Wir müssen sprechen, widersprechen, besser sprechen. Wolfgang Schäuble

Die Gabriel-Sommerspiele

Eigentlich ist der SPD-Chef in der Babypause. Die wirkt aber immer mehr wie eine plumpe PR-Veranstaltung.

An ihm kommt derzeit keiner vorbei. Fernsehen, Radio, Zeitung, Twitter oder Facebook – Sigmar Gabriel ist allgegenwärtig. Da wird geredet und gesendet, was die Medien hergeben. Das Thema? Egal! Hauptsache, er kann aller Welt seine Sicht der politischen Dinge kundtun. Und das möglichst lautstark. Peng, Puff, Knall.

Erst jüngst hat der Obergenosse es mal wieder richtig krachen lassen. Die Schweizer Banken würden „bandenmäßig“ Steuerhinterziehung betreiben. Das sei im Prinzip nichts anderes als organisierte Kriminalität. Ein paar Tage zuvor waren die Reichen dran. Die müssten in Form höherer Steuern endlich zur Kasse gebeten werden. Schließlich mangele es den Vermögenden dieses Landes an „sozialem Patriotismus“.

Sigmar, der Alleinunterhalter

Ebenfalls auf dem Programm der diesjährigen Gabriel-Sommerspiele: der Euro, die gemeinsame Haftung für Schulden auf EU-Ebene und eine Volksabstimmung über Europas Zukunft. Bitte Applaus für Sigmar Gabriel, den Alleinunterhalter, den wahren und einzigen Alleswisser. Und Alleskönner muss man wohl gerechterweise hinzufügen. Denn der Wortführer der deutschen Sozialdemokratie hat dem politischen Berlin eigentlich den breiten Rücken gekehrt.

Offiziellen Angaben zufolge macht der 52-Jährige derzeit eine Babypause. Drei Monate lang, von Juli bis September, kümmere er sich „im Wesentlichen“ um das im Frühjahr geborene Töchterchen Marie. Und das in Magdeburg, wo seine Frau als Zahnärztin arbeitet. Also täglich füttern, Windeln wechseln und den Buggy durch die Gegend schieben statt Pressekonferenzen einberufen, Reden halten und über die Kanzlerin schimpfen.

Unsereins würde das ein zumindest politikfernes Leben nennen. Schließlich soll Elternzeit eine Auszeit vom täglichen Geschäft sein. Doch Sigmar Gabriel sieht das offenbar anders. Er hat das Kinderzimmer in einer Altbauwohnung vorübergehend zur SPD-Zentrale erklärt. Von dort leitet der Vorsitzende im schwarzen Polohemd Kaffee trinkend die mühevolle Oppositionsarbeit.

Und das bedeutet nun mal, pausenlos auf Sendung zu sein, um sich Gehör zu verschaffen. Natürlich darf Marie dabei nicht zu kurz kommen. Doch für einen echten Sozialdemokraten stellt diese Herausforderung kein ernsthaftes Problem dar. Offenbar ist der Mann das, was andere Männer gerne wären: multitaskingfähig.

Nun mag man es bewundern, wenn einer in Fernsehkameras schauen und gleichzeitig sicher mit dem Schnuller hantieren kann. Man darf aber gleichwohl beklagen, dass sich gerade Politiker-Größen wie Sigmar Gabriel für unentbehrlich, unabkömmlich und unersetzlich halten. Sie können anscheinend einfach nicht loslassen, müssen immer mittendrin sein statt endlich mal nur daheim. Dabei hatte der SPD-Chef zu Beginn seiner Elternzeit (die inzwischen wohlweislich in einen Jahresurlaub umdeklariert wurde) noch vollmundig erklärt, er finde die Pause „einfach klasse“, genieße es, morgens aufzuwachen und keinen Termin vor sich zu haben, den Tag im „ruhigen Takt meiner Tochter zu erleben“.

Schöne Worte. Allein, wer kann ihnen Glauben schenken, wenn Vater Sigmar Schlagzeile um Schlagzeile produziert? Gabriel würde wohl antworten: Niemand, der kleine Kinder hat, sitzt still vor dem Babybett und denkt an nichts anderes als ans nächste Windelwechseln. Das stimmt zwar. Dennoch ist eine derartige Omnipräsenz kein gesellschaftliches Ruhmesblatt für den Chef einer Partei, die gerne als Vertreterin einer modernen Familienpolitik wahrgenommen werden möchte. Denn dazu gehört eben auch, dass ein männlicher Spitzengenosse das „Leitbild einer partnerschaftlichen Familie“ öffentlich wirksam vorleben sollte. Gabriels Babypause wirkt dagegen wie ein plumpes PR-Manöver, eine leicht durchschaubare Showveranstaltung, die sich beim Wähler um eine gute Einschaltquote bemüht. Dies allerdings ziemlich erfolglos.

Aber womöglich muss man Gabriel ein wenig in Schutz nehmen. Politikbetrieb und Mediengesellschaft lassen heutzutage keine echten Erholungspausen mehr zu. Das gilt selbst für die vermeintlich ruhigen Sommermonate. Das Hauen und Stechen geht ohne Unterlass weiter. Ebenso wie der hitzige, überhitzte Kampf um Posten und Einfluss.

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles weiß davon ein bestürzendes Lied zu singen. Nur zwei Monate zog sie sich nach der Geburt ihres Kindes aus dem Tagesgeschäft zurück. Mehr sei nicht möglich gewesen. Denn im Falle einer längeren Auszeit hätte sie um ihren Job fürchten müssen. Arme Andrea Nahles, arme Politik, armes Deutschland.

Hauptsache, niemand kommt an ihm vorbei

Ob Sigmar Gabriel ebenfalls um seinen Job bangt, wenn er einige Zeit den Betrieb einfach mal Betrieb sein lässt? So weit wird es bei ihm vermutlich nicht kommen. Aber vielleicht will er ja mehr – zum Beispiel die Kanzlerkandidatur – und wirft sich deshalb trotz „Babypause“ derart offensiv ins Zeug.

Die K-Frage steht im Herbst zur Entscheidung an. Da kann es schon hilfreich sein, rechtzeitig das Terrain abzustecken. Den Herren Steinbrück und Steinmeier deutlich zu machen, dass der ehrgeizige Parteivorsitzende gedenkt, ein gewichtiges Wort mitzureden. Schließlich bringen die Konkurrenten bereits ihre Gefolgsleute in Stellung. In einer für die eigene Karriere derart brenzligen Situation gibt es folglich kein Vertun. Also wird geredet und gesendet. Hauptsache, niemand kommt an Gabriel vorbei. Schnuller hin, Sabberlatz her.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christian Böhme: Ein Souvenir

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