Kommunikation gehört untrennbar zum menschlichen Wesen. Hans-Christian Ströbele

„Wir haben die Möglichkeit zur Perfektion“

Der britische Star-Geiger Charlie Siem füllt die Royal Albert Hall, steht aber auch mit Lady Gaga und Bryan Adams auf der Bühne. Mit Alexander Görlach spricht er über Instinkte, die Bedeutung von Freunden und die Inschrift in seinem Geigenkasten.

The European: Herr Siem, Sie spielen oft Stücke von weniger bekannten Komponisten. Wie treffen Sie die Auswahl?
Siem: Wenn ich nicht eingeladen werde, um etwas Bestimmtes zu spielen, dann suche ich mir meine Stücke selbst aus. Ich wähle Musik, durch die ich mich als Künstler weiterentwickeln kann.

The European: Sie sind 27 und spielen seit 24 Jahren Geige. Gibt es Musik, die Sie noch nicht gespielt haben, aber gerne lernen würden?
Siem: Auf jeden Fall. Es gibt viele Stücke, die ich noch nicht angefasst habe. Sogar innerhalb des Standard-Repertoires gibt es noch viel zu entdecken. Und um ehrlich zu sein: Auch die Stücke, die ich bereits auf Konzerten gespielt habe, verdienen mehr Aufmerksamkeit. Ich denke, dass ich aus ihnen noch deutlich mehr herausholen kann.

The European: Ist es schwierig für Sie, ausreichend Zeit zum Proben zu finden?
Siem: Ich probe, soviel ich kann. Diese Woche hatte ich Glück und konnte relativ viel üben, etwa fünf Stunden pro Tag. Aber wenn ich auf Reisen bin, habe ich nicht so viel Zeit dafür. Es ist dann immer eine Herausforderung, Momente zu finden, in denen ich einfach Geige spielen kann.

The European: Brauchen Sie noch einen Lehrer?
Siem: Ja. Mein alter Geigenlehrer lebt etwa fünf Minuten entfernt, ich sehe ihn also ziemlich regelmäßig. Manchmal ist es gut, ein zweites Paar Ohren um sich herum zu haben, wenn man musiziert. Er bemerkt Dinge, die mir gar nicht auffallen.

The European: Aber er findet keine technischen Fehler mehr?
Siem: Oh doch. In manchen der Stücke, die ich seit meiner Kindheit spiele, gibt es immer noch Stellen, an denen ich unsicher werde. Es ist wie mit einem Zungenbrecher, als hätte man einen Knoten im Gehirn. Bei Stücken, die man schon ewig lange kennt, ist es manchmal sogar schwieriger, über diesen Punkt hinweg zu kommen. Aber das ist auch das Tolle an der Musik: Das Gefühl, „Oh Gott, hier kommt es …“ – und dann hört man unter Umständen auf, bevor man an die entsprechende Stelle kommt. Die wunderbare Herausforderung bei Auftritten ist es, mit solchen Situationen umzugehen.

The European: Wie machen Sie das?
Siem: Man muss jeglichen Selbstzweifel loswerden. Der Kopf sagt einem ansonsten: „Du schaffst es nicht, das ist zu schwierig für dich“ Aber diese Sorgen sind bloß mental und nicht real. Man lernt also, bei Auftritten den Kopf auszuschalten. Man lebt im Moment und versucht, das Beste aus ihm herauszuholen.

The European: Wenn Sie proben, sind Sie meistens allein. Was bedeutet das für Sie?
Siem: Es ist ein echtes Privileg, diese Momente der Einsamkeit genießen zu dürfen – vor allem, wenn man so ein fantastisches Instrument spielen darf.

The European: Sie spielen auf einer Violine des Geigenbauers Guarneri del Gesù aus dem Jahr 1735 – dasselbe Instrument, auf dem einst der legendäre Yehudi Menuhin gespielt hat. Haben Sie eine besondere Beziehung zu ihm?
Siem: Ich habe Menuhin nie persönlich getroffen, aber er ist eine große Inspirationsquelle für mich. Aber muss man einem Menschen begegnen, um eine persönliche Beziehung zu ihm zu haben?

The European: In Ihrem Geigenkasten sehe ich eine hebräische Inschrift. Stammt die auch aus Menuhins Tagen oder ist das Ihre?
Siem: Das ist meine; einer der Namen Gottes in der Kabbala-Tradition. Er bedeutet übersetzt „bedingungslose Liebe.“

The European: Haben Sie eine besondere Beziehung zur Religion?
Siem: Letzten Endes haben alle Religionen und spirituellen Praktiken denselben Ursprung. Das Problem ist, dass das Grundthema oft verloren geht und sich Religion verselbstständigt.

„Unser Kopf kreiert ständig negative Sichtweisen auf die Welt“

The European: Was ist dieses Grundthema?
Siem: Religiöser Glaube fußt auf Selbstzweifel. Wir glauben an etwas, weil wir an uns selbst zweifeln und nicht wissen, wer wir sind. Wir glauben aufgrund unseres Egos. Und wir hängen an der Religion, weil wir hoffen, dadurch unserem Leben eine Bedeutung zu geben. Was aber, wenn wir uns irren? Die Geschichte der Religion ist die Geschichte von ein paar Leuten, die durch die Welt ziehen und andere Menschen dazu bringen wollen, an dieselben Dinge zu glauben wie sie.

The European: Religion hat nichts Positives?
Siem: Viele Aspekte von Religion sind gut und interessant: die Rituale, die Zeremonien, die Praktiken, die uns zu Menschen machen und uns dabei helfen, Probleme zu bewältigen. Schwierig wird es, wenn man Religion zu wörtlich nimmt und andere Menschen vor den Kopf stößt. Auf einer sehr spirituellen Ebene kann der innere Frieden nur aus einem selbst heraus kommen und nicht von außen aufgezwungen werden.

The European: Was meinen Sie?
Siem: Kein Besitz, keine andere Person und kein Buch können die Antwort liefern. Alles, was wirklich tiefgründig und bedeutend ist, ist tief in einem selbst zu suchen. Du bist Teil des großen Ganzen, und das große Ganze ist ein Teil von dir. Das ist meine Haltung zur Religion.

The European: Im 21. Jahrhundert nimmt die Bedeutung von ­Religion scheinbar ab …
Siem: … und das führt zu neuen Problemen. Ohne die Religion fühlen sich viele Menschen verloren. In der Vergangenheit war Religion oftmals simplifizierend und schädlich. Wenn man die Bibel wörtlich nimmt, muss man keine ihrer Passagen hinterfragen. Das macht das Leben sehr einfach. Heute fehlt diese sinnstiftende Struktur, auf die wir uns in der Vergangenheit berufen konnten.

The European: Mit welchen Folgen?
Siem: Die Menschen fühlen sich unsicher, und es ist schwieriger, eine besondere Beziehung aufzubauen. Dieses Gefühl, dass es etwas außerhalb von dir selbst gibt, das trotzdem ein wichtiger Teil von dir ist. Aber wir tragen alle den Samen der Aufklärung in uns. Es ist Fakt: Wir alle haben die Möglichkeit zur Perfektion. Wir haben die Macht, uns und unser Bewusstsein über unsere Instinkte und Vorurteile hinweg zu setzen.

The European: Das klingt sehr utopisch.
Siem: Aber vielleicht stimmt es. Viele Menschen sind heute offener für spirituelle Gedanken und glauben daran, dass immer mehr möglich ist – und dass wir danach streben können.

The European: Das ist ein sehr elitärer Ansatz.
Siem: Unser Kopf kreiert ständig negative Sichtweisen auf die Welt. Religion ist lediglich ein Vorwand, um solche Sichtweisen öffentlich zu machen. Aber sie sind allgegenwärtig.

The European: Hat Musik für Sie eine religiöse Bedeutung?
Siem: Musik bietet mir die Gelegenheit, wirklich zu meditieren und tief in mein Inneres zu blicken. Der Schlüssel dazu liegt in der Herausforderung: Man muss sich an die jeweils nächste Ebene heranwagen. Der steinigste Weg ist der beste, denn nur durch ihn wird man besser. Ich sehe Musik als Herausforderung.

The European: Sie sprechen aus einer relativ privilegierten Position heraus. Für Menschen, denen diese Selbstsicherheit fehlt, ist es schwieriger, ruhig zu bleiben.
Siem: Wenn ich mich gehen lasse, wird niemand zögern, meinen Platz einzunehmen. Wir alle besitzen materielle und geistige Werte, die scheinbar immer von Verlust bedroht sind. Aber wenn wir wirklich ehrlich zu uns selbst sind, merken wir: Wir haben nichts zu verlieren.

The European: Ist Musik Ihre Art, mit Menschen in Kontakt 
zu treten?
Siem: Wenn ich Geige spiele, ist das nur ein Ausdruck von Verbundenheit, ein Versuch, sehr präsent zu sein. Dabei trete ich als Person in den Hintergrund. Wenn ich Menschen direkt treffe, versuche ich wirklich eine Verbindung aufzubauen, die über eine triviale Unterhaltung hinausgeht. Ich glaube, dass das Leben durch solche Kontakte an Wert gewinnt. Deswegen hat man schließlich Freunde, oder etwa nicht?

The European: Hat Ihr Sozialleben unter Ihrer Karriere gelitten?
Siem: Ich glaube nicht, dass ich aufgrund meiner Karriere etwas verpasst habe. Es ist immer einfach, sein Ego von Freunden streicheln zu lassen, die einem genau das sagen, was man hören will. Das ist leicht, aber zu vorhersehbar. Ich versuche, negative soziale Beziehungen zu vermeiden.

The European: Sie machen viel Werbung und viele Foto-Shootings. Müssen Musiker heute attraktiv sein, oder sind solche Shootings lediglich ein Bonus, um Ihre Musik zu verbreiten?
Siem: Ich bin, wer ich bin; ich sehe so aus, wie ich aussehe. Und ich empfinde es nicht als negativ, wenn man sich einer breiten Öffentlichkeit präsentiert – egal, ob in „Vogue“ oder „GQ“ oder „L’Officiel Homme“. Durch solche Magazine werde ich als Violinist bekannter. Das kann doch nicht schlecht sein.

The European: Ist das ein Ansatz, mehr Menschen für klassische Musik zu begeistern?
Siem: Das ist möglich. Aber als Künstler sollte man sich niemals zu sehr darum sorgen, wie man ein Publikum bekommt. Man muss sich selbst treu bleiben, ansonsten wird man irgendwann unglücklich. Ich kann für mich festhalten, dass ich jede Entscheidung in der Überzeugung getroffen habe, ich selbst zu sein.

The European: Und was machen Sie in der nahen Zukunft?
Siem: Raus in die Welt und Geige spielen.

Übersetzung aus dem Englischen

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Walter Kasper: „Es gibt in dieser Welt keine Gerechtigkeit“

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 2/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Vollendung, warum uns der Kampf um das Menschenbild alle angeht. Lesen Sie, wie der Mensch von Morgen aussehen könnte und warum es Gründe gibt, sich vor ihm zu fürchten. Außerdem: Wie eine Welt ohne Fußball aussehen könnte, was die Welt über die deutsche Energiewende denkt und ob der Atheismus das Zeug hat, die neue Weltreligion zu werden.

Sie können es hier direkt bestellen.

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