesetzt habe, ist es natürlich immer gut, Diskussionsforen zu öffnen. Einerseits haben wir zwar schon viele Plattformen, auf der anderen Seite ist es gut, mithilfe des Staates auch diejenigen einzubinden, die noch nicht in der Twitter-Blase aufgewachsen sind. Leute in den Dialog einzubinden, deren Medienkompetenz noch nicht so ausgeprägt ist, kann niemals schaden.

The European: Wenn es um Datenschutz geht, sprechen Sie vom Handeln des Einzelnen. Könnte sich nicht auch eine gemeinschaftliche Haltung zum Umgang mit Daten entwickeln?
Heller: Ich persönlich stelle sehr viele Daten auf meiner eigenen Website ins Netz. Das hat den Nachteil, dass ich es gewissermaßen isoliert tue. Würde ich es gemeinsam mit anderen tun, ergäben sich noch viel interessantere Strukturen und Möglichkeiten, sie gegenseitig abzugleichen. Das wäre dann so etwas wie Facebook, wo viele Leute ihre Daten hochladen. Ihre Daten gelangen dort zugleich in einen großen Topf, in dem sie strukturiert und standardisiert werden und woraus dann sozialer Nutzen generiert wird. Das einzige Problem dabei ist, dass Facebook alles unter seiner Kuppel tut. Die öffentliche Aufgabe wäre also, eine Kuppel zu schaffen, unter die alle Leute passen. Auch die, die sich nicht dem Zensurregime von Facebook unterwerfen wollen. Darüber hinaus würde ein gemeinschaftliches Vorgehen wesentlich weniger Mut erfordern. Vieles ist weniger peinlich, wenn man es gemeinsam statt allein tut.

The European: Das Magazin „Brand eins“ porträtierte kürzlich Rainer Wasserfuhr, einen Mann, der sein gesamtes Leben öffentlich gemacht hat.
Heller: Ich kenne ihn und weiß, dass er damit auch noch andere Projekte verbindet. Es geht ihm um mehr, als Post-Privacy-Theoreme zu beweisen. Für ihn ist es ein Versuch, seine Identität in eine Datenform zu gießen und damit weiter zu experimentieren. Er ist Informatiker und überlegt, was man mit diesen Daten tun kann. Er versucht, den Daten eigenes Leben einzuhauchen. Die Idee dahinter ist, anhand seines formalisierten Lebens Rainer-Wasserfuhr-Simulationen zu ermöglichen. Je mehr Daten hierfür vorliegen, desto mehr Informationsspiele sind möglich. Ich verstehe es als eine Weiterführung des eigenen Verhaltens, eine digitale Kopie von sich im Netz wirken zu lassen.

The European: Haben Sie es bereits bereut, etwas veröffentlicht zu haben?
Heller: Es gibt Leute, die Scherze über mein offenes Netzverhalten machen. Einmal hat jemand versucht, mich bei den Zeugen Jehovas anzumelden. Aber die Daten für solche Streiche stammen nicht aus typischen Post-Privacy-Experimenten. Man hat einfach Daten aus dem Impressum verwendet, die dort ohnehin stehen müssen. Insofern hätte das jedem passieren können. Ich bin vermutlich nur deshalb zur Zielscheibe geworden, weil ich durch mein Verhalten provoziere.

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