Ach, hielte es Christian Wulff als bekennender Christ doch mit der Bibel! „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel“, steht dort gleichermaßen klar und weise geschrieben. Man soll sich also tunlichst nicht herausreden, nichts vertuschen und verbergen, sondern eindeutig Stellung beziehen, die Sache beim Namen nennen. Doch von dieser Tugend entfernt sich der Bundespräsident offenkundig jeden Tag ein wenig mehr. Zu seinem Schaden. Und zum Schaden des Landes, das er an oberster Stelle repräsentiert.
Irgendwie nicht mehr so nett
Bis Anfang Dezember galt der Staatschef zumeist als brav, harmlos oder bestenfalls vornehm zurückhaltend und damit irgendwie nett. Doch in den vergangenen Wochen hat die Republik einen ganz anderen Wulff kennengelernt: den unfeinen, den zornigen, den einfalls- und hilflosen, den empörten, den unwürdigen. Einen, dessen Krisenmanagement man als katastrophal bezeichnen muss. Einen, der eine denkbar schlechte Figur macht, weil er nur etwas zugibt, wenn die Wahrheit nicht mehr zu leugnen ist. Einen, der Aufklärung und Transparenz verspricht, aber um beides einen großen Bogen macht. Einen, der erklärt, die Pressefreiheit sei ein hohes Gut, jedoch selbstherrlich versucht, diese per Telefonanruf einzuschränken. Einen, der auf der Mailbox des Chefredakteurs der „Bild“-Zeitung hörbar die Kontrolle über sich selbst verliert. Keine Frage, der Noch-Bundespräsident ist endgültig entgleist. Wie will, wie kann er derart beschädigt künftig als glaubwürdige moralische Instanz in Erscheinung treten? Geht gar nicht, würde TV-Moderator Johannes B. Kerner zu Recht ausrufen. Und Angela Merkel müsste ihm zustimmen.
Leicht fiele dies der Bundeskanzlerin sicherlich nicht. Aber inzwischen droht die Wulff-Affäre auch das Ansehen der CDU-Vorsitzenden in Mitleidenschaft zu ziehen. Weniger, weil sie den Niedersachsen mangels Alternativen auf den Thron gesetzt hat. Sondern weil sie allzu voreilig und uneingeschränkt ihrem Schützling Rückendeckung gewährte. „Der Bundespräsident hat mein vollstes Vertrauen“, erklärte sie wenige Tage vor Weihnachten. Das war sowohl grammatikalisch unzulänglich als auch inhaltlich extrem riskant. Vollstes Vertrauen für einen, der den bekanntermaßen selbstbewussten „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann einschüchtern wollte, um eine unliebsame Berichterstattung zu verhindern? Auch in diesem Fall wäre für die Pastorentochter ein vorsorglicher Blick in die Bibel ratsam gewesen. Reden hat seine Zeit, aber das Schweigen eben auch.
Schweigen im politischen Berlin
Apropos Funkstille. Überraschenderweise schweigt sich gerade jetzt, wo Worte angebracht wären, das politische Berlin in der Kreditaffäre weitgehend aus. Dass die schwarz-gelbe Koalition auf stumm geschaltet hat, mag ja noch angehen. Aber warum hält es die Opposition mit der Lautlosigkeit? Ein paar zaghafte Nachfragen hier, einige Mahnungen dort – ansonsten ruht der See still, wo sich eigentlich Empörungswellen meterhoch auftürmen müssten. Ist das einer ominösen Staatsräson geschuldet? Weil es ja im gesitteten Deutschland ein Unding wäre, wenn innerhalb kurzer Zeit gleich zwei Bundespräsidenten ihren Dienst quittieren. So hat es sinngemäß SPD-Chef Sigmar Gabriel formuliert. Nein, so viel demonstrative Friedfertigkeit passt so gar nicht zum gängigen Politikgeschäft, das ansonsten vor kaum einer Bosheit zurückschreckt.
Vielmehr drängt sich der unschöne Krähenverdacht auf: Eine kratzt der anderen kein Auge aus. Sprich, Amigos sind für alle da. Und die Vorteile verschaffende Verflechtung von Politik und Wirtschaft ist über Parteigrenzen hinweg gängige Praxis. Wulff über seine Kreditaffäre stürzen zu lassen, könnte mithin zur Folge haben, dass auch bei den Schwarzen, Gelben, Roten und Grünen der eine oder die andere ins Stolpern geriete. So wird aus Schweigen Verschwiegenheit. Weil’s im Interesse aller Beteiligten liegt. Ein ziemlich schmutziges Geschäft – hoffentlich nur das Zerrbild schmutziger Fantasien. Schließlich steht schon in der Bibel: „Denn wir sehen darauf, dass es redlich zugehe nicht allein vor Gott, sondern auch vor den Menschen.“ Wenn das kein Motto für unsere heutigen Politiker ist! Und vor allem eines für Christian Wulff. Er muss es nur noch beherzigen und sich endlich ehrlich machen. Mit allen Konsequenzen.

















Ein durchaus berechtigter Verdacht, plausibel unglücklicherweise noch dazu.
Mir drängen sich zwei Fragen auf. Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma der menschlichen Vorteilsnahme gewählter Amtsträger, der auch umsetzbar ist und damit einen Schlusstrich unter den schwelenden Generalverdacht zieht? Oder müssen wir uns damit abfinden, dass das ein nichtausrottbarer Teil unseres gesellschaftlichen Miteinanders ist? Die zweite Frage ergibt sich aus dem grad Offensichtlichen. Kann ein Krisenmanagement wie das von Wulff tatsächlich derartig jämmerlich stümperhaft sein? Ich kann es kaum glauben- er ist schliesslich weder amtsunerfahren noch auf sich allein gestellt? Diese Geschichte ist derart durchsichtig und beweisfähig- gibt es vielleicht eine ganz andere Erklärung für sein tun?
Wie wäre es mit schlichter Dummheit?
@TomP:“gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma der menschlichen Vorteilsnahme gewählter Amtsträger, der auch umsetzbar ist…?”
Ich denke, DAS ist eine der wesentlichen Fragen! Denn wo ich auch hinschaue: die Grenze zwischen `miteinander reden und in Kontakt treten` zu `gibst Du mir, gebe ich Dir` ist mehr als fließend.
Und auch wenn ich den pupsig präsidialen Stil Wulffs nicht besonders mag, es bleibt für mich die Frage, ob da nicht ein Einzelner als Blitzableiter für die allgemeine Anspannung (gefährdeter sozialer Friede, Gefährdung der real-wirtschaftlichen Ummantelung unserer Gesellschaft etc.) dient mit einem Anlass, den knapp 90% der Menschen geben würden.
Das hat dann gar nichts damit zu tun Herr Böhme, dass “eine Krähe der anderen kein Auge aushackt”!
Es hat schlicht mit Grundmustern sozialer Gefüge zu tun und die Frage von TomP ist absolut treffend:
kann man überhaupt zu einer Praxis finden, die so nicht ist?!
" … mangels Alternative wurde Wulff zum BP gewählt …" – Tatsächlich, Herr Böhme?
" … Kerner würde ausrufen “Wulff als moralische Instanz geht gar nicht” …" – Was Kerner sagt oder nicht sagt, ist mir seit seinem skandalösen Umgang mit Eva Herman ziemlich egal.
Ansonsten habe ich meine Lektion vom Bundes-Wulff gelernt: Da man heutzutage kaum noch in der Lage ist, mit einem durchschnittlichen Einkommen wegen der erdrückenden Steuerlast zu etwas zu kommen, muß man ohne Rücksicht auf Verluste sich Vorteile verschaffen, wo es nur geht. Ein weiterer Bibelspruch aus dem neuen Testament kommt mir in dem Sinn, den ich gern auf die Obrigkeit in Deutschland münze: “Sie bürden euch schwere Lasten auf, rühren aber selbst keinen Finger daran”. Danke, Herr BP, für die gelernte Lektion!
Herr Böhme; bitte! Halten sie es doch mit Amos:
„Ich werde sie nicht schonen, weil sie die Unschuldigen für Geld und die Armen für ein Paar Schuhe verkaufen. … Und bei allen Altären schlemmen sie auf den gepfändeten Kleidern und trinken Wein vom Geld der Bestraften im Haus ihres Gottes…“
Alle haben hier irgendwie Recht. Der Autor ebenso, wie die Kommentatoren vor mir und doch fehlt mir die rechte Aufrichtigkeit:
Haben wir nicht (fast) Alle Dreck am Stecken? Tun wir nicht im Kleinen Ähnliches wie Wulff, nämlich ein bisschen bei der Steuer tricksen, ein wenig zu viel, oder anders unsere Kosten abrechnen, uns gelegentlich (beruflich) zum Essen einladen lassen oder Andere einladen und das bei der Steuer absetzen, oder auch mal unsere Versicherung ein bisschen “betrügen”?
Alles Dinge am Rande der Legalität, oder darüber hinaus. Es ist die Gesellschaft, die sich in den letzten 30-40 Jahren immer mehr negativ verändert hat und Wulff ist ein Produkt dieser Gesellschaft. Und natürlich ist er auch in der politischen Gesellschaft kein Einzelfall, egal über welche Partei wir auch sprechen (könnten). Ein Einzelfall wird das hier erst durch seine Stellung, besser gesagt sein Amt und ein Einzelfall bleibt auch sein geradezu beklopptes Krisenmanagement; sein persönliches, aber auch das in seinem Umfeld. So dumm kann man doch eigentlich gar nicht sein!
Wulff muss aus meiner Sicht den Hut nehmen, weil man davon ausgehen muss, dass er für das höchste Staatsamt nicht taugt, weil er schon nicht in der Lage ist seine persönlichen Belange nachvollziehbar und korrekt zu managen. Das bleibt auch nach seiner heutigen TV-Erklärung (dem ARD-/ZDF-Interview) weiterhin so. Den Zeitpunkt hat er verpasst, schon lange!
Für das Amt des Bundespräsidenten in Zukunft bleibt eigentlich nur, ähnlich wie beim Abschluss einer Lebens- oder Krankenversicherung schon im Vorfeld Gewissenserforschung zu betreiben und offensiv alle bisherigen Fehler einzugestehen, auch die, die einem vielleicht mom. gar nicht einfallen, damit man später nicht von seinen eigenen Dummheiten auf dem Weg nach oben überholt wird.
Denken Sie an Wowereit, der im Vorfeld seiner Kandidatur zum Berliner Bürgermeister gesagt hat: “Ich bin schwul und das ist gut so”. Damit hat er allen schon in den Startlöchern stehenden Gegnern und Kritikern den Wind aus den Segeln genommen!
Entweder man hat also bis zur Kandidatur keinen Fehler gemacht (so jemand Langweiligen und Farblosen möchte ich in keinem politischen Amt sehen!), oder man deckt schon vorher Alles auf (aber auch wieder nicht mehr als der Wahrheit entspricht, weil einem sonst später mit Recht Hochstapelei vorgeworfen werden könnte)!
Zu dem “Mangel an Aufrichtigkeit” seitens der Kommentatoren und des Autors: Sicherliche haben Sie Recht, wenn der BP “Gleicher unter Gleichen” wäre, nur ist er eben BP und somit hat er Vorbildcharakter. Nach Ihrer Argumentationslinie müsste ich also den Schluß ziehen: "jeder hat Dreck am Stecken, also “Schwamm drüber”"?!
pers. Meinung, Ansicht
Ein Gent der als Vorzeige Model Deutschland in der Welt präsentiert sollte in keinerlei Weise bestechlich sein. Zugegeben wir Menschen sind auch nur Tiere die es in erster Linie erlernt haben erstmal an sich selbst zu denken und den Eigennutz suchen. Aber eine Vorbildfunktion wie die von Herrn Wulff sollte in erster Linie humanitären, selbstlosen Zwecken dienen und sicherlich nicht der Selbstsucht (Macht und Geldgier).