Mikrofone sind das einzige, was Politiker sich gerne vorhalten lassen. Frank Elstner

Krieg dem Frieden

Endlich raus aus Afghanistan! 'Nach uns die Sintflut', das ist das Credo deutscher Außenpolitik am Hindukusch. Solange die Taliban nur auf eigenem Boden morden, können wir in Berlin immerhin wieder ruhig schlafen.

Heute, Jahre nach der von vielen als Sieg des deutschen Pazifismus empfundenen Kapitulation, kann kaum einer mehr so recht sagen, wann der Krieg in Afghanistan verloren ging. Bloß nicht mehr daran denken, ist allenthalben zu hören. Schlimm genug, dass die Veteranen des Bundeswehreinsatzes, diese seelisch und körperlich Versehrten, immer noch ihre ollen Kamellen zum Besten geben müssen. Aber der eine oder andere wird sich zumindest schemenhaft daran erinnern, als den Taliban erstmals als „Teil der afghanischen Gesellschaft“ bei einer großen Konferenz der Friedens-Hof gemacht wurde.

In Bonn war das, Ende 2011. Es hatte mit etwas verschämten Gesprächen zwischen amerikanischen Militärs und ach so gemäßigten Vertretern der Radikal-Islamisten begonnen. Kaum jemand nahm Notiz davon. Dann der öffentliche Kniefall vor den Taliban. Vernünftig nannte man die Verhandlungen mit ihnen, schließlich müsse am Hindukusch endlich Ruhe einkehren.

Bloß raus aus Afghanistan!

Konkret bedeutete das: Bloß raus hier! Lasst unsere Soldaten nicht länger dort verrecken, es gibt eh keinen Blumentopf zu gewinnen. Und eine für Mädchen frei zugängliche Schule mehr oder weniger bringt den Menschen ohnehin keine wirkliche Freiheit. Von Demokratie ganz zu schweigen. Damit können diese archaischen Stämme sowieso nichts anfangen. Der Westen jedenfalls hat seine Pflicht und Schuldigkeit zehn schier endlose Jahre lang getan. Nach uns die religiös verbrämte Macht-Sintflut der Taliban. Hauptsache, wir Deutschen machen uns nicht die Hände schmutzig. In Libyen hat das ja auch recht gut funktioniert. Einfach raushalten, da hatte der Westerwelle schon den richtigen Riecher. Dieser verrückte Gaddafi macht doch immer noch die Gegend unsicher. Na, ohne uns.

Dafür ging das mit den Taliban zum Glück ganz schnell über die diplomatische Bühne. Schon Anfang 2012 war ein Abkommen unter Dach und Fach. Fast alle US-Soldaten und ihre alliierten Kameraden verließen im Laufe des Jahres das unwirtliche Land – um einiges schneller, als sie gekommen waren. Bereits Ende 2011 hatten sich einige Verbündete aus dem Wüstenstaub gemacht. Der Druck der Öffentlichkeit auf die Regierungen war einfach zu groß geworden. Wer riskiert schon wegen eines derart beschissenen Krieges für ein paar Burka-Trägerinnen und deren Kinder seine Wiederwahl? Und haben wir diesen Osama bin Laden nicht zur Strecke gebracht? Eben. Auftrag erfüllt. Und die netten Taliban morden ja dankenswerterweise jetzt nur auf eigenem Boden. Wenn das kein Erfolg im Kampf gegen den Terror ist!

Die Islamisten standen nach Abzug der Truppen Kalaschnikow bei Fuß. Auf die neuerliche Machtübernahme hatten sie sich gut vorbereitet. Ein Dorf nach dem anderen fiel ihnen in die Hände. Und dann wurde das zeitweise ungehorsame, Allah verleugnende Volk wieder auf totalitären Kurs gebracht. Ein paar Steinigungen und Peitschenhiebe hier, ein paar Galgen dort. Im Handumdrehen war alles wieder beim Alten. Der Scharia sei Dank. Aber immerhin die neu gebauten Schulen blieben erhalten. Und dort wird sogar unterrichtet – Koranlehre, selbstverständlich nur für Jungen. Ein paar Menschenrechtsgruppen empörten sich pro forma, ansonsten herrschte bei den einstigen Möchtegern-Befreiern ohrenbetäubendes Schweigen.

Was auch sonst? Irgendwie peinlich das Ganze: Erst mit viel Tamtam rein und dann möglichst heimlich, still und leise wieder raus. Außer ein paar Milliarden Spesen nichts gewesen, von den Gefallenen einmal abgesehen. Und der Glaubwürdigkeit, die geopfert wurde. Aber wen schert’s? Keinen. Im Gegenteil: Einige, wie Ex-Bischöfin Margot Käßmann, inzwischen per Volksabstimmung zur Bundespräsidentin auf Lebenszeit gewählt, sahen sich bestätigt. „Nichts ist gut in Afghanistan“, hatte sie einst als selbst ernannte Expertin analysiert und gefordert, lieber mit den Taliban zu beten, als sie zu bombardieren. Ihr Wunsch ist zumindest teilweise in Erfüllung gegangen. Gemeinsamen Bibelstunden hatten die muslimischen Fundamentalisten allerdings eine klare Absage erteilt. Ebenso wie dem Wunsch eines gewissen Jürgen Todenhöfers, seines Zeichens telegener Afghanen-Versteher, Minister in Kabul zu werden. Mit Pazifismus, Nächstenliebe und Ungläubigen hätten sie es halt nicht so, ließen die Taliban erklären. Sorry.

Ach Gott, ist das lange her, als wir Deutschen den Taliban Afghanistan ausgeliefert und das Pflänzchen Freiheit begraben haben. Friede sei mit ihm.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Stephan – 26.12.2011 - 09:41

    Tja, woher kommt nur diese mangelnde Empathie der Deutschen für das afghanische Volk?
    Meine Meinung: Wen noch nicht einmal der eigene Nachbar interessiert, warum sollte er dann Anteil nehmen am Schicksal eines 4000km entfernten Menschen?

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