Die Verfassung ist doch kein Abreißkalender. Ralf Stegner

Persona grata

Beate Klarsfeld soll es also richten: Die Nazi-Jägerin wird für die Linke als Bundespräsidentin kandidieren. Für die lange als Nestbeschmutzerin beschimpfte Klarsfeld ein Moment der Genugtuung.

Drei Wochen Aufmerksamkeit sind ihr sicher. Respektbekundungen, beifälliges Nicken und lobende Worte eingeschlossen. Eine Selbstverständlichkeit für eine Frau, die das höchste Amt anstrebt, das dieses Land zu vergeben hat. Da stört es auch wenig, dass ihre Niederlage bereits feststand, bevor sie die Linkspartei überhaupt – nach einem unwürdigen internen Hickhack – gegen Joachim Gauck ins Rennen schickte. Beate Klarsfeld weiß natürlich, dass sie als Kandidatin chancenlos ist. Doch das dürfte die energische Schnellsprecherin, die nur selten Luft zu holen braucht, kaum stören.

Welch eine Genugtuung

Klarsfeld ist es gewohnt, zu kämpfen. Zum Beispiel gegen Nazis, die deutsche Öffentlichkeit oder jüngst die Bahn. Selbst, wenn die Erfolgsaussichten noch so gering sein mögen. Also fühlt sich die 73-Jährige geehrt und geschmeichelt. Sie, die ewige Anwärterin für ein Bundesverdienstkreuz, soll sich um das Amt des Bundespräsidenten bewerben – welch eine Genugtuung. Auch deshalb wird von ihr in den kommenden Tagen und Wochen einiges zu hören sein. Manches davon könnte Gysis Genossen ziemliches Kopfzerbrechen bereiten. Dass sie sich keineswegs als „Anti-Gauck“ verstehe, dürfte einigen Linken bereits ziemlich übel aufgestoßen sein und ihnen deutlich gemacht haben: Sie haben es mit einer Unbequemen zu tun.

Klarsfeld wiederum wird schon bald erfahren, von wem sie da nominiert wurde. Von einer Partei, die sich einerseits gerne antifaschistisch gibt, andererseits aber auch Mitglieder in ihren Reihen hat, die Sympathie für einen Schlächter wie Syriens Assad oder Hamas-Terroristen bekunden. Von einer Partei, die sich über die Beobachtung durch den Verfassungsschutz aufregt, jedoch gleichzeitig Gruppierungen beherbergt, die dem deutschen Staat den Kampf angesagt haben. Von einer Partei, die laut „Solidarität“ ruft, aber in Teilen immer wieder Israels Existenz infrage stellt. Belanglosigkeiten? Wohl kaum für eine Frau wie Beate Klarsfeld, die mit einem politisch engagierten Juden verheiratet ist, ihr Leben lang Nazis gejagt hat und gerne die Deutsche Bahn daran erinnert, dass sie an der Deportation von 11.000 jüdischen Kindern aus Frankreich tatkräftig beteiligt war.

Überhaupt das „Dritte Reich“ und die Schoa, sie haben Klarsfelds Leben und Handeln bestimmt. Am 13. Februar 1939 als Beate Auguste Künzel in Berlin geboren, zieht sie gut zwanzig Jahre später nach Paris. Dort lernt die an einer Handelsschule ausgebildete junge Sekretärin ihren späteren Mann Serge kennen, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde. „Von ihm war ich aufgeklärt worden über die deutsche Vergangenheit“, sagte Klarsfeld einmal in einem Interview.

Auf Nazi-Jagd

Und Serge ist derjenige, der sie Anfang der sechziger Jahre politisiert. Gemeinsam beginnen sie, Nazis aufzuspüren und zu entlarven, die entweder untergetaucht waren oder unbehelligt ihre Pensionen genossen. Eine Lebensaufgabe. Das Ehepaar versucht, den berüchtigten SS-Mann Kurt Lischka zu entführen. Sie tragen entscheidend dazu bei, dass Klaus Barbie als ehemaliger Gestapo-Chef von Lyon vor Gericht kommt. Und die Klarsfelds spüren den Eichmann-Mitarbeiter Alois Brunner in Syrien auf. Seitdem gelten die beiden weltweit als „die Nazijäger“. Doch auf einen Schlag berühmt machte Beate Klarsfeld eine Ohrfeige. Der von ihr Getroffene war Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger.

Am 7. November 1968 besteigt eine junge Frau beim CDU-Parteitag in Berlin das Podium, ruft „Nazi, Nazi“ und schlägt dem Regierungschef ins Gesicht. Keine spontane Aktion, sondern ein lange geplanter Protest gegen den verlogenen Umgang mit der braunen Vergangenheit. „Ich habe nicht studiert, ich bin eine einfache Bürgerin. Aber eines Tages habe ich gefühlt, dass ich dies für Deutschland und um die Ehre Deutschlands zu retten, tun müsste“, erklärte Beate Klarsfeld später im Ohrfeigen-Prozess.

Dieses Deutschland zeigte sich allerdings undankbar. In der Bundesrepublik gilt sie vielen bis heute als Nestbeschmutzerin, als unerwünschte Person, als Störenfried. Und mit ihrem kompromisslosen Eintreten für das Existenzrecht Israels hat sie sich weitere Feinde gemacht. Auch unter den Linken. Einige unfreundliche E-Mails von Anhängern der Partei soll sie bereits erhalten haben. Einmütige Unterstützung für die eigene Kandidatin sieht anders aus.

Vielleicht erhält sie ja in den kommenden Wochen und dann am 18. März Zuspruch von anderer Seite. Schließlich gibt es auch in den Reihen der Sozialdemokraten und Grünen Vorbehalte gegen den künftigen „Konsens-Bundespräsidenten“ namens Gauck. Da könnte der eine oder andere womöglich seine Stimme der in Paris lebenden resoluten Dame geben. Und Beate Klarsfeld würde diese Art Aufmerksamkeit sicherlich erfreuen. Sie ist ihr lange versagt geblieben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Robert Pausch, Meike Büttner, Ludwig Ring-Eifel.

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