Die Berühmtheit mancher Zeitgenossen hängt mit der Blödheit der Bewunderer zusammen. Heiner Geißler

Der Eiserne

Wolfgang Schäuble hat trotz einiger Rückschläge viel in der Politik erreicht, sie geprägt. Heute wird der Finanzminister 70 Jahre alt – eine Würdigung.

Eine Geste, mehr nicht. Eine überfällige zumal. Doch ernsthaft hatte wohl niemand damit gerechnet, dass Helmut Kohl der Einladung folgen würde. Und so wird der Altkanzler nicht unter den vielen Gästen sein, die in einigen Tagen zu Ehren Wolfgang Schäubles im Deutschen Theater zusammenkommen, um dessen 70. Geburtstag zu feiern. Das Verhältnis zwischen den beiden Großen der CDU bleibt irreparabel beschädigt.

Vielleicht ist es da nur konsequent, wenn man sich aus dem Weg geht. Denn Schäuble und Kohl waren zwar jahrelang enge Weggefährten, vielleicht sogar so etwas wie politisch Vertraute. Aber mit Sicherheit keine Freunde. Die Parteispendenaffäre hat sie dann endgültig entzweit. „Wir haben unsere Beziehung beendet“, hat Schäuble vor Kurzem nochmals betont.

Pflichtmensch im besten Sinne

Das klingt nüchtern, abgeklärt, konsequent, unsentimental, diszipliniert, eisern, ja ein wenig starrköpfig. Und es klingt nach Wolfgang Schäuble, der heute seinen 70. Geburtstag feiert. Ein guter Anlass, einen Pflichtmenschen im besten Sinne des Wortes zu würdigen. Einen, der ein Leben für die Politik führt. Einen, der Kompetenz verkörpert. Einen, den ein scharfer Verstand auszeichnet. Und einen, dem trotz aller Machtfülle höchste Ehren bislang versagt blieben. Zu Unrecht. Denn wer wollte es leugnen, dass der am 18. September 1942 in Freiburg geborene Jurist auch Kanzler oder Bundespräsident könnte? Selbst die Opposition würde die Befähigung des Finanzministers wohl nicht ernsthaft in Zweifel ziehen. Für den Wahlbürger gilt vermutlich das Gleiche.

Denn Schäuble wird geschätzt als unermüdlicher, fleißiger Arbeiter, der – wie es scheint – alles der ihm gestellten Aufgabe unterordnet. Mit anderen Worten: Der Mann nimmt seinen Job ernst. So ernst, dass die Gesundheit hin und wieder darunter leidet. Doch Aufgeben, das kommt einem Wolfgang Schäuble wohl kaum in den Sinn. Er sieht sich in der Pflicht. Und das heißt, ein Amt ernst zu nehmen und mit aller zur Verfügung stehenden Kraft auszufüllen.

„Ich bin nicht bequem, nicht pflegeleicht, ich bin loyal“, hat der kantige, hin und wieder auch grantige Politik-Berserker einmal über sich gesagt. Ein Satz, der ihn und sein Selbstverständnis wohl ziemlich treffend beschreibt. Er hätte auch formulieren können: Ich bin zuverlässig, hartnäckig, zielstrebig und ehrgeizig. Tugenden, die im oberflächlichen Einerlei des Politikgeschäfts allzu selten geworden sind. Auch das hebt Schäuble aus der Masse der Berliner Republik heraus.

Was hat der Vater von vier Kindern nicht schon alles in seiner nunmehr 40 Jahre währenden Karriere gemacht. Seit 1972 ununterbrochen Mitglied des Bundestags, Vorsitzender des Sportausschusses, parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, Minister für besondere Aufgaben im Kanzleramt, zwei Mal Bundesinnenminister, CDU-Vorsitzender und nun Schatzmeister der Nation. Oft ging es für Schäuble nach oben. Aber es gab auch herbe Niederlagen. Zum Beispiel im Jahr 2000 sein Rücktritt vom Partei- und Fraktionsvorsitz infolge der Parteispendenaffäre. Oder 2004, als er geradewegs auf dem Weg ins Schloss Bellevue war und Angela Merkel dann doch einen anderen für das Amt des Bundespräsidenten vorzog. Auch der Job als EU-Kommissar blieb ihm versagt. Und nicht zu vergessen das Pistolenattentat 1990, das ihn fortan in den Rollstuhl zwang.

Manager der deutschen Einheit

Doch von diesen Rückschlägen hat Schäuble sich nicht unterkriegen, geschweige denn entmutigen lassen. Vielmehr hat er sich durchgebissen, bewies einen langen Atem. Hinzu kommt: Schäubles Sachverstand und Cleverness, sein taktisches Geschick und seine Erfahrung wurden und werden ja gebraucht. Nicht nur in der CDU, sondern auch für anspruchsvolle Posten auf Regierungsebene. Schäuble war der Manager der deutschen Einheit, hat später als Innenminister die Islamkonferenz ins Leben gerufen. Und, und, und. Kein Zweifel, der Mann hat sich um die Republik verdient gemacht.

Das tut er auch gegenwärtig. Als Finanzminister – eine „ehrenvolle Zumutung“ – ist Schäuble in Zeiten der Euro-, Schulden- und Sinnkrise so etwas wie ein Krisenmanager: Schulden abbauen, möglichst keine neuen machen, den Haushalt konsolidieren. Auf nationaler Ebene wäre dies schon Herausforderung genug. Aber schon vor Jahren ist die europäische Ebene dazugekommen. Milliardenschwere Rettungsschirme, Währungsturbulenzen und Pleite-Griechen – das kostet Kraft.

Woher Schäuble die nimmt? Vermutlich muss man ihn sich als Überzeugungstäter vorstellen. Er glaubt einfach an das, was er tut. Denn eines ist der CDU-Politiker mit Sicherheit von Herzen: ein engagierter Anhänger Europas. Wie kaum ein anderer sieht er Deutschlands Wohl und Wehe aufs Engste mit dem Schicksal des Kontinents verbunden. Das Credo des Mannes aus Baden ist dabei recht einfach. Es braucht heutzutage nicht weniger, sondern mehr Europa. Nur so sei die Krise in den Griff zu bekommen.

Populär mag diese These derzeit nicht gerade sein. Aber das ficht einen wie Wolfgang Schäuble nicht an. Wie auch? Schließlich hat er selbst einmal den klugen Satz gesagt: „Die Freiheit lebt davon, dass die Vorbilder sich vorbildlich verhalten.“ Wohl dem, der danach handelt. Schäuble scheint einer von ihnen zu sein. Allzu viele sind es nicht.

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