Kein Problem wird gelöst, wenn wir träge darauf warten, dass Gott sich darum kümmert. Martin Luther King

Sein Krampf

Der Möchtegern-GröFaZ ist allgegenwärtig – jetzt sollen Auszüge aus Hitlers bislang verbotenem Werk Mein Kampf an deutschen Kiosken verkauft werden. Kein Grund zur Panik, auch wenn die Aufklärungsabsicht wohlfeiler Unsinn ist.

Die einen werden den Verkaufstermin für einen Zufall halten. Andere wiederum wittern womöglich hinter dem Zeitpunkt einen kühl kalkulierten PR-Coup. Und eine weitere Gruppe wird in dem ganzen Vorhaben einen abstoßenden Affront sehen: Am 26. Januar will der Verleger Peter McGee in Auszügen Adolf Hitlers „Mein Kampf“ an deutsche Kioske bringen und in zahlreichen Zeitschriftenregalen auslegen lassen – unmittelbar vor dem Holocaust-Gedenktag, an dem der Millionen Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird.

Das kann, das darf man ohne Weiteres für pietätlos halten. Allerdings dürfte dieser Vorwurf dem Briten ebenso wenig etwas ausmachen wie die Ankündigung des bayerischen Finanzministeriums, als Inhaber der Urheberrechte juristische Schritte gegen das Vorhaben zu prüfen. McGee will – wenn auch im hehren Namen der Aufklärung – nicht zuletzt Geld verdienen. Und als gewiefter Geschäftsmann weiß der 51-Jährige: Der „Führer“ verspricht Kasse, Hitler sells. Die Startauflage von 100.000 Exemplaren spricht eine deutliche Sprache.

Kurz durchatmen

Doch wer jetzt vor Empörung rot anläuft, dem sei versichert, dass kein Grund zur Panik besteht. Weder werden hiesige Rechtsextremisten, das Machwerk in Händen haltend, durch unsere Straßen ziehen, noch mutiert der Leser durch die Lektüre des ziemlich wirren, idiotischen Buchs zum Nazi. Also einmal kurz durchatmen, Deutschlands Demokratie steht durch diesen publizistischen Vorstoß nicht auf dem Spiel. „Mein Kampf“ ist nämlich ein einziger Krampf, der so offenkundig einer massenmörderischen Ideologie und wüstem Rassismus huldigt, dass es einen nur abstoßen kann. Auch die jetzt ausgewählten 15 Seiten sind somit nichts anderes als Lektürestoff der übelsten Sorte. Soll der mündige Bürger selbst darüber entscheiden, ob er sich das antut und dafür auch noch Geld bezahlt.

Denn die Euros könnte er sich sparen. Die Hetzschrift kann heutzutage ohne große Mühe aus dem Internet auf den heimischen Computer heruntergeladen werden. Ein paar Klicks, und die 1925/26 erstmals veröffentlichten Bände stehen zur Verfügung. In vielen Ländern (sogar in Israel) wird „Mein Kampf“ schon längst als kompletter Nachdruck angeboten – ohne jede historisch-politische Einordnung, ohne erläuternde Kommentare. Doch Verleger McGee bietet genau das an. Namhafte NS-Forscher wie Hans Mommsen und Wolfgang Benz betreuen das Projekt. Der vermeintliche Zauber des Verbotenen, des Anrüchigen geht damit endgültig verloren. Der Mythos, der dieses dumpfe Pamphlet auf ominöse Art und Weise zu umwehen scheint, wird mit nüchternen Worten als das entlarvt, was er ist: ein Hirngespinst.

Adolf soll die Kassen klingeln lassen

In die gleiche Kategorie gehört allerdings auch die Annahme, es bestünde ein öffentliches Interesse daran, „Mein Kampf“ im Originaltext zugänglich zu machen. Das gibt zwar der britische Verleger als Beweggrund an. Doch das ist wohlfeiler Unsinn. Worin, bitte schön, soll dieses angebliche Interesse der Öffentlichkeit bestehen? Kein vernünftiger Mensch muss heutzutage noch über die völkermörderischen Absichten und Ziele des deutschen Diktators informiert, geschweige denn aufgeklärt werden. Dass ein kleiner Teil von Hitlers gedanklichen Ergüssen bald am Kiosk zu haben sein wird, ist folglich kaum mehr als ein Geschäft. Adolf Nazi soll die Kassen klingeln lassen. Mal abwarten, ob diese Rechnung wirklich aufgeht.

Ganz ausschließen kann man das nicht. Der braun gesinnte Menschheitsverbrecher spukt nach wie vor vielen im Kopf herum. Auch – und gerade – die Deutschen, sein einst folgsames Volk, machen da keine Ausnahme. Hitlers Hund, Hitlers Frauen, Hitlers Schwulsein, Hitlers Essen, Hitlers Krankheiten, Hitlers Siege, Hitlers Verbrechen, Hitlers Kampf – der Möchtegern-GröFaZ ist allgegenwärtig. Ein Mythos, ein Monster, ein Mensch, ein Medienphänomen, ein Kultobjekt. Wir sind offenkundig noch lange nicht fertig mit ihm. Genau auf diesen langen Schatten setzt Verleger McGee seine Verkaufshoffnungen. Wenn das der „Führer“ wüsste.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 19.01.2012 - 10:28

    Sehr geehrter Herr Böhme, danke für den unaufgeregten Artikel.
    mfG

  • Theeuropean-placeholder
    Burak – 19.01.2012 - 10:39

    So ein Quark.
    Habe ihren Kommentar nicht vollständig gelesen.
    Im letzten Jahr haben wir festgestellt wie ein latent rassistisches Buch in Deutschland Anklang findet. Insbesondere in der Mitte der Bevölkerung. Sarrazin hat ja anscheinend vielen aus den dunklen Ecken des Herzen gesprochen.
    Merke: Keine Herz für Faschisten.

  • Theeuropean-placeholder
    Antonius Theiler geb.1941 – 25.01.2012 - 10:57

    Lesen Sie bitte den Index Romanus von 1934 des Albert Sleumer, dort wird die Einstellung von Frau Knobloch vertreten. Dort können Sie auf Seite 79 lesen: „…während sich erfahrungsgemäß kaum je ein solch übles Inserat in die katholische Presse einschleichen kann, weil ihre Schriftleiter und Verleger lieber jährlich auf Zehntausende von Mark verzichten als an der Entchristlichung und Entnervung des Volkes sich durch Aufnahme solcher Inserate mit zubeteiligen!“ Und einpaar Seiten weiter schreibt Sleumer: „Gut zeichnet Adolf Hitler in seinem Werk Mein Krampf“ – „ ZensZensZensZens und alles waren JuJuJu“ – Bitte lesen Sie selbst diesen Index, er hat den Apostolischen Segen und die Imprimatur und stellt das Machwerk Hitlers viermal gut und lesenswert dar. Sleumer gibt ganze Absätze wieder. Bestimmt hatte der harte Stuhl eine Zitat-Genehmigung des Verführers erwirkt. Jetzt wird auch Herr Minister Söder sich fragen, warum dann nicht in Bayern veröffentlichen.
    Auf Wunsch kann der Index Romanus von 1934 von Sleumer bei mir eingesehen werden. Nur für Wissenschaftliche Zwecke und der Genehmigung von Herrn Minister Söder.
    A.Theiler

  • Theeuropean-placeholder
    Antonius Theiler geb.1941 – 25.01.2012 - 11:04

    Last uns anfangen zwei Stunden Geschichtsunterricht über den Stammbaum von Hitler zu streichen, den es ist nicht wichtig ob er diese oder jene Vorfahren hatte. Dieser Unterricht ist Rassistisch, wichtig ist, wer hat diesem Verbrecher nach 1925 geholfen. SOS SOS SOS

  • Theeuropean-placeholder
    Marc Voigt – 26.01.2012 - 22:10

    Das es leider immer noch verblendete Bildungs resistente Nazi Deppen in Deutschland gibt ist leider nicht zu leugnen. Dieser armselige Haufen an Talent freien frustrierten Vollpfosten wird mit Sicherheit nicht Herrn Verleger McGee zu einem reichen Mann machen können denn auch das gelesene zu verstehen und geistig umzusetzen dürfte den Großteil der Nazi Schwachmaten geistig überfordern. Sicher viele unsere Englischen Nachbarn sehen auch heute noch in jedem Deutschen einen Nazi, wobei man nicht vergessen darf wie viel Leid wir damals nicht nur dem Jüdischen, Roma… Volk angetan haben. Unsere Englischen Nachbarn mussten leider auch viele persönliche Verluste hinnehmen, nicht nur durch die Deutsche Bombardierung, dem Einsatz Ihrer Soldaten oder die Erniedrigung es ohne Hilfe der Amerikaner und Russen allein schaffen zu können.

    Sicher verstehe ich das nicht nur unsere Englischen Freunde beunruhigt sind, wenn ich sehe das Deutsche Waffenfirmen wie Heckler und Koch staatlich subventioniert werden.

    http://amerika21.de/nachrichten/2011/12/42614/heckler-und-koch

    Die Auszüge von diesem Nazischwein Hitler aus "Mein K®ampf " sind nur eine weitere mehr als peinliche Erinnerung an die einst ausgeübten Verbrechen dieser Zeit, die uns Alle aber auch in der heutigen Zeit zu mehr Akzeptanz und Respekt zu dem Menschlichen Gegenüber egal welcher Herkunft/ Glaubens bereit machen sollte.

    mfg Marc

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name ... – 31.01.2012 - 15:00

    Lieber Marc Voigt, als selbsternannter Vertreter, aller echten Schweine, auch der Wilden und Warzigen, erhebe ich Einspruch, öffentlich und im verbogenen, den Ausdruck „Nazischwein Hitler“ zu gebrauchen, der größte Feldherr und Prof. aus Braunschweig hat keine Ähnlichkeit mit Schweinen, alle Schweine sind beleidigt, er war dass was er war und das ist schrecklich genug.

    mfg Antonius Theiler

Aus der Kolumne

Alternativlos

SPD-Erfolg in Nordrhein-Westfalen

Im_roten_rausch 1

Der deutliche Sieg der SPD in Nordrhein-Westfalen kann nicht über die inhaltlichen und personellen Probleme der Partei im Hinblick auf die Wahl 2013 hinwegtäuschen. Ganz ähnlich ergeht es dem grünen Wunschkoalitionspartner.

B_hme
von Christian Böhme
20.05.2012

Sturz von Norbert Röttgen

143406610

Im Grunde war Norbert Röttgens Schicksal schon beim Schließen der Wahllokale am Sonntag besiegelt. So ein Desaster verzeiht keine Partei. Die Kanzlerin ist nun noch einsamer an der Spitze und das könnte für die CDU noch gefährlich werden.

B_hme
von Christian Böhme
16.05.2012

Nach der Wahl in Schleswig-Holstein

143957676 2

Rot-Grün ist ebenso wie Schwarz-Gelb kein Selbstläufer mehr. Die Wahl in Schleswig-Holstein ist nur Indikator eines Trends, der auf eine bunte Parteienrepublik deutet.

B_hme
von Christian Böhme
10.05.2012

Mehr zum Thema: Mcgee, Mein-kampf, Adolf-hitler

meistgelesen / meistkommentiert