Alarmierende Fakten, erschreckende Erkenntnisse, wichtige Bestandsaufnahme – die Reaktionen auf eine vom Bundestag in Auftrag gegebene Studie* über das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland fallen einhellig aus. Kein Wunder, bei dem Befund: Judenfeindliche Einstellungen sind „in erheblichem Umfang“ in der Gesellschaft verbreitet. Und sie reichen bis weit in deren Mitte. Jeder fünfte Bundesbürger, so lautet ein Ergebnis der am Montag vorgestellten Untersuchung, ist latent antisemitisch gesinnt. In Fußballstadien, an Stammtischen und auf Schulhöfen – überall wird abwertend über Juden geredet. Und allzu oft folgen den bösen Worten böse Taten.
So weit, so schlimm. Doch kein Grund, überrascht zu tun. Denn was die Experten in zweijähriger Arbeit analysiert und in ihrem Bericht festgehalten haben, kann beim besten Willen nicht als Neuigkeit durchgehen. Altbekanntes trifft auf Aufgewärmtes, vom Rechtsextremismus als bedeutendstem politischen Träger des Antisemitismus bis zum Internet als Brandbeschleuniger für gefährliche Hetze. Tiefgang? Fehlanzeige. Für das 200-Seiten-Papier gilt somit: Der Berg kreißte und gebar ein Mäuslein.
Judenfeindlichkeit unter Muslimen bedarf mehr Beachtung
Ein hartes Urteil, sicherlich. Aber von einem derartigen Expertengremium darf man deutlich mehr erwarten als solide Zusammengefasstes. Das gilt nicht nur für den Anti-Israelismus, der immer häufiger und unverhohlener als antisemitisch grundierter Antizionismus daherkommt. Auch und gerade die Judenfeindlichkeit unter Muslimen – jenseits des militanten Islamismus – hätte weit größere Beachtung verdient. Noch sei zu wenig darüber bekannt, weil entsprechende Forschungen fehlten, heißt es. Das klingt doch arg nach bequemer Ausrede, nach willkommener Flucht vor dem Unbequemen. Denn auch ohne wissenschaftliches Gerüst dürfte jedem halbwegs aufgeschlossenen Beobachter klar sein, dass Antisemitismus vor allem unter muslimischen Jugendlichen längst ein gleichermaßen erschreckendes wie gefährliches Ausmaß erreicht hat.
Ein Beispiel: Vor anderthalb Jahren flogen bei einem Stadtteilfest in Hannover Steine gegen eine israelische Tanzgruppe. Dazu gab es Juden-raus-Rufe. Die Täter: mehr als ein Dutzend Kinder und Jugendliche im Alter zwischen neun und 15 Jahren mit Migrationshintergrund, wie es in schönem Amtsdeutsch heißt. So früh kann Hass beginnen. Eine alarmierende, eine beängstigende Erfahrung.
Allerdings verschließen immer noch viele Multikulti-Fans ihre Augen vor dem Offensichtlichen, wollen nicht wahrhaben, was Realität ist. Abwiegeln, schönreden, wegschauen – all diese Ausflüchte schaden, wenn es gilt, sich des drängenden Problems endlich ernsthaft anzunehmen. Es ist eben kein unüberwindlich großer Schritt vom Ruf „Du Jude, du Opfer“ zum Ausüben von Gewalt. Sich dies einzugestehen, heißt nicht, alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Doch mit den ewig gleichlautenden Hinweisen und hilflos wirkenden Erklärungsversuchen – Bildungsferne, sozialer Brennpunkt, bedrückende Verhältnisse – unterschätzt man die Gefahr, die von der Judenfeindschaft bei Muslimen ausgeht.
Aufklärung tut not
Sie ist real und alltäglich – in der Schule, in den Wohnzimmern, auf der Straße. Und sie wird, keine Frage, durch den Nahostkonflikt verschärft, der als anti-jüdische Propagandakost ungehindert durch Fernsehsender wie Al Manar frei Haus geliefert und verinnerlicht wird. So gehen Antizionismus, Anti-Israelismus, Antisemitismus Hand in Hand.
Da tun Aufklärung und eine gute Schule mehr als not. Auch bei denjenigen, die schon seit Jahrzehnten hier leben. Wenn wie in Hannover Gewalt ausgeübt wird, ist es allerdings längst zu spät für gute Worte. Dann müssen Polizei und Staatsanwaltschaft sich der Sache annehmen, Richter Recht sprechen. In Niedersachsen verurteilte das Gericht übrigens nur einen der Steine werfenden Jugendlichen zu einer Bewährungsstrafe (vorwiegend wegen anderer Delikte). Einen antisemitischen Tathintergrund habe man dem Beschuldigten jedoch nicht nachweisen können. Merkwürdig, oder?
Vielleicht kommt in dem Urteil einfach nur das zum Tragen, was der Judenfeindschaft-Report für den Bundestag treffend feststellt: Es gebe mittlerweile eine bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitete Gewöhnung an alltägliche antisemitische Tiraden und Praktiken. Wahrlich ein Grund, alarmiert zu sein. Denn dieser ressentimentgeladene Hass trifft nicht nur Juden und macht sie so zu Opfern einer menschenverachtenden Ideologie. Er ist vielmehr ein Angriff auf das Gemeinwesen, auf die Demokratie. Und damit auf uns alle.
*Den vollständigen Bericht können Sie hier herunterladen.

















Sehr geehrter Herr Böhme, eine Randanmerkung zu Ihrem Artikel.
Wenn Sie sagen:“Es ist eben kein unüberwindlich großer Schritt vom Ruf „Du Jude, du Opfer“ zum Ausüben von Gewalt.”, so sage ich: Eben die Selben Leute, die so etwas rufen, rufen auch “Du Christ, du Opfer” oder “Du Deutscher, du Opfer”.
Kurz, der hier zu Tage tretende Antisemitismus ist nur eine Facette eines weitgreifenderen Problems kulturell-sozialer Ghettoisierung. Wer ein Syndrom nur am Einzelsymptom greifen will, der greift daneben.
Mir geht dieses gejammere um den Antisemitismus in Deutschland gewaltig auf die Nerven. Hier wird ein Tatbestand konstruiert nur um als Debatte am Leben zu bleiben und sich damit einen Namen zu machen wenn man sonst nichts beherrscht. Ob jetzt Juden, Christen, Türken, Amis,Hartz4ler oder Bänker, jeder bekommt seinen Schimpfnamen von der Jugend. Liegt es vieleicht daran weil man die Jugend einfach übergeht und diese sich auf diese Art gehör verschafft?Was ist den wirklich dran an diesen hochgespielten Übergriffen verbaler beschimpfungen? Aber keine Angst, solange man sich darüber Aufregen kann, wird die Jugend neue Wörter und Zielgruppen finden.
Ich kann mich Herrn Böhme zu: “Allerdings verschließen immer noch viele Multikulti-Fans ihre Augen vor dem Offensichtlichen, wollen nicht wahrhaben, was Realität ist. Abwiegeln, schönreden, wegschauen – all diese Ausflüchte schaden, wenn es gilt, sich des drängenden Problems endlich ernsthaft anzunehmen”. Nicht ganz anschließen.
Ich war und werde nie ein Fan von irgendwas, ich denke aber es sollte um ein friedliches Miteinander und der Bereitschaft von einander lernen zu wollen gehen. Einfach mal das verstehen was der Mensch der einem gegenübersteht denkt, nachzuvollziehen und nicht wie einst üblich erstmal Vergasen und dann fragen.
“So gehen Antizionismus, Anti-Israelismus, Antisemitismus Hand in Hand.”
Entschuldigung, aber das Kritisieren des Zionismus (eine Ideologie! keine Religion oder Volksgruppe!) als Antisemitismus abzuurteilen finde ich bedenklich bis perfide! Wenn wir dies so zu sehen beginnen, ist die Kritik am Faschismus “Italien und Deutschland feindlich”, die Kritik am realen Kommunismus “Anti chinesisch / russisch” usw!
Ich finde man muss zwischen der Kritik einer Ideologie und realem Juden-, resp. Fremdenhass unterscheiden!
Alles andere hilft niemanden, sorgt aber für konstant hohe Zahlen bez. “Antisemitismus”.
Israel verhält sich auch seit seiner Gründung fast konstant so kriegstreiberisch und überheblich das der Hass gegen Juden in der Welt bestimmt nicht weniger wird.
Seit dieses künstliche Gebilde Israel entstand, mußten sich die Bewohner wehren, das ging gleich nach Gründung los, als die Engländer noch meinten, alles im Griff zu haben, während die Franzosen sich im Libanon tummelten, bis es auch dort krachte.
Und das nennen Sie Kriegstreiberei der Juden. Bei so manchen Schreibern ist offenbar einiges an Denkarbeit vonnöten, bevor sie schreiben. Geben Sie bitte nun hier in aller Offenheit eine klare Darstellung über die Kriegstreiberei der Juden im nahen
Osten. Ihr Gejammer möchte ich hören, wenn Ihnen von jetzt auf gleich ein paar Raketen um die Ohren flögen, nicht wissend, wann das stattfindet. Was die Araber im nahen Osten am besten kennen, ist der Hinterhalt. Das wird auch immer so bleiben. Ach ja, und alle Anderen auf dieser Welt sind böse Ungläubige, insbesondere im Westen. Nur, auch der Westen befindet sich je nach Standort in anderer Richtung.