Auch die besessensten Vegetarier beißen nicht gern ins Gras. Joachim Ringelnatz

Beirut brennt

Der Bürgerkrieg in Syrien ist im Libanon angekommen. Dem Land droht ein Stellvertreterkrieg. Assad und Erdogan bringen sich bereits in Stellung.

Man braucht wahrlich kein Prophet zu sein, um eines vorauszusagen: Dem Libanon stehen aller Wahrscheinlichkeit nach schwere Zeiten bevor. Zeiten der Unruhe, Zeiten der Konfrontation, Zeiten der Gewalt, Zeiten des Bürgerkriegs. Schon seit Monaten gilt die Lage im Land als angespannt. Seit Freitag kann die Situation ohne Weiteres sogar als explosiv bezeichnet werden. Nach dem gewaltsamen Tod des Inlandsgeheimdienstchefs Wissam al-Hassan – er starb vergangene Woche bei einem Bombenanschlag – liegen die Nerven blank. Und es hat den Anschein, dass im Libanon jede Sekunde alles außer Kontrolle geraten könnte. Es wäre nicht nur eine Katastrophe für den ohnehin instabilen Staat, sondern für die gesamte Region. Ein politisch-militärischer Flächenbrand droht im schlimmsten Wortsinne.

Ermordung eines Assad-Gegners als Fanal

Schon seit Wochen gab es beunruhigende Anzeichen dafür, dass der Bürgerkrieg in Syrien auch den Libanon in Mitleidenschaft ziehen wird. Jetzt könnte die Ermordung des Brigadegenerals sogar zu einem Fanal werden. Denn viele Libanesen sind sich sicher, dass Damaskus dabei seine schmutzigen Finger im Spiel hatte. Schließlich war Wissam al-Hassan ein bekannter und bekennender Gegner von Syriens Staatschef Baschar al-Assad und der mit ihm verbündeten Hisbollah-Miliz.

Diese extremistische Schiitengruppe versucht seit Jahren, die alles entscheidende Kraft in Beirut und im Rest des Landes zu werden. Größtenteils ist ihr das mit Gewalt und Geschick bereits gelungen. Aber es gibt immer noch beachtliche Kräfte, die dagegenhalten. Und sie sehen sich durch den Tod des Geheimdienstchefs, der in engem Kontakt zur Freien Syrischen Armee gestanden haben soll, bestätigt: Assad will dem Libanon nur Böses, fordert Macht wie Einfluss für sich und seine Helfershelfer von der Hisbollah. Das sei zwar schon früher der Fall gewesen. Man denke nur an die Ermordung von Ex-Ministerpräsident Rafik Hariri 2005. Doch jetzt, da der Despot in Damaskus im eigenen Land unter erheblichem Druck steht, schrecke er vor nichts mehr zurück.

Keine Frage, es deutet einiges darauf hin, dass der Tod des libanesischen Geheimdienstchefs auf das mörderische Konto von Assads Handlanger geht. Doch bislang gibt es dafür keine Beweise. Und die Feinde des Generals waren zahlreich. Allerdings spielt in diesem spektakulären Fall die Täterschaft nur eine untergeordnete Rolle. Die Stimmung bei einem Teil der Libanesen ist derartig anti-syrisch, dass schon der bloße Mordverdacht ausreicht, Zorn und Hass auf den Diktator in Damaskus in blanke Gewalt umschlagen zu lassen. Die Folge: Der Libanon würde wieder in einem blutigen Bürgerkrieg versinken. Das kann im Nahen Osten nun wirklich kein vernünftiger Mensch ernsthaft wollen.

Denn von der Aufbruchstimmung des Arabischen Frühlings ist nicht viel geblieben. Wo anfangs die Euphorie geradezu mit Händen greifbar war, ist nun große Ernüchterung eingekehrt. Tunesien, Libyen, Ägypten – die Hoffnung auf Freiheit und Demokratie hat sich nur allzu selten erfüllt.

Schlimmer noch: Der nun schon anderthalb Jahre währende Bürgerkrieg in Syrien – der nicht zuletzt ein grundlegender religiöser Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten ist – birgt die große Gefahr in sich, dass die ganze Region in Chaos, Anarchie und Gewalt versinkt. Und dass die Möchtegern-Großmacht Türkei mittlerweile in dieser Auseinandersetzung kräftig mitmischt, muss den Westen, insbesondere die mit Ankara verbündete NATO, zusätzlich beunruhigen.

Schuld ist auch der Westen

Denn Premier Recep Tayyip Erdogan sieht die Chance gekommen, seinem großen Traum wieder ein Stück näherzukommen: eine Türkei so stark, so geachtet, so gefürchtet wie einst das Osmanische Reich. Aber wenn zwei Alpha-Männchen wie Assad und Erdogan aufeinandertreffen, stehen die Zeichen auf Sturm – Kriegssturm. Und in Krisenstaaten wie dem Libanon könnte der Kampf stellvertretend ausgefochten werden.

Eine erschreckende Vorstellung. Aber eine, die womöglich schon bald bittere Realität sein könnte. Schuld daran ist auch der Westen. Viel zu lange ließ er Assad gewähren. Schritt nicht ein, als er auf sein Volk schießen ließ. Wagte es nicht, gegen den Willen Russlands und Chinas etwas zu unternehmen. Für eine wie auch immer geartete Intervention ist es inzwischen längst zu spät.
Syrien wird auf absehbare Zeit ein Unruheherd bleiben. Denn selbst, wenn der Despot gestürzt werden sollte, wird der Staat wohl vollständig auseinanderbrechen. Um abzuschätzen, was daraus folgt, braucht es keine prophetische Gabe. Da reicht gesunder Menschenverstand.

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