Worte kann man löschen, aber die Fakten bleiben bestehen. Ai Weiwei

„Wir müssen die Menschen wieder in Traditionen verwurzeln“

Die Amtszeit von Charlotte Knobloch geht Ende November zu Ende. Mit The European sprach die Präsidentin des Zentralrats der Juden über Leitkultur, die Bedeutung von Religion und die Herausforderungen der kommenden Jahre.

The European: Das “jüdisch-christliche Erbe” wird derzeit massiv und in vielen Ländern Europas als Schild und Bollwerk gegen den Islam in Stellung gebracht. Ist die Kombination jüdisch und christlich nicht scheinheilig? Knapp zwei Jahrtausende lang wollten die christlichen Nachbarn wenig von den Juden wissen.
Knobloch: Formulierungen wie “Schild” oder “Bollwerk” schaden der aktuellen Diskussion um Integration und sozialgesellschaftlichen Zusammenhalt. Es geht eben nicht um einen “Kampf der Kulturen”, der vor allem aus dem rechten Milieu ins Feld geführt wird, um Stimmungsmache und Angstpolitik zu betreiben. Es kann uns doch nicht darum gehen, uns gegen den Islam in Stellung zu bringen. Es geht darum, Mittel und Wege zu finden, dass sich jeder Mensch in unserer Gesellschaft wohl und willkommen fühlt – ohne Ansehung von Nation, Religion oder sonstigen ethnischen Differenzierungsmerkmalen. Unabhängig davon ist die Kombination von jüdisch und christlich nicht scheinheilig, sondern selbstverständlich. Judentum und Christentum sind geschwisterliche Religionen, wenn auch nicht immer, wie Sie richtig feststellen, mit einer geschwisterlichen Geschichte. Heute sind unsere elementaren Gemeinsamkeiten völlig unbestritten. Jesu Theologie der Gewaltlosigkeit entsprach den Grundlagen rabbinischer Friedensethik. Dies wurde in der Tat im christlichen Abendland lange Zeit nicht wirklich wahrgenommen. Aber das ist Geschichte. Der jetzige Papst selbst stellte seinerzeit als Kardinal Joseph Ratzinger fest, dass seit Auschwitz der Auftrag des Versöhnens und des Annehmens in seiner ganzen Unabweisbarkeit vor uns hingetreten sei. Als Papst Benedikt XVI. machte er sich bei seiner Amtseinführung den Ausspruch seines Vorgängers, Johannes Paul II., zu eigen und sprach von den Juden als “unseren älteren Brüdern”.

The European: Können Sie persönlich mit dem Begriff “jüdisch-christliches Erbe” etwas anfangen?
Knobloch: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Säulen unserer ethischen und auch politischen Grundordnung nicht nur, aber zu weiten Teilen auf unseren christlich-jüdischen Wertvorstellungen, der abendländischen Philosophie und natürlich der Aufklärung fußen. Unter das jüdisch-christliche Erbe fallen für mich als zentrale Gemeinsamkeit die Rückbesinnung auf den gemeinsamen Stammvater Abraham und natürlich die Zehn Gebote. Das Alte Testament insgesamt ist fester Bestandteil christlicher Glaubenslehre. Papst Benedikt XVI. selbst schlägt in seiner Theologie Brücken der wertschätzenden Kontinuität zum Alten Testament. Dessen Psalmen und Sprüche werden vielfach in christlichen Gottesdiensten verlesen. In seiner ersten Enzyklika stellt der Papst klar, dass der christliche Glaube auch die Zentralität der Liebe aufgenommen habe. Talmudische und jesuanische Ethik sind zu weiten Teilen deckungsgleich.

The European: Viele christliche Kirchenvertreter haben sich gegen eine Instrumentalisierung des Glaubens für integrationspolitische Zwecke ausgesprochen. Teilen Sie diese Kritik?
Knobloch: Noch mal, ich denke nicht, dass diese Art der Diskussion uns weiterbringt. Wir müssen verbal abrüsten. Die Art und Weise, wie wir in Deutschland seit Wochen über Integration sprechen, zeigt letztlich, dass wir 65 Jahre nach Kriegsende und 20 Jahre nach der Wiedervereinigung den Prozess der innerdeutschen Identitätsbildung und Selbstfindung noch nicht abgeschlossen haben. Das wäre jedoch die Voraussetzung für den Dialog und das Ringen um ein friedliches und respektvolles Miteinander aller Menschen in diesem Land.

The European: Die katholische Kirche kämpft mit Mitgliederschwund, Priestermangel und Missbrauchsvorwürfen. Wie geht es dem Judentum in Deutschland?
Knobloch: Wir leben in einer Zeit, die unglaublich schnell und unübersichtlich geworden ist. Viele Menschen sind auf der Suche nach Sinn, Halt und Geborgenheit in ihrem Leben. Diesen Menschen müssen die etablierten Religionsgemeinschaften Antworten auf ihre Fragen geben. Wir müssen unseren Mitgliedern ein attraktives Angebot machen und sie wieder fest in unseren Traditionen verwurzeln. Wenn uns das nicht gelingt, nehmen spirituelle und esoterische Strömungen immer größeren Raum in unserer Gesellschaft ein, als dies ohnehin schon der Fall ist.

The European: Deutsche Synagogen stehen auch heute noch unter dauerhaftem Polizeischutz. Haben Sie sich damit abgefunden?
Knobloch: Dass jüdische Einrichtungen unter Polizeischutz stehen, hat unterschiedliche Gründe. Ein Beispiel aus meiner Heimat München: Bereits am Tag der Grundsteinlegung für das neue Gemeindezentrum hatte eine Gruppe von Neonazis einen Anschlag geplant, der zahlreiche Opfer gefordert hätte. Allein der hervorragenden Arbeit der Polizei- und Sicherheitsbeamten ist es zu verdanken, dass der Plan der Attentäter frühzeitig aufgedeckt und seine Realisierung verhindert werden konnte. Aber es ist nicht nur die nach wie vor brisante Bedrohung seitens der rechtsextremen Szene, die uns Sorgen macht. Inzwischen sind es immer öfter auch linksextreme, autonome Gruppierungen, die offen antisemitisch ausgerichtet sind und nicht vor Gewalt zurückschrecken. Daneben sind jüdische Einrichtungen weltweit im Fadenkreuz des islamistischen Terrorismus. Mit diesen Herausforderungen muss die jüdische Gemeinschaft auch im 21. Jahrhundert leben und zurechtkommen.

“Die Erinnerung an den Holocaust ist unkündbar”

The European: Die NS-Zeit ist auch weiterhin ein Thema in Deutschland. Die Hitler-Ausstellung im Deutschen Museum, die Historikerstudie des Außenministeriums, aber auch die anhaltende Zahl rechter Gewalttaten zeigen dies. Besteht immer noch Bedarf an Aufarbeitung? Oder geht es 65 Jahre nach dem Krieg vor allem um die Formulierung einer entschlossenen Erinnerungskultur?
Knobloch: Sie sagen es. Die Erinnerung ist unkündbar. Unsere moralischen Wertvorstellungen, unsere freiheitlich-demokratischen Grundwerte, unser Rechtsstaat, unser Selbstverständnis als soziale Gesellschaft basieren auf den Erfahrungen unserer Vergangenheit. Der Holocaust ist präzedenzlos und letztlich unvorstellbar – für die Zeitzeugen ebenso wie für die Nachgeborenen. Aber so schrecklich und grauenvoll das Geschehene auch war, wir müssen gemeinsam einen Weg finden, damit umzugehen. Wir brauchen die Erinnerung. Und doch endet eine Epoche. Die Zeit des Nationalsozialismus entschwindet der Zeitgenossenschaft. An dieser Zeitenschwelle entscheiden wir alle darüber, wie die künftigen Generationen mit Geschichte und Erinnerung umgehen werden. Es liegt an uns, ob die täglich wachsende Distanz die Lehren der Vergangenheit verwischt oder ob wir den nachfolgenden Generationen vermitteln können, wie unerlässlich eine neugierige, klare Sicht auf das Gewesene ist. Wir müssen der Aufarbeitung eine Form geben, die den mit der Vergangenheit Konfrontierten als das anspricht und berührt, was er ist: als Mensch. Als Mensch, der sich für das Schicksal anderer Menschen interessiert – gestern, heute und morgen. Das ist es, was uns die Erinnerung lehrt: Der Mensch selbst ist es, der seinesgleichen, der die gesamte Menschheit in ihre größte Katastrophe zu stürzen vermag. In wenigen Jahren werden keine Täter und Opfer mehr existieren. Allein die letzten NS-Prozesse befassen sich noch mit Schuld und Sühne. Die junge Generation hat die Chance, sich unbetroffen der Vergangenheit zu nähern, die für sie eine einzige Erkenntnis bereithält. Sie lautet: Du bist verantwortlich für dein Spiegelbild, für dein Gegenüber, für die Gesellschaft, in der du lebst.

The European: Haben Sie Probleme mit schwarz-rot-goldenem Fußballpatriotismus oder der Debatte um eine deutsche Leitkultur?
Knobloch: Ich selbst bin ein begeisterter Fußballfan. So oft ich die Möglichkeit habe, gehe ich ins Stadion. Bei Länderspielen mit deutscher Beteiligung fiebere ich natürlich besonders mit, drücke unserem Team die Daumen und freue mich über jedes Tor der deutschen Mannschaft. Das ist doch wunderbar. Ich habe mit Patriotismus überhaupt kein Problem, solange es sich um einen aufgeklärten Patriotismus handelt. Das bedeutet verantwortungs- und geschichtsbewusst. Wir alle sollten als aufgeklärte Patrioten aus Liebe zu unserem Land Verantwortung für die Zukunft in Deutschland übernehmen.

The European: Religion wird heute leicht als rückwärtsgewandt empfunden. In Frankreich wurde das Tragen von Burkas verboten, in der Schweiz der Bau von Moscheen. Ist das ein Zeichen der aufklärerischen Vernunft oder Ausdruck von Vorurteilen?
Knobloch: Die Gesetze, die Sie ansprechen, lassen meines Erachtens nicht den Schluss zu, dass in den entsprechenden Ländern Religion als rückwärtsgewandt empfunden wird. Es handelt sich um Reaktionen auf neue, vermeintlich fremde Einflüsse und gesellschaftliche Phänomene. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es in Europa unterschiedliche Wege gibt, wie die einzelnen Staaten mit dieser Situation umgehen. Ich bin froh, dass wir in Deutschland noch keine vergleichbaren Gesetze haben, weil ich sie nicht für wirklich zielführend halte.

“Der Nahostkonflikt ist ein willkommenes Vehikel, um antijüdische Ressentiments in Spiel zu bringen”

The European: Sie haben vor Kurzem beklagt, “unter dem Mantel der Israelkritik werden häufig die Stereotypen der Judenfeindschaft salonfähig”. Was unterscheidet politische Meinungsverschiedenheit von antisemitischer Stimmungsmache?
Knobloch: Antisemitismus ist ein Ressentiment. Antisemiten nehmen uns Juden übel, dass wir existieren. Moderne Antisemiten sind oft sehr gebildete und kultivierte Menschen. Sie trauern demonstrativ um Juden, die seit 70 Jahren tot sind. Aber anlässlich politischer Zuspitzungen im Nahen Osten echauffieren sie sich reflexartig und kritisieren die Überlebenden des Holocaust und ihre Nachkommen in Israel. Sie ereifern sich regelrecht in Kritik am jüdischen Staat. Am liebsten mit der Formel “man wird doch wohl noch sagen dürfen” suggerieren sie überdies ein Tabu, das es nicht gibt. Jedem Menschen steht es völlig selbstverständlich immer und überall auf der Welt zu, sachlich und konstruktiv Kritik am Vorgehen der israelischen Regierung zu üben. Die Medien sind doch nahezu täglich randvoll damit – übrigens vor allem und besonders kritisch in Israel. So ist letztlich schon der Verweis auf einen scheinbaren Tabubruch nichts anderes als die Behauptung einer wie auch immer gearteten übergeordneten jüdischen Instanz, ein Hirngespinst, das nicht existiert. Diese Argumentation geht in die Richtung antisemitischer Verschwörungstheorien. An solcher tatsachenbasierter Kritik an Israel, wie sie unter befreundeten demokratischen Staaten üblich und wünschenswert ist, haben viele Diskutanten gar kein Interesse. Sie haben die rabiate, delegitimierende Verurteilung Israels im Sinn – sogenanntes Israel-Bashing. Der Nahostkonflikt ist ein willkommenes Vehikel, um antijüdische Ressentiments sozialverträglich ins Spiel zu bringen. Und unter dem Deckmantel der Israelkritik sind die Stereotypen der Judenfeindschaft nicht nur wieder salonfähig geworden, sie dominieren bisweilen sowohl die öffentliche Diskussion als auch die veröffentlichte Meinung. Wer Israel kritisiert, muss fair bleiben und die singuläre geopolitische Situation des Landes ebenso berücksichtigen wie den komplexen politischen Gesamtkontext in der Region.

The European: Der Nahostkonflikt gleicht einem gordischen Knoten. Haben Sie Hoffnung, dass sich Israelis und Palästinenser auf einen Kompromiss verständigen können? Kann ein Baustopp Voraussetzung für eine Einigung sein?
Knobloch: Das Judentum ist die Religion der Hoffnung. Schauen Sie sich unsere Geschichte an. Wir haben uns trotz aller Katastrophen nie die Zuversicht nehmen lassen. Die Menschen in der Region wünschen sich nichts sehnlicher als Frieden und ein Leben in Sicherheit und ohne Angst. Ich halte es nicht für sinnvoll, aus der Distanz über diese komplizierten Verhandlungen zu spekulieren. Ich bin sicher, dass die betreffenden Politiker alles daran setzen, den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen im Nahen Osten gerecht zu werden.

The European: Sie haben einen Generationswechsel an der Spitze des Zentralrats angeregt. Mit welchen Herausforderungen werden sich Ihre Nachfolger auseinandersetzen müssen?
Knobloch: Ich sehe drei vordringliche Aufgaben der Gemeinden, die es zu koordinieren und zu unterstützen gilt. Die Einbettung der Juden in die bundesrepublikanische Gesellschaft ist noch nicht komplett abgeschlossen. Unsere Aufgabe besteht insofern im beständigen Dialog und im Erarbeiten neuer Konzepte für diesen Dialog. Innerhalb der Gemeinden geht es weiterhin um die Integration der vielen Mitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion und die Integration aller jüdischen Strömungen unter dem Dach der Einheitsgemeinde. Ich bin stolz darauf, dass es uns gelungen ist, die Gräben zwischen den verschiedenen Richtungen des Judentums in Deutschland zuzuschütten. Auf diesem Weg muss es weitergehen. Und wir müssen ein Kernelement des Judentums weiterentwickeln: die Bildung. Wir müssen die jüngeren Generationen dazu bewegen, über ihre eigene Identität auf dem Fundament der jüdischen Tradition nachzudenken. Die Herausforderungen der kommenden Jahre werden uns viel abverlangen. Alle, die Verantwortung für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland tragen, müssen füreinander einstehen. Respekt und Anerkennung für die Leistungen eines jeden von uns ist die notwendige Basis, damit uns gelingt, was wir uns vorgenommen haben. Noch nie war eine jüdische Vertretung auf Bundesebene so wichtig, um unsere Interessen zu verfolgen, damit unsere Anliegen nicht vergessen werden angesichts der immensen Aufgaben, die der Staat zu bewältigen hat.

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