Die meisten Massenmörder sind merkwürdig. Mark Benecke

„Purismus ist eine Form von musikalischem Nationalismus“

Chilly Gonzales ist das Enfant terrible des deutschen Klassikbetriebes. Mit seinem neuen Noten-Buch will er die Leute wieder ans Klavier bringen. Sara Steinert und Thore Barfuss verrät er, wie das gehen soll, wen er mit seinem Namen ärgern will und an welchen Komponisten Kanye West ihn erinnert.

The European: Chilly, unter Nachwuchs-Pianisten sind Etüden die verhasstesten Klavierstücke. Warum hast du gerade sie ausgewählt, um die Leute wieder zum Spielen zu ermutigen?
Gonzales: Weil meine Etüden anders sind! Ich bin anders und genauso meine Etüden!

The European: Du willst den Leuten also zeigen, dass Etüden auch Spaß machen können?
Gonzales: Auf jeden Fall. Das geht auch schon mit manchen der älteren Etüden. Klar haben sie unter jungen Pianisten nicht den besten Ruf, aber sie sind wichtig. In erster Linie will der Komponist durch sie ein spezielles Element der Musik verständlich machen. Chopin hat mit seiner berühmten „Schwarze Tasten Etüde“ gezeigt, wie man nur mit den schwarzen Tasten einen total vielseitigen Sound erzeugen kann. Mein Buch basiert zwar auf der Philosophie der klassischen Etüden, aber die Lieder sind trotzdem einfach zu spielen.

The European: Will man ein Instrument erlernen, kommt man um das Üben nicht herum. Übst du gerne?
Gonzales: Ich schreibe meine eigene Musik. Daher bin ich in der glücklichen Lage, nicht die Techniken eines Komponisten lernen zu müssen. Ich muss nicht Chopin oder Liszt spielen. Ich spiele Chilly Gonzales! Ich habe selbst auch noch nie etwas komponiert, das zu schwierig für mich war. (lacht) Wenn ich allerdings an einem speziellen Album arbeite oder ein besonderes Konzert ansteht, dann übe ich so lange, bis mein Spiel völlig automatisch abläuft.

The European: Automatisch?
Gonzales: Es soll keinen Teil meines Gehirns mehr geben, der sich fragt: „Und jetzt?“ Ich muss alles Nachdenken über mein Spielen unterbinden, um mich nur auf die Emotionen und das Interpretieren konzentrieren zu können. Dafür braucht es ein gutes motorisches Gedächtnis. Ich übe daher regelmäßig, aber Spaß macht es mir nicht.

„Spontanes Klavierspiel ist die angenehmere Form der Lärmbelästigung“

The European: Und trotzdem tust du es.
Gonzales: Ja, denn die Alternative wären Konzerte, bei denen ich gestresst bin, Dinge vergesse oder die ich einfach nicht genießen kann. Daher zwinge ich mich zum Proben. Nur so kann sich das motorische Gedächtnis herausbilden. Das ist immer dann nötig, wenn ich ein Album aufnehme oder ein neues Stück fürs Orchester geschrieben habe. Dafür probe ich zwei, drei Stunden täglich, spiele ein Stück wieder und wieder. Das sind die Momente, in denen sich meine Nachbarn wünschen, nicht meine Nachbarn zu sein.

The European: Normalerweise lauschen sie gerne?
Gonzales: Ja, da ich meistens improvisiere und komponiere. Spontanes Klavierspiel ist die angenehmere Form der Lärmbelästigung.

The European: Improvisation ist auch auf deinen Konzerten immer wieder ein Thema. Könnte das nicht auch als Stoff für ein zweites Lehrbuch sein?
Gonzales: Nein. (lacht) Zumindest noch nicht, so schnell bin ich nicht! Aber die Idee ist interessant. Jemandem in Buchform das Improvisieren beizubringen, ist allerdings sehr schwierig.

The European: Kein Job für Chilly Gonzales?
Gonzales: Die Herausforderung wäre sehr groß. Ich erinnere mich noch: Als ich 15 Jahre alt war, waren fast alle meine Lehrer Jazzmusiker und keine Pianisten. Ihnen war es viel wichtiger, mir ein Verständnis für Musik zu vermitteln, anstatt nur zu zeigen, wie man auf dem Klavier spielt. Durch Beobachtung und gemeinsames Spielen mit ihnen habe ich das Improvisieren erlernt. Improvisation ist für einen Musiker fast das Wichtigste, gleichzeitig ist es am schwierigsten zu vermitteln.

„Der lustige Typ an der Flöte, die heiße Frau an der Klarinette“

The European: Du hast vorhin von Orchestern gesprochen. Gibt es öfter Kooperationen?
Gonzales: Sehr oft sogar! Letzten Oktober habe ich mit dem BBC-Sinfonieorchester gespielt und erst vor Kurzem mit dem niederländischen Metropol-Orchester. Außerdem spiele ich häufig mit meinem Kammerorchester zusammen. Für mich ist das das bessere Orchester.

The European: Warum?
Gonzales: Eine Gruppe von zehn Musikern, die versucht zu klingen als wären sie 100, hat für mich mehr Charme. Deswegen benutze ich auch lieber ein Klavier als einen Flügel. Meine Alben „Solo Piano I“ und „Solo Piano II“ habe ich beide auf einem einfachen Klavier eingespielt. Den Kampf, den das kleine Klavier führt, um wie der große Flügel zu klingen, finde ich sehr poetisch. Ich mag diese Außenseiter-Qualitäten des Klaviers.

The European: Und das gilt auch für das Kammerorchester?
Gonzales: Ja, weil das alles Individuen sind. Ein Orchester dagegen ist eine Armee! Als ich mit dem BBC-Sinfonieorchester gespielt habe, konnte ich niemandem in die Augen gucken, geschweige denn ihre Namen lernen. Wenn ich die Trompete gehört habe, wollte ich wissen, von wem sie gespielt wird, aber da waren acht Typen, die alle Trompete gespielt haben. Ich konnte keine Verbindung zwischen Sound und Mensch herstellen.

The European: Und bei einer Gruppe von zehn ist das anders?
Gonzales: Ja, da ist es ist viel einfacher. Wenn man das Waldhorn hört: Tüüüüüt (imitiert das Geräusch), weiß man, von wem das kommt. Du siehst den Typen vor dir, wie sich seine Wangen aufblasen und weißt sofort, was er macht. Auch für das Publikum ist das besser. Eine Gruppe von Individuen zu erleben, mit dem lustigen Typ an der Flöte, dem seltsamen Kauz am Cello und der heißen Frau an der Klarinette, wertet jedes Konzert auf.

„Purismus ist eine Form von musikalischem Nationalismus“

The European: Du hast mal gesagt, dass du klassische Musik magst, aber nicht die Institutionen, die sie repräsentieren. Siehst du es als deine Mission an, das zu ändern?
Gonzales: (zögert) Zu ändern? Nein.

The European: Warum nicht?
Gonzales: Eine einzelne Person kann das niemals leisten. Ich glaube aber, dass es viele Musiker gibt, die wirklich alles versuchen, um ihre Liebe für verschiedene Musikstile zu vermitteln. Nils Frahm zum Beispiel, ein befreundeter Pianist aus Berlin. Der ist ein super Musiker, vor allem weil er so originell ist. Gäbe es Tausende von seiner und meiner Sorte, dann würden sich die Verhältnisse bestimmt ändern. Aber es gibt schon Momente, in denen ich glaube, dass es beinahe funktioniert. In der Berliner Philharmonie zu spielen, war so ein Moment. Nicht viele „Crossover-Künstler“ treten dort auf. Ich habe das als echte Chance und ein Zeichen dafür gesehen, dass die Alternativen, die ich anbiete, auch angenommen werden.

The European: Passiert es oft, dass sich Leute von dir angegriffen fühlen?
Gonzales: Ja. Alleine schon durch meinen Namen.

The European: Dein Name ist ein Problem?
Gonzales: Manche Leute sind einfach nicht bereit, einen Typen, der sich Chilly Gonzales nennt, ernst zu nehmen. Aber aus genau dem Grund habe ich mich auch für den Namen entschieden. Er ist da, um Menschen zu ärgern. Purismus ist eine Form von musikalischem Nationalismus. Wenn mich die Leute fragen, warum ich alle möglichen Musikstile kombiniere, antworte ich ihnen: „Ich mache das nicht absichtlich. Es gibt für mich musikalisch nur einfach keine Tabus!“ Genauso sehe ich jedes Land und jeden Menschen als gleichwertig an. Allen Musikstilen gegenüber offen zu sein, symbolisiert für mich einen musikalischen Humanismus. Zu denken, eine Stilrichtung sei besser als eine andere, kann fast schon als faschistisch bezeichnet werden. Und das ist gefährlich! Wer dem Purismus anhängt, hat vermutlich einen Minderwertigkeitskomplex.

„Alle Musikstile sollten sich mischen“

The European: Du kannst also nicht nachvollziehen, dass klassische Musik sich so ernst nimmt?
Gonzales: Doch, aber nur weil ich ein verständnisvoller Typ bin. (lacht) Ich denke nicht, dass ich irgendetwas besser weiß. Deswegen arbeite ich auch mit Rappern oder Elektro-Musikern zusammen. Wäre ich ein echter Musik-Snob, würde ich sagen: ,Ich arbeite nur mit Leuten, die meine musikalischen Ansichten teilen.‘

The European: So wie Leslie Feist?
Gonzales: Nein, Feist geht ganz anders an Musik heran als ich. Sie spielt Gitarre und interessiert sich für die Geschichte von kanadischen Singer/Songwritern wie Joni Mitchell und Neil Young. Mich interessiert das überhaupt nicht! (lacht) Aber wenn wir zusammen sind, kann ich nachvollziehen, wie es in ihre Arbeit einfließt. Und ich liebe, was sie macht! Wäre ich ein echter Snob, würde ich nur mit Leuten arbeiten, die … (überlegt) Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, mit wem ich dann arbeiten würde!

The European: Ein/e Künstler/in muss dir doch einfallen!
Gonzales: Wahrscheinlich wäre es irgendein avantgardistischer Komponist oder David Garrett. (lacht) Keine Ahnung, mit wem ich arbeiten sollte, um so puristisch wie möglich zu sein. Ich finde, alle Ethnien und Nationalitäten sollten sich mischen. Das Gleiche gilt für Musikstile.

The European: Magst du deswegen Johannes Brahms so sehr, weil man ihn nicht nur einer Kategorie, also Klassik oder Romantik, zuordnen kann?
Gonzales: Ja! Und auch weil er und ich einen ähnlichen Hintergrund haben. Bei seinen ersten Berührungen mit Musik ging es vor allem darum, die Leute zu unterhalten. Er war noch ein Teenager, als er in Bordellen und Freudenhäusern Klavier gespielt hat. Er hat auch später nicht vergessen, dass Musik in erster Linie dafür da ist, um Emotionen auszulösen. Brahms hatte ein großes Ego, aber er hat es in Musik gesteckt, die die Menschen berührt. Er hat nie versucht, eine Art Rockstar zu sein, wie zum Beispiel sein Zeitgenosse Richard Wagner.

„Mein Privatleben fließt nicht in meine Arbeit ein“

The European: Was hat Wagner zum Rockstar gemacht?
Gonzales: Er hat einfach mit den Ehefrauen von allen geschlafen! Er wollte in einem riesigen Haus leben, mit Seide überall. Er hat versucht, der Welt seine Fantasie aufzudrücken. Und es war ihm sehr wichtig, dass Leute ihm den notwendigen Respekt zollten.

The European: Gibt es heute Charaktere wie Richard Wagner?
Gonzales: Absolut! Kanye West ist ein gutes Beispiel, so wie eigentlich jeder andere Rapper auch. Sie alle versuchen, ihre Fantasien auf die Welt zu übertragen und dort auszuleben. Ich dagegen versuche, es eher auf die Brahm’sche Art und Weise. Mein Privatleben fließt nicht in meine Arbeit ein. Ich rede grundsätzlich nie über irgendetwas anderes als Musik. Und ich versuche nicht, die Welt nach meinen Vorstellungen zu verwandeln.

The European: Was würdest du sagen, wenn man dich den modernen Brahms nennen würde?
Gonzales: Ich würde denken, dass ich es nicht verdiene – zumindest noch nicht. Aber es wäre natürlich ein großes Kompliment. Sogar besser noch, als mit Erik Satie verglichen zu werden. Das war auch schmeichelhaft, aber gleichwohl auch nicht wahr.

„Wir suchen diese kleinen süchtigmachenden Momente in der Musik“

The European: Glaubst du, es gibt Gefühle, die sich mit Klassik besser vermitteln lassen als mit anderen Genres?
Gonzales: Ich glaube, das hängt stark von der Zeit ab, in der man lebt. Klassische Musik ist heute keine lebendige Kunstform mehr. Mit der Art, wie sie Gefühle transportiert, erinnert sie daran, dass sie Teil der Vergangenheit ist. Das ist nichts Gutes. Es ist auch einer der Gründe, warum heutzutage fast nur reiche, weiße Menschen klassische Konzerte besuchen.

The European: Der Nostalgie wegen?
Gonzales: Nein, sondern weil sie Popmusik für minderwertig halten. Damit blockieren sie Emotionen, denn junge Leuten denken: „Warum soll ich mich für diese furchtbare Musik interessieren, die offensichtlich nur von reichen, weißen Leuten gemocht wird?“ Daher gewinnt die Popmusik. Sie gewinnt in allem: Sie bekommt die Musik, die Frauen und vermittelt Gefühle am besten. Pop ist DIE Kunstform unserer Zeit!

The European: Kann man also klassische Musik verabscheuen, ohne ein Banause zu sein?
Gonzales: Auf jeden Fall! Über Geschmack kann man einfach nicht urteilen. Ein einfaches, aber wahres Prinzip. Ich zum Beispiel mag keine Rockmusik. Sie entspricht weder meinem Geschmack noch meiner Haltung. Mein Körper reagiert nicht auf ihre Rhythmik und mein Gehirn nicht auf ihren Stil. Ich bekomme einfach keine Gänsehaut. Wenn AC/DC im Taxi läuft, dann nicke ich mit dem Kopf, wie jeder andere auch, aber da ist keine Leidenschaft im Spiel.

The European: Fühlst du dich Leuten näher, die deine musikalischen Leidenschaften teilen?
Gonzales: Nicht wirklich. Alle meine Musik-Freunde haben unterschiedliche Geschmäcker. Peaches, Feist, Drake oder Daft Punk: Keiner von denen hört klassische Musik. Aber ab und an treffe ich Klassik-Nerds, mit denen ich ein bisschen fachsimpeln kann. Wobei es aber all meinen Freunden und mir – so unterschiedlich unsere musikalischen Vorlieben sind – auf eine bestimmte Sache ankommt. Wir alle wollen populäre Musik machen, die wir versuchen, mit Emotionen zu befüllen. Wir versuchen diese kleinen süchtigmachenden Momente zu erzeugen, die die Menschen wieder und wieder hören wollen.

Etüden-Buch

Chilly Gonzales auf Tour:

2014
28.12. Philharmonie, Köln
29.12. Philharmonie, Köln

2015
11.05. Philharmonie, Berlin
28.05. Alte Oper, Frankfurt
21.06. Philharmonie, München
29.06. Laeiszhalle, Hamburg

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