Wenn ich etwas nicht komplett verstanden habe, dann schreibe ich auch nicht darüber. Frank Schätzing

„In Sachen Wahrheitsgehalt gibt es einen erheblichen Schwund“

Für den medienkritischen Dokumentarfilm “Starsuckers” versorgte der 33-jährige Regisseur Atkins zwei Jahre lang britische Zeitungen mit erfundenen Promi-Geschichten. Mit versteckter Kamera filmte er Verhandlungen mit Redakteuren und entlarvte so viele Boulevard-Zeitungen, die gute Geschichten drucken, ohne ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Mit The European spricht Atkins über die vergiftende Wirkung verlogener Medien auf die Gesellschaft.

The European: Vor welchem gesellschaftlichen Hintergrund ist der Film “Starsuckers” entstanden?
Atkins: Wir produzierten unseren letzten Film – er hieß “Taking Liberties” – über den Verlust der Bürgerrechte in Großbritannien. Der Film handelte von gewöhnlichen Bürgern, die unter dem Vorwand der Bekämpfung des Terrorismus ihrer Rechte beraubt wurden. Unserem Vertriebspartner gefiel der Film, allerdings wollten sie, dass wir zahlreiche berühmte Persönlichkeiten interviewen, um den Film besser vermarkten zu können. Wir fanden diese Idee verrückt, da Prominente nichts mit der Thematik dieses Films zu tun hatten. Dennoch bestanden sie darauf, dass wir den Film mit berühmten, aber leider ahnungslosen Gesichtern aufpeppen. So kamen wir auf die Idee, einen Film über die Promi-Besessenheit der Medien zu machen und wie gefährlich diese sein kann. Ich begann mich in die Psychologie von Prominenten einzulesen und stieß auf eine Menge Material zum Thema, das zwar geschrieben, jedoch aufgrund seiner Brisanz kaum diskutiert wurde.

The European: Medien und Wahrheit – wie geht das zusammen?
Atkins: In der Theorie sollten speziell die Nachrichtenmedien in erster Linie daran interessiert sein, die Wahrheit zu berichten, und erst zweitrangig ans Geldverdienen denken. Es sollte sein wie beim Verhältnis von Arzt und Patient: Der Arzt hat eine Verpflichtung, das Wohlergehen des Patienten an oberste Stelle zu setzen. Und er sollte niemals das Vertrauen in diese Verantwortung missbrauchen nur wegen des finanziellen Profits. Wenn wir eine Zeitung kaufen oder auf eine Nachrichten-Website gehen, dann gehen wir davon aus, dass der Journalist die Dinge nach unserem Interesse schreibt. Aber mit unserem Film haben wir bewiesen, dass es nicht so ist. In den vergangenen Jahren ist das Geschäft mit den News extrem kommerzialisiert worden. In Sachen Wahrheitsgehalt gibt es einen erheblichen Schwund. Das Ergebnis ist, dass Journalisten mehr ans Geld machen denken als an Inhalte, die sie vermitteln sollen. Und die Öffentlichkeit hat am Ende das Nachsehen.

“Sie müssen entscheiden, ob eine Geschichte verheizt wird oder nicht”

The European: Wer ist verantwortlich für den Betrug in den Medien – die Produzenten oder die Konsumenten?
Atkins: Die Gesellschaft muss die Verantwortung zum Teil auf sich nehmen. Mit unserer Gier, solche Unmengen von Promi-Geschichten zu sehen und zu konsumieren, müssen wir unausweichlich die Schuld mittragen, dass soviel Unwahrheit vermittelt wird. Die Journalisten sind dermaßen in Eile, ihre Geschichten auf den Markt zu schmeißen, dass sie keine Zeit haben, die Fakten zu kontrollieren. Die Öffentlichkeit ist es jetzt gewohnt, Nachrichten umsonst im Internet vorgelegt zu bekommen. Und alles, was gratis ist, wird nie von guter Qualität sein. Letztendlich muss die Verantwortung bei den Herausgebern des Nachrichtenflusses liegen. Sie müssen entscheiden, ob eine Geschichte verheizt wird oder nicht. Und sie müssen ein Urteil über deren Wahrheitsgehalt fällen. In unserem Film zeigen wir, dass die Redakteure von britischen Boulevardblättern damit zufrieden zu sein scheinen, Unwahrheiten zu veröffentlichen. Sie tun aber so, als sei alles ordentlich recherchiert und geprüft. Wenn ein Arzt seine Patienten belügen würde, nur damit sie abhängig von ihm werden und mehr in Medizin investieren, würde er sofort gefeuert. Wenn ein Redakteur das tut, wird er befördert.

The European: Gibt es einen Ausweg aus dieser Problematik?
Atkins: Es ist ein sehr komplexes Problem ohne einfache Lösungen. Das Übel haftet den meisten Berichten einfach an, da sie zuerst auf Klatsch und Tratsch um VIPs fokussiert sind im Gegensatz zur reinen Nachricht. Es werden Geschichten von anderen Medien einfach abgeschrieben, ohne zwischendrin deren Echtheit zu prüfen. Die Abnehmer müssen sich öffentlich mehr über die Inhalte beschweren, dann wird die Öffentlichkeit vielleicht auch kritischer, aus welchen Quellen sie ihre Informationen bezieht, und erwägt den Wahrheitsgehalt der Geschichten ganz anders. Es sollte auch eine Regel geben, die besagt, dass wenn eine Meldung komplett oder teilweise PR-Material entnommen ist, dies im Artikel kenntlich gemacht werden muss. Auf diese Art kann der Konsument sich bewusst machen, dass er etwas betrachtet von jemandem, der etwas verkaufen will. Auch hier in UK gibt es eine Institution, die beauftragt ist, die Machenschaften der Presse zu regulieren – die “Press Complaints Commission”. Aber die ist komplett sinnlos, da sie von Zeitungsherausgebern infiltriert ist. Wir denken, sie sollte aufgelöst und durch eine Regulierungsbehörde ersetzt werden, die in der Lage ist, die Presse in Griff zu halten. Großbritannien ist der weltgrößte Verschmutzer mit Promi-Lügen. Würden wir die Dinge hier ihre Ordnung finden, wäre es gut für die ganze Welt.

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