Mit unseren europäischen politischen Eliten ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Thomas Deichmann

Im Kopf rollt nur der Rubel

So richtig will keine Stimmung aufkommen bei dieser EM. Die Euro- und Staatsschuldenkrise ist auch in den Stadien allgegenwärtig.

Das Runde muss ins Eckige. Das klingt zwar bestechend einfach. Aber in der realen Welt, also auf dem Platz, lässt sich diese immergültige Weisheit nicht ohne Weiteres in die Tat umsetzen. Denn dort trifft die schöne Theorie auf starke, unangenehme Gegner: die menschliche Unzulänglichkeit, taktische Fehlleistungen und den unergründbaren Willen des Fußballgottes, den einige Zufall oder Glück nennen. Wir erleben das derzeit in Polen und der Ukraine. Denn so richtig oft will das Runde nicht im Eckigen landen. Irgendwie wirkt das Ganze mühsam. Und daran ist die große Politik schuld. Sie hat sich des Sports bemächtigt. Nicht absichtlich, aber gleichwohl sehr wirksam. Als Spaßbremse.

Rückkehr des Sicherheitsfußballs

Setzten bei der WM in Südafrika noch viele Mannschaften auf Offensive und huldigten oft unbeschwert dem Angriffsfußball, so erleben wir jetzt bei der EM (von einigen rühmlichen Ausnahmen einmal abgesehen) die Rückkehr des teilweise übervorsichtigen Sicherheitsfußballs: den Ball in den eigenen Reihen halten, bloß keinen Fehler machen, der ja schlimme Folgen haben könnte. Auf dem Rasen wirken die Akteure ähnlich mutlos und gehemmt wie ihre Kollegen in der Politik. Als hätte sich Europas Krise, Europas Unsicherheit, Europas Selbstzweifel der Köpfe und Beine der Kicker bemächtigt.

Ach, so ein Blödsinn, werden Sie jetzt womöglich einwenden. Was sollen denn die Schwäche der gemeinsamen Währung, die unvorstellbar hohen Schuldenberge oder das kritische Nachdenken über die Sinnhaftigkeit der EU mit dem Geschehen in den Stadien zu tun haben? Unmittelbar wenig, mittelbar jedoch eine ganze Menge.

Denn diese Europameisterschaft ist politisch extrem aufgeladen. Und das schlägt in diesen unsicheren, verunsichernden Zeiten ziemlich aufs Gemüt. Es will einfach keine Begeisterung aufkommen, das Vergnügen hält sich 2012 in bescheidenen Grenzen, von Euphorie ganz zu schweigen. Das Heitere, das Unbeschwerte – es ist uns offenbar in den vergangenen Krisenjahren abhandengekommen. Wir denken bei den Spielen weniger an das kleine Einmaleins des Fußballs, sondern rechnen vielmehr mit den großen Unbekannten in der Politik, deklinieren ihre Ungewissheiten und Unannehmlichkeiten durch.

Zum Beispiel beim Spiel der Griechen gegen die Deutschen. Was wurde da nicht alles in dieses Viertelfinal-Match hineininterpretiert! Sollte man die Hellenen vielleicht lieber gewinnen lassen, damit sie endlich mal ein Erfolgserlebnis haben? Kann es sich Deutschland als viel geschmähter Buhmann des Kontinents überhaupt leisten, den armen Südeuropäern eine weitere bittere Niederlage beizufügen? Athen wird doch ohnehin schon von Berlin gegängelt. Wäre es da nicht ein Gebot politischer Vernunft, die Griechen ins Halbfinale einziehen zu lassen? Solche Fragen wurden in den vergangenen Tagen allen Ernstes diskutiert. Hätte man das auch getan, wenn über der schwindsüchtigen Euro-Zone die Wirtschafts-Sonne strahlen würde? Wohl kaum.

Sogar der Titelkampf wird mittlerweile zu einer Entscheidung über Wohl und Wehe der Europäischen Union hochstilisiert. Favorit Spanien liegt nämlich ökonomisch am Boden. Die stolzen Iberer müssen unter gigantischen Rettungsschirmen kleinlaut Schutz suchen. Zudem wird das Land von einer Jugendarbeitslosigkeit heimgesucht, die alle Zukunft düster erscheinen lässt. Da könnte ein Sieg im Endspiel den Menschen doch viel Auftrieb geben. Geistig und moralisch gestärkt fiele es ihnen vermutlich leichter, die zahlreichen Entbehrungen zu ertragen, oder? Wenn’s denn so einfach wäre.

Politische Erfolge sind rar

Das Runde ins Eckige zu befördern will gerade im großen politischen Maßstab derzeit nur selten gelingen. Die Erfolge sind rar gesät und fast immer hart erkämpft. Die jeweiligen Nationalmannschaften stehen einfach hinten drin und tun so, als ob sie das gesamteuropäische Spielgeschehen wenig angehen würde. Das gilt nicht nur für den bemitleidenswerten Zustand der EU, sondern gleichermaßen für die beklagenswerten Zustände in der Ukraine. Auch sie trüben die EM-Stimmung.

Als das Turnier an den östlichen Rand Europas vergeben wurde, war dies als Geste des guten Willens gedacht. Die Ukraine sollte nach der „Orangenen Revolution“ näher an den alten Kontinent heranrücken, der Demokratie ein wenig Schwung verpasst werden. Der Fußball hätte sich, so die naheliegende Vermutung, dabei als hilfreich erweisen können. Ein kleiner Teil der Welt zu Gast bei neuen Freunden. Daraus ist bekanntermaßen nichts geworden.

Vielmehr hat sich das Land unter seinem Präsidenten Janukowitsch zu einem autoritären Regime entwickelt, das die Opposition unterdrückt und deren Ikonen – allen voran Julia Timoschenko – ins Gefängnis steckt. Zu Recht wurde deshalb bereits vor Beginn der EM über das Für und Wider eines Boykotts debattiert. Das hat selbst politikfernen Fans deutlich gemacht, wie schlecht es in dem Staat derzeit um die Menschenrechte bestellt ist. Immerhin.

Klar war damit allerdings auch: Kaum ein Zuschauer konnte die Spiele etwa der ukrainischen Mannschaft unbefangen am Fernseher genießen. Sofort schoss es dem aufgeklärten Fußballanhänger durch den Kopf, dass jeder seiner Jubelrufe im Verdacht stand, von der Herrscherclique propagandistisch ausgenutzt zu werden. Unter derart widrigen Bedingungen kann schwerlich Frohsinn aufkommen. Es sei denn, man schlägt sich auf die Seite der notorischen Realitätsverweigerer.

In vier Jahren hoffentlich ohne Krise

Noch ein paar Tage, dann gehört die Europameisterschaft 2012 der Vergangenheit an. Bis dahin wird das Runde noch ein paar Mal seinen Weg ins Eckige finden. Und zum Schluss holen Jogis Jungs den Titel. Ein Grund zur Freude, sicherlich. Aber eine Freude, die getrübt sein wird – von der Macht allgegenwärtiger Politik. Zum Trost: In vier Jahren gibt’s wieder eine EM. Dann hoffentlich ohne Krise.

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