Demnächst wird die Gleichstellungsrichtlinie erzwingen, dass der nächste Bundeskanzler eine Frau wird. Edmund Stoiber

Unter Krähenverdacht

Die Kanzlerin steht in der Kreditaffäre weiterhin hinter Christian Wulff. Allerdings verhält sich auch die Opposition auffällig zurückhaltend. Das könnte daran liegen, dass von den Vorteilen der Verflechtung zwischen Politik und Wirtschaft nicht nur der Bundespräsident profitiert.

Ach, hielte es Christian Wulff als bekennender Christ doch mit der Bibel! „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel“, steht dort gleichermaßen klar und weise geschrieben. Man soll sich also tunlichst nicht herausreden, nichts vertuschen und verbergen, sondern eindeutig Stellung beziehen, die Sache beim Namen nennen. Doch von dieser Tugend entfernt sich der Bundespräsident offenkundig jeden Tag ein wenig mehr. Zu seinem Schaden. Und zum Schaden des Landes, das er an oberster Stelle repräsentiert.

Irgendwie nicht mehr so nett

Bis Anfang Dezember galt der Staatschef zumeist als brav, harmlos oder bestenfalls vornehm zurückhaltend und damit irgendwie nett. Doch in den vergangenen Wochen hat die Republik einen ganz anderen Wulff kennengelernt: den unfeinen, den zornigen, den einfalls- und hilflosen, den empörten, den unwürdigen. Einen, dessen Krisenmanagement man als katastrophal bezeichnen muss. Einen, der eine denkbar schlechte Figur macht, weil er nur etwas zugibt, wenn die Wahrheit nicht mehr zu leugnen ist. Einen, der Aufklärung und Transparenz verspricht, aber um beides einen großen Bogen macht. Einen, der erklärt, die Pressefreiheit sei ein hohes Gut, jedoch selbstherrlich versucht, diese per Telefonanruf einzuschränken. Einen, der auf der Mailbox des Chefredakteurs der „Bild“-Zeitung hörbar die Kontrolle über sich selbst verliert. Keine Frage, der Noch-Bundespräsident ist endgültig entgleist. Wie will, wie kann er derart beschädigt künftig als glaubwürdige moralische Instanz in Erscheinung treten? Geht gar nicht, würde TV-Moderator Johannes B. Kerner zu Recht ausrufen. Und Angela Merkel müsste ihm zustimmen.

Leicht fiele dies der Bundeskanzlerin sicherlich nicht. Aber inzwischen droht die Wulff-Affäre auch das Ansehen der CDU-Vorsitzenden in Mitleidenschaft zu ziehen. Weniger, weil sie den Niedersachsen mangels Alternativen auf den Thron gesetzt hat. Sondern weil sie allzu voreilig und uneingeschränkt ihrem Schützling Rückendeckung gewährte. „Der Bundespräsident hat mein vollstes Vertrauen“, erklärte sie wenige Tage vor Weihnachten. Das war sowohl grammatikalisch unzulänglich als auch inhaltlich extrem riskant. Vollstes Vertrauen für einen, der den bekanntermaßen selbstbewussten „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann einschüchtern wollte, um eine unliebsame Berichterstattung zu verhindern? Auch in diesem Fall wäre für die Pastorentochter ein vorsorglicher Blick in die Bibel ratsam gewesen. Reden hat seine Zeit, aber das Schweigen eben auch.

Schweigen im politischen Berlin

Apropos Funkstille. Überraschenderweise schweigt sich gerade jetzt, wo Worte angebracht wären, das politische Berlin in der Kreditaffäre weitgehend aus. Dass die schwarz-gelbe Koalition auf stumm geschaltet hat, mag ja noch angehen. Aber warum hält es die Opposition mit der Lautlosigkeit? Ein paar zaghafte Nachfragen hier, einige Mahnungen dort – ansonsten ruht der See still, wo sich eigentlich Empörungswellen meterhoch auftürmen müssten. Ist das einer ominösen Staatsräson geschuldet? Weil es ja im gesitteten Deutschland ein Unding wäre, wenn innerhalb kurzer Zeit gleich zwei Bundespräsidenten ihren Dienst quittieren. So hat es sinngemäß SPD-Chef Sigmar Gabriel formuliert. Nein, so viel demonstrative Friedfertigkeit passt so gar nicht zum gängigen Politikgeschäft, das ansonsten vor kaum einer Bosheit zurückschreckt.

Vielmehr drängt sich der unschöne Krähenverdacht auf: Eine kratzt der anderen kein Auge aus. Sprich, Amigos sind für alle da. Und die Vorteile verschaffende Verflechtung von Politik und Wirtschaft ist über Parteigrenzen hinweg gängige Praxis. Wulff über seine Kreditaffäre stürzen zu lassen, könnte mithin zur Folge haben, dass auch bei den Schwarzen, Gelben, Roten und Grünen der eine oder die andere ins Stolpern geriete. So wird aus Schweigen Verschwiegenheit. Weil’s im Interesse aller Beteiligten liegt. Ein ziemlich schmutziges Geschäft – hoffentlich nur das Zerrbild schmutziger Fantasien. Schließlich steht schon in der Bibel: „Denn wir sehen darauf, dass es redlich zugehe nicht allein vor Gott, sondern auch vor den Menschen.“ Wenn das kein Motto für unsere heutigen Politiker ist! Und vor allem eines für Christian Wulff. Er muss es nur noch beherzigen und sich endlich ehrlich machen. Mit allen Konsequenzen.

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