Selbst sehr mächtige Länder können fremde Gesellschaften nicht in den Griff bekommen. Stephen Walt

Auf geht’s, Deutschland!

Die Energiewende ist schon jetzt ein Erfolgsmodell. Irgendwann werden das auch wir Amerikaner verstehen.

Deutschland hat es innerhalb von nur zwölf Jahren geschafft, zur führenden Solarwirtschaft aufzusteigen und quasi nebenbei seine Atomkraftwerke abzuschalten. In den USA nimmt von diesem Erfolg jedoch kaum jemand Notiz.

Dabei ist das Wachstum der deutschen Solarbranche beeindruckend: Allein 2012 schuf Deutschland mehr neue Fotovoltaik-Anlagen als die USA je installiert haben. Mit dem Wachstum der erneuerbaren Energien konnte der Verbrauch von Atomstrom von 31 Prozent in 2000 auf 23 Prozent in 2011 verringert werden. Dabei blieben nicht nur die von Kritikern heraufbeschworenen Stromausfälle aus – die Versorgung läuft sogar solider als je zuvor. Deutschlands Stromnetz ist das stabilste der EU. Die USA hatten in den vergangenen Jahren teils zwölfmal so viele überlastungsbedingte Ausfälle.

Die Vorteile der Energiewende sind offensichtlich. So hat die gezielte Förderung privater ­Solaranlagen deutlich schneller als anderswo zur Verbreitung und Akzeptanz der Technik geführt. Etwa die Hälfte der Anlagen ist in Privatbesitz und die Technik beim Volk entsprechend populär. Der deutsche Markt ist gereift, und die Installationskosten für Fotovoltaik sind in Folge nur etwa halb so hoch wie in den USA.

Mit Hilfe der Solarenergie kann bereits ein Drittel des mittäglichen Strombedarfs gedeckt werden, da dann sowohl die Sonne am stärksten scheint als auch der Bedarf am höchsten ist. Dadurch werden langfristig die Spitzen in der Strompreisschwankung geglättet, und der Preis sinkt insgesamt. Ganz nebenbei gehen so auch die produzierten Emissionen zurück.

Die Amerikaner haben keinen Schimmer

Zugegeben, kurzfristig ist der Strompreis durch die erhöhte Einspeisung von erneuerbaren Energien gestiegen. Doch Studien deuten längst darauf hin, dass ein Energiemix aus 100 Prozent Erneuerbaren spätestens 2030 in der Lage wäre, Energie günstiger zu liefern als ein fossiler Mix. Der Preis für Technologien zur Erzeugung erneuerbarer Energien fällt schließlich rapide. Solaranlagen wurden in Deutschland seit 2006 um 66 Prozent günstiger – Fotovoltaik ist die ideale Technologie, um den steigenden Energiehunger der Länder in Lateinamerika, Afrika, dem Mittleren Osten, Australien, Indien und vielen anderen Teilen Asiens zu stillen. Denn während diese Technik billiger wird, ziehen die Preise für Kohle, Uran und Co. weltweit an.Erdgas ist in Europa bereits jetzt zu teuer geworden, um mit den Erneuerbaren zu konkurrieren.

Kurz gesagt: Der deutsche Erfolg ist überwältigend. Deutschland schafft den Atomausstieg, reduziert die Langzeitkosten für Strom, produziert weniger CO₂-Emissionen und das in einem demokratischen und populären Verfahren. Es grenzt an ein Wunder, dass die meisten Amerikaner davon keinen Schimmer haben – zumindest gemessen daran, was ihnen die Medien ständig erzählen.

Zuerst ein paar Fakten: Im Jahr 2012 wurden in den USA mehr Windkraftanlagen gebaut als je zuvor. Die Solarindustrie boomt, die Installationen haben sich 2011 verdoppelt und 2012 noch einmal um 40 Prozent zugelegt. Und doch: Im Frühjahr 2013 berichtet die Sendung „Fox & Friends“ des Konzerns News Corp, die Zukunft der Solarenergie sehe „düster aus, weil Investitionen in grüne Energie zu versiegen beginnen.“ In derselben Sendung wurde US-amerikanisches Erdgas gelobt und behauptet, Solarenergie funktioniere in Deutschland nur deshalb so gut, weil „sie viel mehr Sonne haben als wir.“ Richtig ist: Außer in Seattle scheint die Sonne überall in den USA häufiger als in Deutschland.

Solche Beispiele finden sich leider viele. Der „Business Insider“ behauptete Ende 2012: „Europas Nachfrage nach Solarenergie bricht ein.“ Richtig ist: Deutschland erlebte 2012 das dritte Rekordjahr in Folge. Nur im winterlichen Dezember wurden etwas weniger Solaranlagen installiert als im restlichen Jahr.

Die Lügen der Fossil-Lobby

Noch weiter ging ein Leitartikel im „Forbes“-Magazin mit dem Titel „Deutschland – verrückt oder einfach dumm?“ Der Wissenschaftsjournalist Craig Morris schreibt darüber in „Renewables International“ treffend, dass der „Forbes“-Autor fälschlicherweise glaubt, Deutschland würde von Atom- zu Kohlekraft wechseln. Weder ist das Konzept der Energiewende richtig beschrieben noch die Rolle der Atomkraft. Überdies nimmt der Autor an, dass für Deutschlands Arme und Arbeitslose fixe Energiequoten gelten (ich weiß, dass Sie wissen, dass das Quatsch ist). Und er behauptet völlig ohne Beleg, dass das deutsche Netz wegen der Energiewende überlastet wird und kurz vorm Kollaps steht – Stromausfälle und Chaos inklusive.

„Fakt ist, dass nichts von dem, was in Deutschland passiert, zu dem passt, was Amerikaner denken“ kommentierte Morris den „Forbes“-Artikel weiter. Die Deutschen schaffen, so Morris, schließlich nicht nur die Energiewende mit all ihren erwähnten Vorteilen. Sie tun dies auch noch während der weltweiten Wirtschaftskrise, die sie ebenso meistern und auch noch ihren Arbeitsmarkt stabil halten. „Nichts davon ergibt für Amerikaner Sinn. Sie reagieren darauf jedoch nicht, indem sie die Fakten akzeptieren und ihre Meinung ändern, sondern indem sie sich ein falsches Bild machen.“

Morris hat mit seiner Analyse in vielen Punkten recht. Große Teile des amerikanischen Energiejournalismus geben in Wahrheit ungefiltert die Propaganda der fossilen Energieindustrie wieder. Um dies zu begreifen, muss man nur auf die derzeit so häufigen Berichte über eine angebliche „Energieunabhängigkeit“ der USA schauen.

Ja, die USA erleben gerade einen Boom des Schiefergases. Trotzdem bleiben die Vereinigten Staaten ein Netto-Importeur von Gas. Dieser Umstand wird in den Medien allerdings allzu oft unterschlagen. Und ja, die USA produzieren dank Fracking inzwischen über eine Million Barrel Öl am Tag. Doch diese Menge hat insgesamt noch nicht einmal gereicht, um den Rückgang der ­Ölproduktion in Nicht-OPEC-Staaten abzudämpfen. Ganz unabhängig davon, dass die USA noch immer der größte Ölimporteur der Welt sind.

Der Energie-Analphabetismus vieler Autoren und Redakteure öffnet solcher Propaganda leider Tür und Tor. Das führt zwangsläufig zu Missverständnissen und Fehleinschätzungen bezüglich der Energiesituation der USA und der deutschen Energiewende – die USA sind noch nicht so weit.

Für den Moment bleibt deshalb nur zu sagen: Mach weiter, Deutschland! Du bist auf dem richtigen Weg mit deiner Energiewende und bietest der Welt ein immens wertvolles Modell. Wir werden dir später danken.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Catriona McLaughlin, Justin McCurry, Sylvestre Huet.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 2/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Vollendung, warum uns der Kampf um das Menschenbild alle angeht. Lesen Sie, wie der Mensch von Morgen aussehen könnte und warum es Gründe gibt, sich vor ihm zu fürchten. Außerdem: Wie eine Welt ohne Fußball aussehen könnte, was die Welt über die deutsche Energiewende denkt und ob der Atheismus das Zeug hat, die neue Weltreligion zu werden.

Sie können es hier direkt bestellen.

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