Homestories sind nicht mein Ding. Helge Schneider

„Das Schlüsselerlebnis von Extremisten ist die Identitätskrise“

Die gesellschaftlichen Spannungen überall auf dem Planeten können auf Kränkungen zurückgeführt werden. Diese Kränkungen führen die Menschen in Identitätskrisen, die sie oftmals nur über gefährliche Auswege bewältigen können. Das Interview führte Oliver Scheiner.

The European: Vor Kurzem ist es gelungen, künstliches Leben zu erschaffen. Wie bewerten Sie diese Erfolge?
Taylor: Künstliches Leben zu erschaffen ist wohl etwas zu hoch gegriffen. Soweit ich das beurteilen kann, wurde lediglich eine Art DNA produziert. Dennoch ist Ihre Frage wichtig. Sollten wir an der Schöpfung bzw. an der menschlichen Beschaffenheit herumbasteln, wie wir es zum Beispiel an Rennwagen tun, um sie noch schneller zu machen? Meine Antwort lautet: Das sollten wir nicht tun. Wir wissen doch noch gar nicht, wie das funktioniert. Es gibt zwar in bestimmten Fällen gute Gründe, solche neuen Verfahren einzusetzen, etwa bei der Therapie genetisch bedingter Krankheiten. Wenn wir allerdings versuchen, aus jedem Menschen einen Mozart zu machen, stoßen wir sehr schnell an unsere Grenzen. Tatsache ist, dass der Großteil des Lobes, das wir bekommen, aus der Interaktion mit vielen anderen Menschen resultiert. Für sich betrachtet, steuern gewisse Gene andere Gene, aktivieren oder deaktivieren sie. Wenn man dies nicht durch und durch nachvollziehen kann, könnten Manipulationen an einer Stelle verheerende Folgen an unerwarteten anderen Stellen nach sich ziehen.

The European: Die Menschen sollten also nicht Gott spielen?
Taylor: Absolut. Dasselbe gilt für die Umwelt. Wir dachten, dass wir durch verschiedene Verfahren mehr Energie produzieren könnten, und nun sehen wir die fürchterlichen Folgen. Wir können niemals Gott spielen, weil wir nicht Gott sind. Andererseits ist es jetzt noch ein bisschen zu früh, um zu diesem Thema Abschließendes zu sagen. Wir wissen einfach noch zu wenig über die großen Zusammenhänge in diesem Forschungsbereich. Aber selbst wenn wir irgendwann in der Lage sein sollten, in die Beschaffenheit des Menschen nachhaltig einzugreifen, sehe ich das problematisch.

The European: Würden Sie zustimmen, dass dies der Anfang eines nächsten Schrittes in der Evolution sein könnte?
Taylor: Nein, das sehe ich in diesem Fall nicht. Ich spekuliere mal drauflos und behaupte, dass wir von uns aus niemals an diesen Punkt gelangen, an dem wir diese Gewissheit haben. Was meinen wir überhaupt mit dem nächsten Schritt in der Evolution? Wahrscheinlich denken wir dabei an eine menschliche Spezies, die nur gute Eigenschaften hat. Aber Menschen sind in der Regel fürchterliche Wesen. Zuallererst sollten wir uns einmal klar werden, warum wir überhaupt so handeln. Erst dann können wir uns darüber Gedanken machen, wie wir ein spezifisches menschliches Wesen erschaffen – vielleicht einen pazifistischen Menschen. Das Ziel ist doch, all die guten Qualitäten zu fördern, damit wir nur noch Beethovens und Mozarts bekommen. Ich bin dennoch sehr skeptisch, dass wir je in der Lage sein werden, das große Ganze zu verstehen.

Gier wird es immer geben

The European: Ein anderes Thema, über das derzeit alle Welt spricht, ist Gier. Was macht uns Menschen gierig? Gehört das zu unserer Natur oder können wir diesen Status überwinden?
Taylor: Gier wird es immer geben, Gier ist eine Versuchung. Krisen wie diese entstehen durch eine besondere Kultur, die dem Ganzen eine heroische Dimension verleiht. Das Beispiel der Investmentbank Goldman Sachs ist sinnbildlich für dieses Verhalten. Für das Unternehmen war die Möglichkeit, wahnsinnig viel Geld zu verdienen, so wichtig, dass sie nachlässig wurden. Das Ende dieser Geschichte war sehr beschämend für Goldman Sachs, aber es zeigt eine Art von Stolz und Heroismus. Die Akteure in diesem Geschäft verhalten sich wie Krieger, sie sind alle irgendwie auf der Suche nach Glanz und Gloria – wie Gordon Gekko in dem Film “Wallstreet”.

The European: Inwiefern?
Taylor: Es gibt Situationen, in denen sich alles gegen einen verschwört. Einerseits sind da die Medien, die alles heroisieren, andererseits fehlt die Aufsicht, die den Akteuren erlaubt, einfach weiterzumachen. Sie fühlen sich dadurch sogar noch angefeuert und bilden sich ein, diese Gier sei gut für die Wirtschaft und auch für den Einzelnen.

The European: Die neuen Social-Media-Plattformen bieten uns die Möglichkeit, ein anderes Bild von uns selbst zu entwerfen. Wir können uns selbst sozusagen neu erfinden. Inwiefern verändert das unsere Selbstwahrnehmung?
Taylor: Das ist schwer zu sagen, weil man hier im Einzelfall prüfen muss, inwiefern sich der Einzelne in den sozialen Netzwerken anders präsentiert als in sogenannten realen Beziehungen. Es herrscht im Web allerdings ein sehr hohes Maß an Anonymität, daher kann man in dieser virtuellen Welt durchaus ein Alter Ego erschaffen. Online-Welten wie Second Life zeigen da ein hochinteressantes Phänomen auf, nämlich, inwieweit dieser artifizielle Charakter in das reale Leben hineinstrahlt.

The European: Kopernikus hat den Menschen durch seine Entdeckungen einst aus dem Zentrum des Universums geworfen. Vor Kurzem wurden seine Gebeine in den Frauenberger Dom überführt. Leidet der Mensch noch immer an dieser Kränkung, die er durch Kopernikus erfahren hat?
Taylor: Ich halte das für ausgemachten Unsinn. Damals war die Denkweise der Menschen eine ganz andere. Die vormodernen Kosmosvorstellungen gingen natürlich davon aus, dass die Erde im Mittelpunkt des Universums steht. Die Entdeckung von Kopernikus hat aber den Menschen nicht aus dem Zentrum seiner Betrachtungsweise vertrieben. Diese Sichtweise scheint mir zurückgewandt. Darwin hingegen kränkte die Menschheit aus einem anderen Grund. Er störte das christliche Weltbild empfindlich, indem er dem Kosmos den harmonischen und gerechten Urgrund absprach. Während noch Newton davon ausging, dass es einen gütigen Schöpfer geben müsse, sagte Darwin an dieser Stelle Nein. Schließlich kam Freud, der mit seiner Theorie auch noch das Ego bzw. die Seele entthronte.

The European: Martin Rees, der Astronom der Queen, erklärte einmal in einem Interview: Der Bauplan des Menschen ist derart gestaltet, dass er in der Savanne überleben kann. Heute beobachtet er die fernsten Galaxien. Hat sich die Menschheit selbst übertroffen?
Taylor: Vielleicht überschätzen wir uns ein wenig selbst. Das liegt aber nicht daran, dass wir heute in der Lage sind, in weit entfernte Galaxien zu schauen. Wir scheitern an dem Versuch, alles zu kontrollieren, wo wir doch noch nicht einmal genau sagen können, was wir sind. Es ist schwer zu bewerten, was unser Einmischen in die Natur gebracht hat. Vielleicht haben wir sogar in der Savanne bereits versagt. Menschen jagen in großen Gruppen, die Fähigkeit zu sprechen hat dies ermöglicht, insofern sind Menschen in der Lage, Aktionen zu koordinieren. Wir haben es in diesem Stadium der Menschheitsgeschichte fertiggebracht, sehr große Säugetiere zu erlegen; wir haben dafür gesorgt, dass einige Säugetiere heute bereits ausgestorben sind. Man könnte also behaupten, wir hätten schon damals damit begonnen, unsere Fähigkeiten zu überschätzen.

The European: Rees sagt zudem, dass er ein praktizierender Christ sei, aber nicht gläubig. Brauchen wir ein neues Gotteskonzept, um uns als moralische Menschen zu definieren?
Taylor: Nein, wir brauchen kein neues Konzept, weil unsere Welt einen spirituellen Pluralismus bietet. Es werden sich von selbst neue Konzepte entwickeln, wobei der andere Teil der Menschheit gläubig bleiben wird. Wir leben in einem Zeitalter unglaublicher spiritueller Vielfalt. Dabei gehen wir definitiv nicht einfach von einer Religion in die nächste über. Das Interessante an unserer Zeit ist, dass absolut gar nichts das Grundkonzept von Religion ersetzen kann.

The European: In Europa diskutieren die Menschen viel darüber, ob sie eine gemeinsame Identität besitzen. In der aktuellen Krise würde ein gemeinsames Fundament helfen. Glauben Sie, dass die Europäer eine solche gemeinsame Identität teilen?
Taylor: Diese Frage ist für einen Außenstehenden schwer zu beantworten. Einerseits treffe ich auf meinen Reisen durch Europa junge Menschen, die sich auch europäisch fühlen. Andererseits gibt die Krise Griechenlands auch Anlass zur Sorge. Deutschland präsentierte sich immer gerne als Mr. Nice Guy und plötzlich hieß es aus Berlin, dass man da nicht mehr mitmachen wolle. Das war nicht in Ordnung, auch wenn die Deutschen die größten Leistungen erbracht haben. Dieses Verhalten macht die Grenzen der Solidarität deutlich – und Europa wird ohne irgendeine Form von Solidarität nicht bestehen können.

The European: Die Europäer fragen sich, konfrontiert mit dem Islam, ob eine freiheitlich organisierte Gesellschaft für muslimische Migranten überhaupt attraktiv sein kann. Was glauben Sie?
Taylor: Aber selbstverständlich ist das attraktiv für Muslime. Das sieht man doch überall, wo man nur hinschaut. Das einzige Problem, das in einigen europäischen Gesellschaften zu beobachten ist, entspringt der Tatsache, dass nicht alle zugewanderten Muslime von der freiheitlichen Organisation dieser Gesellschaften profitieren. Sie sind nicht vollständig integriert. Schauen Sie sich doch die Ausschreitungen in den Pariser Banlieues im Jahr 2005 an. Die wurden nicht von tief religiösen Muslimen entfacht, sondern von Kids mit nordafrikanischen Wurzeln, die ein wenig verwirrt ob ihrer (religiösen) Identität waren. Sie fühlten sich von oben herab behandelt, verachtet und diskriminiert. Diese Situationen werden unglücklicherweise schnell zu Selbstläufern. Die Jugendlichen bekommen wegen ihrer Nachnamen keine Jobs, was wiederum soziale Spannungen nach sich zieht. Für diesen Komplex Lösungen zu finden ist eine der großen Herausforderungen. Reiche Gesellschaften bieten ihren nachkommenden Generationen großen Wohlstand. Doch wenn dieses Versprechen sich für bestimmte soziale Gruppen nicht erfüllt, sind Entfremdung und große Wut die logische Konsequenz. Eine Folge kann eine äußerst kompetente muslimische Identität sein – der Islam ist eine sehr vielschichtige Religion.

Fehlender Respekt macht wütend

The European: Ist die freiheitliche Organisation Europas auch für Minderheiten attraktiv?
Taylor: Unbedingt. Dass Minderheiten vor allem in schwierigen Lebensumständen aufbegehren, ist ein bekanntes Phänomen, das durchaus auf Identitätskrisen zurückführbar ist. Einige dieser Jugendlichen schließen sich dann islamistischen Extremisten an. In den USA gibt es das natürlich auch. Der letzte Versuch eines Bombenanschlags in New York wurde von einem jungen, sehr gebildeten Pakistani ausgeführt. Diese Menschen sind gefährlich, die müssen wir beobachten. Das Schlüsselerlebnis dieser Menschen ist die Identitätskrise, die im gesellschaftlichen Kontext eine größere Bedeutung gewinnt. Dieses Verhalten mündet nicht zwangsläufig im islamischen Fundamentalismus, aber wir müssen verstehen, dass Jugendliche wütend werden, wenn ihre Bewerbungen für Jobs nicht berücksichtig werden, weil die Postleitzahl auf dem Briefumschlag verrät, dass sie aus einem Banlieue kommen. Sie fühlen sich ausgeschlossen, weil das große gesellschaftliche Versprechen “Liberté, Egalité und Fraternité” nicht für sie zu gelten scheint. Das führt zu der sogenannten “Beur-Identität”. “Beur” nennen die Franzosen die zweite Generation von Einwanderern aus Algerien.

The European: Diese jungen Menschen sitzen also zwischen den Stühlen. Befinden sie sich in jenem “dritten Raum”, wie der Kulturwissenschaftler Homi Bhabha schreibt?
Taylor: In diesem “dritten Raum” gibt es zig Möglichkeiten, ein gutes Leben zu führen. Uns muss klar sein, dass diese jungen Menschen, wenn die Gesellschaft sie nicht respektiert und ihnen keine Perspektive bietet, sehr wütend werden und sie sich auf die Suche nach anderen Identitätskonzepten machen. Das muss wie bereits gesagt keine religiöse Form annehmen, es könnte das Konzept der “Beurs” sein.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Helen Thomas: „Man muss große Reformen wollen“

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