Über Geschmack lässt sich streiten, oder? Manch ein Minarettgegner in der Schweiz behauptet, das Verbot ginge nicht um den Islam im Speziellen, sondern lediglich um das urbane Stadtbild und seine zukünftige Gestaltung, um eine Frage des Geschmacks. Doch die polemische Bildsprache der Plakate zeigt eine Vehemenz gegen die Stellung der europäischen Muslime, die weit über ästhetische Fragen hinausgeht.
Mahnrufe warnen vor einem drohenden Wind aus rechten Lagern und fordern als Antwort auf die Islamophobie die Heilige Dreifaltigkeit von Toleranz, Weltoffenheit und Solidarität. Diese Reaktionen sind genauso verfehlt wie das Volksbegehren selbst.
Schade. Statt sich über Geschmack und Ästhetik zu unterhalten, bleibt die Diskussion in einem (Pseudo-)Kampf der Kulturen stecken. In welchem Christentum gegen Islam, Grundrechte gegen stumpfsinnigen Populismus, Ignoranz gegen Verständnis in den Krieg ziehen. Aber solche Diagnosen verfehlen das wichtigste Thema: Wie soll die Zukunft europäischer Muslime praktisch aussehen?
Moscheen und Gebetsräume sind Bestandteil jeder muslimischen Gemeinschaft und sind überall in Europa zu finden. Ihre zunehmend repräsentative Stellung und Dimension sind relativ neu und ein Zeichen von Integration. Muslime demonstrieren, dass sie in Europa zu Hause sind und sich nicht mehr mit Kellern oder provisorische Zweckbauten zufriedengeben. Sie wollen von ihrer Umwelt wahrgenommen werden und ihren Kindern Orte für Geborgenheit und Kultur schaffen.
Es geht nicht nur um Verständnis oder Akzeptanz
Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein europäischer Muslime sollen gefördert werden, aber warum denken alle, dass der Integrationsprozess konfliktfrei sein sollte? Es geht nicht nur um Verständnis oder Akzeptanz, sondern vielmehr um die praktische Ausgestaltung der Zukunft. Architektur war und ist in Europa immer heißen Disputen ausgesetzt, öffentliche Bauwerke erregen die Gemüter, egal ob es sich um wieder aufgebaute Schlösser, neue Museen oder Sakralbauten handelt.
Mir kommt die Frage nach der urbanen Ästhetik im Minarettstreit zu kurz. Können Städte und Gemeinde innovative und anspruchsvolle Architektur von ihren muslimischen Bürgern verlangen? Natürlich. Können qualitativ schlechte oder unästhetische Moscheebauten abgelehnt werden? Ich hoffe.
Ich lebe in Katar, einem kleinen Wüstenstaat, wo eine strenge Version des Islams – der Wahhabismus – praktiziert wird. Trotzdem lassen die Kataris hochmoderne Moscheen von international renommierten Architekten bauen. Im Rahmen eines groß angelegten Bildungsprogramms wurden amerikanische Universitäten beauftragt, in Doha einen Campus zu errichten. Mit den Kataris zusammen baut meine Universität einen Komplex aus Stahl, Glas und Sichtbeton – mit Platz für eine Moschee. Minarette sind nicht geplant.
Streit um Religion und Architektur existiert nicht nur in Europa. Die Entwicklung Katars wird stark durch Expats aus aller Welt beeinflusst. Christen werden schon seit einiger Zeit toleriert, aber ihre öffentliche Präsenz stößt bei manchen Einheimischen auf Ablehnung. Eine alte Schwimmhalle dient den in Doha lebenden Christen momentan als Gotteshaus. Sie wollen ihre eigenen Kirchen bauen, aber viele Kataris sind unschlüssig, wie ein solches Gebäude in ihrer Gesellschaft passen soll, und erteilen daher keine Erlaubnis. Katar ist keine Demokratie, sondern ein absolutistisch-monarchisches Scheichtum. Aber ein Volksbegehren würde für die Christen sicherlich nicht gut ausfallen, weil ein Kirchenbau unangenehme und schwierige Fragen über die Zukunft Katars aufwirft. Aber irgendwann muss man damit anfangen.


















