Geld regiert die Welt, da kann man nix machen - Daran glaube ich nicht. Franz Müntefering

Vorwärts nimmer, rückwärts immer

Die Linke ergeht sich in nostalgischer Kommunismusverehrung. Nur wenige innerhalb der Partei scheinen den Umschwung zur freiheitlichen Demokratie verinnerlicht zu haben. Doch kein Grund zur Sorge: Der Wähler wird der Linken die Quittung ausstellen. Ewig gestrig kann nur untergehen.

Totgehoffte leben länger. Das gilt offenbar nicht zuletzt für Ideen, die es aus sich selbst heraus vermögen, ganze Generationen zu bewegen. Der Kommunismus ist dafür ein gutes Beispiel. Denn eigentlich sollte bekannt sein, dass diese Gleichheitsutopie schon seit geraumer Zeit wegen erwiesenen Missbrauchs abgewirtschaftet hat. Doch offenbar hat sich das noch nicht bei allen herumgesprochen. “Wo, bitte, geht’s zum Kommunismus?”, lautet der mit Nostalgie getränkte Titel einer Diskussionsrunde, die am Samstag in Berlin über die Bühne der Urania gehen wird. Mit von der Partie: die Vorsitzende der DKP (gibt’s die überhaupt noch?), eine ehemalige RAF-Terroristin und – Gesine Lötzsch, ihres Zeichens Mit-Chefin der Linkspartei. Was für ein Podium! Und dann noch der Untertitel: “Linker Reformismus oder revolutionäre Strategie – Wege aus dem Kapitalismus”. Da schlägt das marxistische Herz höher.

Klassenlose Utopie

Offenbar auch das von Frau Lötzsch. Sie hat in der Jungen Welt, einer politisch am äußersten linken Rand beheimateten Zeitung, schon mal kundgetan, wie man das Ziel der Klassenlosigkeit erreicht. Und das Ganze könnte – frei nach Erich Honecker – unter dem Motto stehen: vorwärts nimmer, rückwärts immer. “Die Wege zum Kommunismus können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung.” Und: “Egal, welcher Pfad zum Kommunismus führt, alle sind sich einig, dass es ein sehr langer und steiniger sein wird.” Das heißt wohl nichts anderes, als dass uns am Ende der Geschichte der alles überstrahlende Systemwechsel erwartet. Dass es dazu kommen wird, daran sollte kein Zweifel bestehen. Denn die Partei hat bekanntermaßen immer recht. Lenin, Lenin über alles. Und die Millionen Opfer? Die zahllosen Verbrechen im Namen der Ideologie? Von denen hat die Autorin offenbar noch nie etwas gehört. Oder sie sind dem Vergessen und Verdrängen anheimgefallen.

Freiheit statt Gleichmacherei

Nun könnte man Gesine Lötzschs rückwärtsgewandte Antwort auf die Frage “Wo, bitte, geht’s zum Kommunismus?” mit Fug und Recht als sektiererische Phrasendrescherei abtun. Doch das wäre übereilt. Ihre Worte sind Labsal für die in den vergangenen Jahren arg geschundenen linken Seelen. Und von denen gibt es in Lötzschs Partei noch eine ganze Menge. Viele Mitglieder trauern den guten alten Zeiten nach, als man sich getrost dem Irrglauben hingeben konnte, den Sozialismus in seinem Lauf hielte keiner auf. Die Sehnsucht stirbt eben zuletzt. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass im offiziellen Sprachgebrauch der belastete Begriff “Kommunismus” durch “demokratischer Sozialismus” ersetzt wurde. Das Problem ist allerdings: Nur wenige in der Partei scheinen diesen Schwenk in Richtung Grundgesetz und freiheitlicher Gesellschaftsordnung innerlich nachvollzogen zu haben. Und das gilt nicht nur für die Sympathisanten der Kommunistischen Plattform.

Muss nun die Linkspartei ob solcher Gesinnung flächendeckend vom Verfassungsschutz überwacht werden, weil, wer solches äußert, die freiheitlich-demokratische Grundordnung infrage stellt oder sie gar verlässt? Gemach, gemach. Zum einen gibt es auch in der Linkspartei durchaus vernünftige Kräfte. Und mit Sicherheit wird das Lötzsch-Papier einige heftige Debatten über Politikfähigkeit im 21. Jahrhundert auslösen. Zum anderen ist da ja noch der Wähler. Er entscheidet mit seiner Stimme, ob am Ende der Geschichte wirklich der Kommunismus stehen soll. Unterschätze ihn keiner. Es handelt sich um ein vernunftbegabtes Wesen.

Leserbriefe

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    F. Scheffler – 07.01.2011 - 11:05

    Den Sarkasmus des Artikels kann ich nur als angemessen begrüssen. Ich selbst stehe der ewig gestrigen Gesinnung mehr als skeptisch gegenüber, kann aber zuweilen darüber sehr schmunzeln. Von linken Utopien ganz zu schweigen. Der Gedanke an einen wie auch immer gearteten demokratischen Sozialismus bereitet mir jedoch große Bauchschmerzen und ich werde den Tag feiern, an dem Frau Lötzsch und Herr Gysi nicht mehr wie die Rattenfänger mit falschen Ideologien durch die Strassen ziehen und mit hohlen Phrasen Lärm schlagen. Ohnehin fehlt es ihnen in meinen Augen an Glaubhaftigkeit. Aber, einen Einsatz des Verfassungsschutzes bezüglich der Parteiaktivität der Linken halte ich für genauso ungebracht wie bei der CSU oder den Grünen. Nicht das Parteiziel ist mit der Verfassung in Einklang zu bringen, sondern die Methoden. Auch das Bestreben eines Systemwechsels bis hin zur vollständigen Auflösung der BRD wäre aus demokratischer Sicht legitim. Wenn es der Linken gelänge dafür in der Bevölkerung wählbare Mehrheiten zu finden, so wäre daran nichts falsch. Nur müssen dabei die aktuell geltenden Spielregeln Beachtung finden. Somit hätten auch die Alternativen die Chance Gehör zu finden. Demokratie heißt, dass die Mehrheit bestimmt. Nicht dass sie Recht hat oder immer das Vernünftige will. Ob linke oder rechte Radikale, wir dürfen sie nicht verteufeln oder verlachen. Was es bedarf sind Wissen und aufgeklärte Argumentation.

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    F. Neumann – 07.01.2011 - 11:51

    Mal ganz unabhängig von der Systemdebatte an sich: Wieso wird eigentlich Kommunismus — ein theoretischer Begriff, ein Idealbild einer Gesellschaft — immer mit seinen Umsetzungen in der Vergangenheit gleichgesetzt? Wieso hört jeder, sobald er Kommunismus hört, auch Totalitarismus, Zentralismus, Verbrechen? Dass es all diese Schrecken gab, darüber brauchen wir sicherlich nicht zu reden, aber weiß man nicht schon seit langem: “Abusus non tollit usum”, Missbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf?

    Themen, Debatten und Diskussionen zu unterdrücken, abzuwürgen, zu missachten, das hat noch nie geholfen und wird es auch nicht. Und doch: kaum will jemand die Systemdebatte wieder anstoßen — was letztlich unvermeidlich sein wird, denn offen zu debattieren bringt zuweilen noch die besten Ergebnisse — schon schreit alles auf, ist entsetzt, und schon fliegt die Polemik. Wieso diese Oberflächlichkeit; wieso nicht tiefgründige, inhaltliche Auseinandersetzung?

    Schönen Gruß!

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    Christian Rogler – 07.01.2011 - 12:01

    Ich glaube nicht, dass diese Dinge der “Linken” wesentlich schaden werden. Zu sehr ist marxistisches Gedankengut in weiten Teilen der Bevölkerung und der Medien in den letzten Jahrzehnten hoffähig bzw. fast selbstverständlich geworden (Blogs wie der “People’s Cube” oder “Bluthilde” beschreiben das mit den Mitteln bissiger Satire).

    Der ökonomische Marxismus und seine Erscheinungsformen “Neidgesellschaft”, “Umverteilungspolitik” und “Antikapitalismus” erhält der SED-Nachfolgepartei ebenso ein Wählerpotenzial wie die “DDR”-Nostalgie, die einen gewissen Prozentsatz der Menschen in den neuen Bundesländern immer noch anspricht. Zum Ost- und Hartz-IV-Publikum kommen auch noch Wählerschichten – nicht selten mit Migrationshintergrund aus einem bestimmten Kulturkreis -, die der “Linken” gerne für ihren Antiamerikanismus und Antisemitismus danken möchten.

    Für den kulturellen Marxismus, der eher eine Angelegenheit wohlhabender Eliten meist mit Westsozialisation ist, gibt es zusätzlich noch die “Grünen”, die im Unterschied zu Frau Loetzsch nicht so offen sagen, dass sie eine andere Gesellschaftsordnung wollen, obwohl jeder, der 2 und 2 addieren kann, eigentlich merken sollte, dass eine Gesellschaft fremdgesteuerter, bis in alle Poren politisch korrekter Gendermenschen, deren Hauptsorge ihr persönlicher CO2-Abdruck ist, nicht mit den Mitteln des Grundgesetzes zu erreichen sein wird.

    Dass vor diesem Hintergrund mehr passieren wird als dass 1 oder 2%, die bislang zur “Linken” tendiert hatten, nunmehr stattdessen die “Grünen” wählen, weil das eben als “hipper” erscheint, ist leider nicht zu erwarten.

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    Rolf Kohl – 09.01.2011 - 10:42

    Die Rückwärtsentwicklung bzw der Sozialabbau im sozialen Bereich, die Privatisierung von Gewinne, die Sozialisierung der Verluste im Wirtschafts und Finanzsektor, und vor allen Dingen die mit Sicherheit kommende Altersarmut für den grössten Teil der Bevölkerung durch die Christlich, Sozialen, Liberalen Parteien werden den Linken in den nächsten Jahren alle Türen öffnen. Was ist die Neidgesellschaft? Eine Erfindung der Liberalen. Man unterstellt denen, die alles erwirtschaften für immer weniger Lohn, Gesundheits und Altersversorgung einen Neid gegenüber denen die ihnen alles nehmen. Gerade die Liberalen bringen da immer wieder den Begriff von unproduktiver, bildungsferner Arbeit. Würden diese Gruppe mal zun Generalstreik blasen, Müllwerker, die Kassiererin, Verkäuferin, der Fliesbandarbeiter, die Alten und Krankenpfleger, Bauhelfer und und und. In 2 Wochen würde Deutschland stillstehen.Bei Sarrazins nationalsozialistischen Thesen kam von unseren Eliten die Beschwichtigung ,, Man würd ja mal sagen dürfen". Bei Lötzschs Gedanken ( und mehr war es nicht ) über einen demokratischen Sozialismus bricht bei unserer Schmarotzerelite die Panik aus. Sehen sie schon bei dem Gedanken ein Ende ihrer Ausbeuterkultur und gesetzlich verankerten Standes. Das dieser Raubtierkapitalismis so nicht weitergehen kann ohne soziale Unruhen hervor zu rufen darf man nicht ignorieren. Nur, andere in den Dreck ziehen bringt aber nun mal keine Lösung.

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